Marseille

Ein bisschen Frieden

von Holger Biermann

Die schwere Sicherheitstür zur Großen Synagoge von Marseille ist weit geöffnet. Auf der Schwelle steht der Portier. Die Post kommt. Der Wagen parkt direkt vor der steinernen Mauer, und auf der Ladefläche sieht man den Fahrer große Postsäcke bewegen. Es dauert eine Weile, bis der Bote alle Sendungen im Schatten der Straße ins Gemeindehaus gebracht hat. Erst danach dürfen wieder Besucher in das Gemeindehaus eintreten. Man ist vorsichtig in Marseille. Vor fünf Jahren ging die kleine Synagoge Or Aviv bei einem Brandanschlag in Flammen auf. Die Erinnerung daran ist noch wach.
Im ersten Stock des Gemeindehauses sitzt Evelyne Trodjmann in ihrem Büro. Die 64‐Jährige kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde. Zuvor war sie 13 Jahre lang Sekretärin des großen Rabbiners Jacques Ouaknin. Wer in Marseille Geschichten über das Leben der Juden und deren Vergangenheit hören möchte, der kommt zu ihr. Schüler‐ und kleine Touristengruppen führt sie regelmäßig für anderthalb Stunden durch die Synagoge. Zuletzt kamen Besucher aus der Schweiz und aus Polen. Trodjmann sagt, oft hätten viele Kinder am Anfang gar keine Lust, das Bethaus zu sehen, und dann – ganz langsam – fände ein Austausch statt. „Es ist die Sprache, die uns verbindet“, erklärt sie. „Weil wir insgeheim alle an denselben Gott glauben. Wir nennen ihn nur anders und feiern sein Fest nicht am selben Tag. Aber ganz ähnlich: mit Gesängen, mit Gebeten, mit Fasten …“
Draußen hinter dem Fenster brennt die Nachmittagssonne. Evelyne Trodjmanns Büro liegt zum Hof hinaus. Würde es auf der anderen Seite des Flurs liegen, könnte man von hier aus jetzt das bunte Treiben auf der schmalen Rue Breteuil beobachten, an die das Gemeindehaus grenzt. Schwarze und Weiße, Araber und orthodoxe Juden, Bauarbeiter, Anzug‐ und Turbanträger, stumme Bettler und laute Händler, Fischer und Hafenarbeiter. Sie alle vereint Marseille in den Gassen und Boulevards rund um den historischen Hafen. Ein Durcheinander, das in dieser ältesten Stadt Frankreichs schon immer ein enges Nebeneinander war, seit griechische Seefahrer die Stadt 600 v.d.Z. gründeten.
Juden wohnen in Marseille seit der Antike. 80.000 sollen es heute sein. Die Gemeinde selbst zählt 5.000 Mitglieder, 48 Rabbiner und 44 Synagogen, verteilt über die ganze Stadt. Jüdisches Leben in direkter Nachbarschaft zu Muslimen (über 120.000 gibt es in der Stadt), Buddhisten (20.000) und der großen christlichen Mehrheit. „In Marseille leben sie alle zusammen – in derselben Armut. Also können sie sich nicht hassen“, erklärt Evelyne Trodjmann. Und dann fügt sie ernst hinzu: „Wer die Leute hier trennen will, das sind die Extremisten.“
Erinnerungen steigen auf. Draußen im Sonnenlicht hängen noch immer an jeder zweiten Straßenecke die Bilder eines dieser Radikalen. Sein Name: Jean‐Marie Le Pen. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf der vergangenen Monate warb der Parteivorsitzende der rechtsextremen Front National für eine Politik der starken Aus‐ und Abgrenzung gegenüber fremden Kulturen. In Marseille gewann er damit einen Stimmenanteil von 13,8 Prozent. Bei der vorangegangenen Präsidentenwahl im Jahr 2002 waren es sogar 22,4 Prozent. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde bekamen es damals mit der Angst. Für sie ist Le Pen der große Brandstifter. Sie halten ihn für gefährlich, weil Sätze von ihm wie „Die Schoa ist ein Detail der Geschichte“ Spuren hinterlassen.
Laut Statistik ist die Zahl der Ausschreitungen gegenüber Juden in Frankreich in den vergangenen Jahren gestiegen. Beschimpfungen, Drohungen oder das Klauen der Kippa gehören immer öfter zum Alltag. In Paris, sagt Evelyne Trodjmann, gebe es Rabbiner, die die Leute inzwischen dazu aufforderten, die Kopfbedeckung nicht mehr öffentlich zu tragen. Soweit ist es in Marseille noch nicht. Und doch schüttelt Trodjmann nur traurig mit dem Kopf, wenn sie laut darüber nachdenkt, was für Gedanken wohl „in diesen jungen Köpfen herumspuken“ müssen.
Rückblende: 1992. Im Schatten des Golfkriegs und der Intifada ruft in Marseille Bürgermeister Robert Vigouroux die Vertreter aller Konfessionen der Stadt zu einem Treffen zusammen. Ziel ist, die Wellen der Empörung, die die Auseinandersetzungen im Nahen Osten auslösen, zu beruhigen. Mit dabei ist nicht nur der Dalai Lama, sondern – im Gefolge Rabbiner Ouaknins – auch Evelyne Trodjmann. Als Augenzeugin am Runden Tisch erlebt sie die Gründung des „Marseille Espérance“, eines städtischen Vereins, der sich die religiöse Verständigung zur Aufgabe machen will. Ein Projekt, über das bald ganz Frankreich spricht, weil es funktioniert. Die Spannungen gehen zurück – zumindest in Marseille, wo es im Gegensatz zu Paris nie Ghettos gab. Wenn Evelyne Trodjmann heute, 15 Jahre später, auf ihren Anteil an der Arbeit von „Marseille Espérance“ zurückblickt, dann ist sie zufrieden. Was hat dieser Verein nicht alles auf die Beine gestellt? Regelmäßige Besuche von Schulklassen in Synagogen, Moscheen und dem Kloster der Stadt. Gemeinsame Auftritte von Kindern aller Konfessionen in der Oper von Marseille, gegenseitige Einladungen zu Festen und Gemeinde‐Begegnungen auf verschiedensten Ebenen. Dazu wurden bebilderte Kalender mit den religiösen Feiertagen aller Konfessionen gedruckt und verteilt. „Es entwickelten sich Beziehungen, ja sogar Freundschaften“, sagt Trodjman, „und wir haben ein Beispiel gesetzt, dem andere folgen können.“ Andere wie Rabbiner Michel Serfaty, der immer wieder mit seinem „Bus der jüdisch‐muslimischen Freundschaft“ durch ganz Frankreich fährt und so auf seine Art für ein Miteinander der Religionen wirbt.
Evelyne Trodjmann steigt die Stufen hinab und überquert den Hof der 1864 gegründeten Großen Synagoge. Im schattigen Dunkel bleibt sie vor einer weißen Wand stehen. Darauf sind in schwarzen Lettern 2.500 Namen geschrieben. Es sind die Namen der von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg deportierten Juden aus Marseille. „Wir kennen heute die Namen der Überlebenden, aber längst nicht alle Namen der Verschwundenen“, sagt Trodjmann. Drei Viertel aller Gemeindemitglieder der Stadt verschwanden und starben in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Darunter auch Mitglieder der Familie von Evelyne Trodjmann, die am 21. April 1943 auf der Flucht in Nizza zur Welt kam. „Ich wurde in die falsche Zeit geboren“, sagt sie.
Heute ist die jüdische Gemeinde in Marseille wieder die drittgrößte in Frankreich. Zehn Prozent der französischen Juden leben hier. Bereichert wurde die Gemeinschaft seit 1945 vor allem durch eine starke Zuwanderung aus Nordafrika. Durch viele Tausend Juden, die aus den ehemaligen französischen Kolonien Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten bis 1962 in die Hafenstadt kamen und damit nicht nur die Gemeinde sondern auch das Stadtbild kräftig veränderten. Evelyne Trodjmann: „Die Zuwanderer aus Afrika haben die Gebote und Gesetze der jüdischen Religion damals viel intensiver befolgt und praktiziert als alle Überlebenden. Sie wollten nicht auf koscheres Essen verzichten und haben sogleich neue Lebensmittelgeschäfte und Synagogen eröffnet. Es war eine Freude. Erst damals kehrte das jüdische Leben nach Marseille zurück. Wir anderen haben diesen Zug im Lauf genommen.“

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019