Durchschnittsfamilie

Drei Kinder, Hund, Haus und Kredit

von Sabine Brandes

Jedes Ende ist auch ein Anfang. Dieser Satz hat sich für das Ehepaar Rogel ganz besonders bewahrheitet. Beide kennen mehr als einen Neustart. Jetzt, mit 40 (Joni) und 44 (Ofri), sind sie angekommen in ihrem Zuhause und bei sich selbst. Eigentlich heißen sie Jehonatan und Ofra Rogel, im wirklichen Leben aber sind sie nur Joni und Ofri. Gerade verlassen sie ihre Wohnung, um den Neubau der Familie zu besichtigen. Die Eingangstür bleibt unverschlossen. Der Schlüssel? „Verlegt“, sagt Ofri und lacht. Aber das mache nichts. „Es gibt hier kaum Sachen, die jemand stehlen würde“, fügt sie hinzu und lacht noch immer.
Ofris Mundwinkel zeigen oft nach oben. Sie fühlt sich wohl im Hier und Jetzt. Mit allem Drumherum, auch den kleineren und größeren Schwierigkeiten. „Die haben wir wie alle anderen, ist doch klar.“
2005 zog die Familie in einen Kibbuz im Jisrael‐Tal. Die 800‐Seelen‐Gemeinde ist 20 Autominuten von Nazareth entfernt. Gvat ist ein Kibbuz, der keiner mehr ist. Vor etwa zehn Jahren begann die Umstrukturierung, bei der die meisten ideologischen Werte und genossenschaftlichen Prinzipien aufgelöst wurden. Heute kann man in vielen Kibbuzim eine Wohnung mieten oder sogar Land kaufen, um ein Haus zu bauen. Genau das haben die Rogels getan.
Die Familie besteht aus fünf Mitgliedern: Joni und Ofri und die Kinder Evyatar (9), der aus Jonis erster Ehe stammt, sowie die gemeinsamen Sprösslinge Noa (6) und Iftach (3). Damit sind sie eine typische Familie in Israel. Vor sechs Jahren tauschte Mischlingshündin Chopka ihren Käfig im Tierheim mit einem gepolsterten Körbchen bei den Rogels. Ofri stammt aus Jerusalem, sie lebte lange in Tel Aviv und zog dann mit ihrem ersten Ehemann nach Yechiam im Norden. Joni ist im Kibbuz Gvat geboren, verließ ihn jedoch nach der Armee. Zusammen wohnten sie in Michmoret, einem kleinen schicken Ort mit Meerblick in der Nähe von Netanja.
Dann der Umzug. „Weil wir endlich ein Nest bauen, wirklich sesshaft werden wollten“, erklärt die 44‐Jährige. Ihre jetzige Wohnung ist klein, 60 oder 65 Quadratmeter, genau weiß das niemand. „Ist aber auch nicht mehr wichtig“, meint Joni, „wir wissen ja, die Enge hat ein baldiges Ende. Wir haben sie nicht der Größe wegen gemietet, sondern weil der Ausblick zauberhaft ist.“ Tatsächlich schaut man aus dem Fenster auf das schier endlose frühlingshafte Grün des Jisrael‐Tals. Der Rundgang führt durch ein Wohnzimmer mit einem Sofa, Fernseher und zwei Tischchen, auf denen Waffeln und selbst gebackene Kekse mit Kaffee serviert werden. Daneben ist die offene Küche mit Essplatz in der Mitte, eine Tür führt zum kleinen Balkon. Um die Ecke liegen Eltern‐ und Kinderzimmer. Evyatar hat sein eigenes mit Computer, Noa und Iftach teilen sich eins, das Spielzeug hängt in einem Netz unter der Decke. Israelische Zimmer seien im Allgemeinen klein, sagt Ofri, aber diese seien nicht mehr als „Schuhkartons“. Die Wohnung liegt im ersten Stock, man erreicht sie über einen offenen Aufgang. Vor dem Gebäude leuchten Anemonen, Margeriten und Rosen mit dem satten Rasen um die Wette. „Die Nachbarn kümmern sich um die Beete“, sagt Joni fast entschuldigend, aber die Blumen im neuen Haus werden sicher noch schöner.
Wie sie sich kennenlernten, darüber sprechen Joni und Ofri gern. Es war in einer Theater‐Therapiegruppe vor acht Jahren. Beide hatten gescheiterte Ehen hinter sich, wollten ihre Probleme aufarbeiten. Nach dem ersten Jahr der Therapie waren Ofri und Joni ein Paar, nach dem zweiten trug Ofri das erste gemeinsame Kind unter dem Herzen. Es sei Schicksal gewesen, meinen beide, schauen sich an und lächeln. Sie haben die Therapie nicht bereut.
Nach der Armee hatte Joni am Technion in Haifa begonnen, Physik zu studieren, doch er brach das Studium ab. Heute arbeitet er als Verkäufer von Software für technische Ingenieure. Die bauen, was Industriedesigner entwerfen, vom Handy übers Auto bis zum Türgriff. Er mag seinen Beruf, als Ausgleich arbeitet er manchmal als Physiotherapeut. „Rein aus Spaß an der Freude, nicht um Geld zu verdienen.“ Im Monat bringt Joni im Schnitt 8.500 Schekel mit nach Hause, umgerechnet etwa 1.550 Euro. Je nach Provision ist es mal etwas mehr, mal weniger. Die Firma stellt ihm ein Auto zur Verfügung, üblich vor allem bei größeren Unternehmen.
Ofri ist in einem christlichen Krankenhaus in Nazareth als Hebamme beschäftigt, lernt gerade Arabisch, weil die meisten ihrer Patientinnen christliche Araberinnen sind. Sie arbeitet zwölf Nächte im Monat und verdient 1.150 Euro netto. Der für Israel relativ hohe Verdienst kommt durch Zulagen für Nachtarbeit und Ofris Erfahrung von zwei Jahrzehnten im medizinischen Bereich zustande.
Evyatar und Noa fahren jeden Tag mit dem Bus in die Schule der Nachbargemeinde Sarid. Evyatar besucht die dritte Klasse, seine Schwester die erste. Nach Schulschluss gehen sie in die Nachmittagsbetreuung in Gvat, wo Iftach im Kindergarten ist. Die Kosten für die Betreuung sind hoch. 200 Euro monatlich zahlt die Familie allein für den Kindergarten, hinzu kommen je 100 Euro pro Kind für den Nachmittag, plus jeweils 50 Euro für Essen, Schulausflüge und ähnliches. Insgesamt fallen pro Monat 500 Euro für die Ausbildung beziehungsweise Unterbringung der Kinder an.
An Miete zahlen sie 400 Euro plus 55 Euro Kibbuz‐Abgaben, dazu Strom‐, Gas‐ und Telekommunikationskosten, zusammen 100 Euro. Knapp 350 Euro müssen sie für den Abtrag des Renovierungsdarlehens aufbringen. Insgesamt haben die Rogels Lebenshaltungskosten von knapp 2.000 Euro monatlich ohne Ausflüge, Geschenke, Kleidung oder sonstiges. „Es ist oft knapp, aber geht irgendwie“, beschreibt Ofri die Lage. Geld sparen oder große Extras seien alerdings nicht drin.
Die Rogels sind eine Patchworkfamilie: Bis vor einem Jahr lebte der Neunjährige bei seiner Mutter in Haifa, kam nur an den Wochenenden zu Joni, Ofri und den Geschwistern. Warum die Änderung? Joni erklärt, dass seine Exfrau derzeit in Tel Aviv Modedesign studiert und sehr beschäftigt sei. Evyatar war viel bei den Großeltern, er kam zu kurz. „Glücklicherweise hat sie eingesehen, dass es so besser für unseren Sohn ist“, sagt Joni. Und wie findet es Evyatar? „Toll! In der Schule habe ich drei Freunde, zu Hause sind meine Geschwister, da ist es nie langweilig.“ An den Wochenenden fährt er nach Haifa, dann sei seine Mami ganz für ihn da. Für Ofri sei es kein Problem gewesen, als Jonis Sohn bei ihnen einzog. „Im Gegenteil, es ist gesund für ihn und seine Geschwister.“ Sie betont aber auch, wie wichtig die Verbindung zwischen Evyatar und seiner Mutter ist.
Auf dem Weg von der Wohnung zum Rohbau kommt Jonis Bruder auf dem Fahrrad entgegen. Auch Jonis Vater und Mutter wohnen noch hier. Die Eltern von Ofri sind mittlerweile von Jerusalem in ein betreutes Wohnheim in Migdal Ha’Emek gezogen, um näher bei der Tochter zu sein. „Es ist schön zu wissen, dass die Familie in der Nähe ist“, finden sie.
Das neue Haus ist ihr Traum. Eigentlich ist es eine alte Kibbuz‐Baracke, die umgebaut und erweitert wird. In den Zimmern hängen noch die Kabel aus Decken und Wänden, der Boden besteht aus Sand. Doch die Familie sieht sich schon bei der Einrichtung, beschreibt voller Vorfreude, wie es aussehen wird: Jedes Kind bekommt ein eigenes Zimmer, die Eltern ein Schlafzimmer mit begehbarem Schrank und Extrabad. Das Ehepaar strahlt, als es im zukünftigen Wohnzimmer steht. „So ein Haus haben wir uns gewünscht. Aber nur in einem ehemaligen Kibbuz ist es zu bezahlen. An keinem anderen Ort hätten wir uns das leisten können.“ Für den Altbau haben sie um die 30.000 Dollar an den Kibbuz gezahlt, die Restaurierungsarbeiten werden rund 70.000 Dollar kosten. Für das Grundstück, insgesamt 500 Quadratmeter, kommen weitere 50.000 Dollar hinzu. Ein 140‐Quadratmeter‐Haus für 150.000 Dollar, derzeit weniger als 100.000 Euro, ist ein echtes Schnäppchen in Israel. „An anderen guten Orten, die für uns infrage gekommen wären, hätte es mindestens das Doppelte gekostet, das könnten wir uns niemals leisten“, so der Familienvater.
Vom Traumhaus geht es nach einem Abstecher auf dem Spielplatz zurück in die Wohnung. „Ein paar Monate noch“, seufzt Joni, „dann ziehen wir endlich um.“ Im Juli sollen sie die Schlüssel zum neuen Haus bekommen, „Und die“, da sind sich beide sicher, „werden wir niemals verlegen.“

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