Burt Schuman

Ein Entertainer

von Gabriele Lesser

»Oberrabbiner von Beit Warszawa« steht stolz auf der Visitenkarte von Burt E. Schuman. Bislang hatten nur die orthodoxen Gemeinden Polens einen Oberrabbiner. »Aber jetzt bin ich da«, freut sich der 58jährige New Yorker. »Ich lerne Polnisch Tag und Nacht«, beteuert er und lacht übers ganze Gesicht. Noch klingt das Polnische sehr amerikanisch. »Meine Familie kommt aus Galizien«, erzählt Schuman gut gelaunt. »Polen ist also das Land meiner Vorfahren. Und es ist großartig, nun ausgerechnet hier eine eigene Gemeinde zu haben.«
Warschau sei nur der Anfang. In ganz Polen gebe es liberale Juden, die auf der Suche nach einer geistigen Heimat seien. »Ich werde sie sammeln und ihnen den Rücken stärken. Und sollte gar eine Bewegung liberaler Juden in Polen entstehen, hätte ich nichts dagegen«, grinst er breit und kneift listig ein Auge zu.
Polens neuer liberaler Rabbiner ist der geborene Entertainer! Kraft und Enthusiasmus wird er auch brauchen. Denn bislang sind alle Versuche gescheitert, dem konservativen und liberalen Judentum in Polen wieder eine Zukunftsperspektive zu geben. Offiziellen Zahlen zufolge kann es in Polen eigentlich gar keinen religiösen Pluralismus geben. Denn in der letzten Volkszählung bekannten sich gerade mal 1.000 Menschen in Polen zum Judentum. Von den sieben Gemeinden, die im jüdischen Gemeindebund Polens zusammengeschlossen sind, stellt Warschau mit rund 400 Mitgliedern die größte. Insgesamt gibt es in Polen zur Zeit kaum mehr als 2.000 am religiösen Leben interessierte Juden. Allerdings habe dies auch viel mit dem Zwang zur Orthodoxie zu tun. Bis vor kurzem gab es einfach keine Alternative.
So dauerte es nicht lange, bis es zwischen dem orthodoxen Oberrabbiner Polens Michael Schudrich und dem konservativen Rabbiner Ivan Caine von Wroclaw (Breslau) zum großen Krach kam, als die jüdische Gemeinde im westpolnischen Wroclaw es wagte, an die berühmte Vorkriegstradition der Breslauer liberalen Gemeinde anzuknüpfen. Der Streit eskalierte, als eine Gruppenkonversion anstand. Am Ende mußte Caine Polen verlassen.
Insbesondere die 19 Konversionskandidaten erinnern sich nur ungern an das verhinderte rituelle Tauchbad. Sie seien gar keine »echten Juden«, erklärte ihnen der orthodoxe Rabbiner von Krakau. Er versperrte ihnen in einer höchst dramatischen Szene den Eingang zur Krakauer Mikwe. Wenn sie »echte Juden« sein wollten, müßten sie ihre Prüfung vor einem orthodoxen Rabbinatsgericht ablegen. Konversionen vor konservativen oder gar liberalen Rabbinern seien ungültig. Die Gemeinde in Wroclaw verlor später aufgrund internen Streits ihre Selbständigkeit. Sie untersteht heute dem orthodoxen Oberrabbiner Michael Schudrich.
Auch in anderen Städten Polens regt sich Widerstand gegen die orthodoxe Dominanz. Zu Gemeindeabspaltungen wie in Warschau, Posen oder Danzig kommt es allerdings nur selten. Dafür sorgt schon die finanzielle Abhängigkeit der Gemeinden. Niemand will es sich mit der amerikanischen Lauder‐Stiftung oder anderen Geldgebern verderben. So werden Rabbiner ertragen, die Frauen weder ansehen noch ihnen die Hand reichen und die sich nicht einmal die Mühe machen, auch nur ein paar Worte Polnisch zu lernen. Dafür lesen sie aber am Schabbat aus der Tora und können vielleicht in den USA ein paar Dollar für ein polnisch‐jüdisches Projekt loseisen.
Beit Warszawa ist die einzige jüdische Gemeinde in Polen, die dank der Unterstützung des Filmproduzenten und Künstleragenten Seweryn Aszkenazy ihre Unabhängigkeit bewahren konnte. Die »Kultur‐ gemeinschaft«, wie die liberale Gemeinde offiziell heißt, hat gut 200 eingetragene Mitglieder. Zu den Hohen Feiertagen kann es in der als Synagoge dienenden Villa am Stadtrand Warschaus aber schon mal eng werden. 500 Beter und Beterinnen sind dann keine Seltenheit. Seit Beit Warszawas Gründung 1999 kamen immer wieder liberale Rabbiner und Rabbinerinnen aus den USA, Israel, Deutschland und anderen Ländern zu Besuch.
Burt Schuman, der in den vergangenen elf Jahren in der Temple‐Beth‐Israel‐Gemeinde im pennsylvanischen Altoona als Rabbiner amtierte, ist der erste liberale Vollzeit‐Rabbiner Polens seit der Schoa. Zur offiziellen Amtseinführung kam denn auch Uri Regev, der Präsident der World Union of Progressive Judaism. »Wir liberalen Juden stellen schon heute die größte jüdische Gemeinschaft in der Welt«, sagte er. »Doch ohne die liberalen Juden Polens wären wir nicht komplett.«
Die von der Lauder‐Stiftung mitfinanzierte Monatszeitschrift »Midrasz« fürchtet allerdings ein weiteres Auseinanderfallen der ohnehin schon kleinen orthodoxen Gemeinden. »Wer ist Jude?«, fragt sie daher dramatisch in ihrer neuesten Nummer. Schuman läßt sich dadurch nicht beirren. Gut gelaunt tanzt er durch die Ge‐ meinde und versprüht ansteckende Fröhlichkeit. »Ich bin zu Hause angekommen. Meine Großeltern kamen doch von hier … Und wenn es ein Problem geben sollte, mit der Mikwe oder dem jüdischen Friedhof, bauen wir uns eben unsere eigenen. Where is the problem?«

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