Leipzig

Ein Geschenk aus Miami

von Marianne Stars

Große Freude herrscht am Mittwochnachmittag in der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Grund sind der Empfang und die Einbringung einer Torarolle in die Synagoge. Das Gemeindezentrum in der Löhrstraße füllt sich rasch vor der feierlichen Begrüßung der weitgereisten Gäste. Alle Stühle sind im Nu besetzt, aber niemand murrt, weil er stehen muss. Und es stehen viele der weit mehr als 100 Gäste. Manch einer überbrückt die Wartezeit und schaut sich die Ausstellung der Fotografin Galina Krol an, die seit 2002 in Leipzig lebt.
Auf dem Tisch vor den Stuhlreihen wird die Torarolle aus der goldbestickten Hülle genommen. Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde, und Joachim Aris, Präsident des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Sachsen, liegen sich bei der Begrüßung in den Armen. Immer mehr Menschen drängen in die überfüllten Räume. »Welcome to Leipzig«, heißt es plötzlich. »You see the Tora.« Dann tritt ein sonnengebräunter Küf Kaufmann ans Mikrofon und beginnt: »Lieber Herr Rabbiner Spinner, liebe Gäste aus dem fernen Amerika« seine kurze Rede. »Sie schenken uns heute eine ko‐
schere Torarolle. Sie ist mehr als ein heiliger Gegenstand, sie ist Symbol und Inkarnation von allem, was für das Leben eines Juden Mittelpunkt ist. Die Tora ist die Quelle unseres Wissens und unserer Ethik. Die jüdischen Menschen leben heute, weil sie sich streng an die Gesetze der Tora, die Gott ihnen gab, hielten. Wir danken für das wunderbare Geschenk, das uns zurück zu unseren Wurzeln führt. Die Tora von Miami wird in Leipzig leben und ihre Botschaft wird in unseren Häusern lebendig sein.«
Die Gemeinde dankt den Tora‐Stiftern Abraham und Leonard Wien sowie Russel Galbut. In einer berührend‐aufwühlenden Rede spricht Leonard Wien über die Gründe, die ihn und seine Freunde dazu führten, diese Reise in den Winter nach Leipzig anzutreten. »Unsere Reise und das Geschenk sind allen Mitgliedern der Familie gewidmet, die im Holocaust umgekommen sind«, sagt er. »Nur wenige haben überlebt.« Leonard Wien ist sichtbar überwältigt von seinen Gefühlen. Die Tora sei für ihn ein Denkmal im Andenken an die Toten und ein Zeichen des Lebens: »von unseren Vorvätern an Sie weitergegeben, in der Hoffnung, dass Sie sie in Ehren halten werden.« Die Schriftrolle, vor 90 Jahren in Kiew geschrieben, sei unschätzbar und zeuge von Stärke. »Diese Tora soll Brücken bauen und der Anfang einer starken Verbindung zwischen den jüdischen Gemeinde Miami und Leipzig sein«, wünscht Leonard Wien.
Zu verdanken hat die Gemeinde das großzügige Geschenk auch dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der die Übergabe erst ermöglichte. Das Blitzlichtgewitter der Fotografen, Gesang und Tanz begleiten das symbolische Nachzeichnen der letzten Schriftzeichen. Männer singen immer wieder »Am Isral chai«, »Das Volk Israels lebt«. Auch als nach etwa einer Stunde die Torarolle unter der Chuppa hinaus in den kalten Winterabend und in die Synagoge hineingetragen wird, reißt der Gesang auf der abgesperrten Straße nicht ab. Jetzt sind viele Masel‐Tov‐Rufe zu hören. Die ausgelassene Stimmung verbreitet sich weiter in der Synagoge, in der Küf Kaufmann und Leonard Wien gemeinsam die Torarolle in den Schrank einheben und den roten Vorhang zuziehen.
Interessierter Beobachter ist auch der Leipziger Künstler Michael Wilhelm, selber kein Mitglied. Trotzdem kennt er sich aus und weiß, dass die Tora über 600.000 Zeichen hat und die fünf Bücher Mose enthält. Und er weiß, dass Tanz und Bewegung in der jüdischen Tradition eine große Rolle spielen. »Es ist ein Ausdruck der Le‐
bensfreude. Man tanzt einfach«, sagt er. Wieso er das weiß? Weil er gemeinsam mit Eta Zachäus, Mitglied der Gemeinde, in Leipzig eine Ausstellungsserie zum jüdischen Leben initiiert hat.
»Durch die Ausstellungen über jüdisches Essen und die jüdische Hochzeit ha‐
ben wir zum Beispiel erreicht, dass sich unsere Gemeindemitglieder besser integrieren«, erklärt Eta Zachäus. Bei den Alltagsdingen verlören sie die Angst vor der deutschen Sprache. »Außerdem zeigen wir damit, dass es uns wieder gibt mit immerhin 1.300 Gemeindemitgliedern. Mit unseren Ausstellungen wollen wir Schwellenängste und tradierte Vorurteile abbauen.« Anlässlich der Jüdischen Woche im Juni ist eine Exposition zum Thema jüdischer Tanz geplant.
Dass Tanz Lebensfreude ausdrückt, be‐
kamen auch die Mitarbeiter des benachbarten Reisebüros Sonnenfeld zu spüren. »Wir haben hier einen perfekten Blick nach draußen und konnten gerade verfolgen, mit welcher Freude die Tora hierher getragen wurde«, sagt Reisekauffrau Katrin Schulze.

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