Frankfurt

Drei Küchen, ein Fest

Wenn Imre Moscovic seiner Tätigkeit als Maschgiach nachgeht, merkt man ihm sein hohes Alter kaum an. Mit Bedacht durchforstet er kleine Leberstückchen, entfernt Überreste von Blutgefäßen und Fett mit kurzen Messerschnitten, ehe er die Teile in einen gesonderten Topf packt. »Das ist eine leichte Sache«, sagt der 88‐Jährige. Leicht im Vergleich zu früher, als er es als Feinmechaniker mit Fahrrädern und Schreibmaschinen zu tun hatte. Und doch scheint noch viel von dieser Zeit übriggeblieben zu sein: die Präzision, mit der er die Schnitte setzt, oder die tiefe Konzentration, mit der er sich seiner Aufgabe widmet und sich zugleich gegen den Trubel in der Küche des Henry‐und‐ Emma‐Budge‐Altersheims abschottet.

Vorbereitung Noch geht es vergleichsweise ruhig zu. Vier Mitarbeiterinnen verteilen sich auf die beiden Bereiche der Küche, milchig und fleischig streng getrennt. Doch das Budge‐Heim, das wie ein überdimensionierter Herrensitz am Hang des Frankfurter Lohrbergs thront, ist keine rein jüdische Anlage. Seit ihrer Gründung vor gut 80 Jahren hat sich die Pflegeeinrichtung dem christlich‐jüdischen Zu‐
sammenleben verschrieben und bietet Senioren beider Religionsgemeinschaften ein Zuhause. So geht es »drüben« in der »christlichen Küche« schon hoch her, während Moscovic in Ruhe seine Pflicht tut. Doch auch hier wird schon bald eine gewisse Hektik ausbrechen. »Denn nächste Woche ist Chanukka«, erklärt Moscovic.
Von Vorbereitungen auf die Festwoche ist auf den ersten Blick nicht viel zu sehen. Im Festsaal werden ein paar Möbel zurechtgerückt, ansonsten herrscht in der Seniorenwohnanlage eine gelassene Atmosphäre. Im Eingangsbereich diskutieren einige Bewohner angeregt das politische Tagesgeschehen, während die Empfangsdame Be‐
suchern den Weg weist. Im zweiten Stock ist derweil Rabbiner Andrew Steiman unterwegs, geht seinen Pflichten als Seelsorger nach – im Hinterkopf immer die Planungen für die kommende Woche.
»Ein Großteil der Vorbereitungen ist Networking«, erklärt der 51‐Jährige. Auch wenn er sich selbst nur als »Teil eines Teams« sieht, so ist er doch eher so etwas wie ein Cheforganisator, kümmert sich um die Ausgestaltung der Feiern, das kulinarische und musikalische Programm. An drei Abenden werden Bewohner und Gäste zusammenkommen, um die Erinnerung an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels zu begehen. Die Hauptfeier ist für den fünften Tag Chanukka geplant.
»Ich hoffe, dass es ein schönes Fest wird«, sagt Steiman. Die Musiker der Band »Klezmer Alliance« haben zugesagt, ebenso die Kindertanzgruppe der Frankfurter Gemeinde. Jetzt gilt es noch letzte Vorbereitungen zu treffen, mit Technikern und Pflegepersonal den Ablauf abzusprechen. Für Steiman, der seinen Beruf als »eine Mischung von Showmaster und Sozialarbeiter« definiert, keine ungewohnte Übung. Bereits zum zehnten Mal organisiert er das Chanukkafest im Pflegeheim.
Rund 140 Gäste erwartet der Rabbi –jüdische und christliche Einwohner mit ihren Gästen. Im Gegensatz zu anderen jüdischen Feiertagen, werden die christlichen Einwohner nicht explizit eingeladen. »Wir sehen Chanukka hier nämlich auch als christliches Fest«, erläutert Steiman, »denn ohne den Makkabäeraufstand hätte das Judentum aufgehört zu existieren und das Christentum wäre dann doch nie entstanden.«

Seelsorge Zwischendurch klingelt immer wieder das Telefon. Keine guten Nachrichten. In der Zeit zwischen Advent und Chanukka steigt auch im Budge‐Heim die Zahl der Todesfälle. Doch auch bei den Lebenden ist der Seelsorger in den Wochen vor Chanukka besonders gefragt. Nicht zuletzt weil die christliche Adventszeit, in der Verwandtenbesuche auf der Tagesordnung stehen, auch auf die Atmosphäre unter den rund 50 jüdischen Be‐
wohnern abfärbt – besonders wenn entsprechende Besuche ausbleiben.
Auch anderweitig zeige sich der Einfluss der Vorweihnachtszeit auf Chanukka, glaubt Steiman. So habe sich das Austauschen von Geschenken immer mehr von Purim weg auf Chanukka verlagert. Dass dennoch das klassisch‐jüdische Brauchtum eingehalten wird, darauf legt Steiman wert. »Wir machen hier kein Weihnukka.«
Um die Küche allerdings muss sich Steiman keine Gedanken machen, auch wenn die Alterstruktur der Einwohnerschaft die Mitarbeiter vor zusätzliche Herausforderungen stellt. »15 Prozent unserer Senioren leiden an Diabetes«, erklärt Steiman. Ein Punkt, der bei der Zubereitung von Latkes und Sufganiot bedacht sein will. Für eine gute Verpflegung an Chanukka ist gesorgt, auch weil Imre Moscovic wieder ein Auge in die Küche werfen wird: »Denn Chanukka«, sagt der Maschgiach, »ist für uns alle hier sehr wichtig.«

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