Geschichtsfernsehen

Doku ohne Soap

Von Michael Wuliger

Dass ausgerechnet das deutsche Fernsehen die seit 20 Jahren weltweit erste große TV-Dokumentation über die Geschichte der Juden produziert hat und jetzt ausstrahlt, wird bei manchen Skepsis auslösen. Das deutsch-jüdische Verhältnis ist aus bekannten Gründen alles andere als entspannt. Wenn die Erben der Täter sich mit Geschichte und Gegenwart der Opfer befassen, spielt dabei oft ein unangenehm kompensatorischer Zug ins Philosemitische hinein.
Die sechsteilige Serie Die Juden – Geschichte eines Volkes, die Arte am 6. und 7. März und die ARD ab 11. März zeigen, tappt nicht in diese Falle, sieht man vom Vorspann ab, in dem penetrant von »genialen Denkern, Wissenschaftlern und Künstlern« die Rede ist, wozu die Köpfe von Albert Einstein, Hannah Arendt, Sigmund Freud, Woody Allen und Barbra Streisand gezeigt werden. Das ist jedoch zum Glück der einzige Ausrutscher ins Stereotype. Die restlichen viereinhalb Stunden der 1,5 Millionen Euro teuren Serie sind Dokumen-ta tionsfernsehen von hohem Niveau – inhaltlich wie handwerklich.
Die 270-minütige Reise durch 3.000 Jahre jüdischer Geschichte beginnt mit dem Propheten Esra, der nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil die mündlichen Legenden der Juden niederschrieb und damit dem Volk Israel seine Verfassung gab, die Tora. Sie endet mit Bildern von der Vielfalt jüdischen Lebens heute – in Israel, den USA, Osteuropa und auch Deutschland. Dazwischen werden in je 45 Minuten langen Folgen die Etappen jüdischer Existenz durch die Jahrhunderte gezeigt: Zerstörung des Zweiten Tempels und Zerstreuung unter die Völker; Sefardim im lange toleranten Spanien und Aschkenasim im Mitteleuropa der Kreuzzüge; Schtetl und Emanzipation; Aufklärung und Chassidismus; Assimilation, Auswanderung, Antisemitismus, Zionismus.
Nur knapp eine Viertelstunde ist im letzten Teil der Serie, Überleben, der Schoa gewidmet. Die »Endlösung« wird in ihrer historischen Einzigartigkeit dargestellt, die Doku-Macher setzen aber das Wissen um die Details voraus und verzichten darauf, dem Thema breiten Raum zu geben. »Über den Holocaust hat es sehr viele Filme gegeben«, sagt Produzent Uwe Kersken. »Wir wollten zeigen, dass das Judentum mehr ist als das schlimmste Kapitel seiner Geschichte.«
Die anderen Kapitel erzählen Nina Ko-shover und Sabine Klauser, die für Buch und Regie verantwortlich zeichnen, chronologisch, aber nicht einfach linear entlang den Jahreszahlen. Der Film wechselt immer wieder die Zeit- und Ortsperspektiven, verknüpft die Vergangenheit mit der Gegenwart. Die große Auswanderungswelle aus dem russischen Ansiedlungsrayon nach Amerika im 19. Jahrhundert beispielsweise wird anhand der Autobiografie Promised Land von Mary Antin skizziert, die 1881 im weißrussischen Witebsk geboren wurde und mit zehn Jahren in die USA kam. Dabei kommen, wie in den anderen Sequenzen, sämtliche Darstellungsformen zum Einsatz: Spielszenen, historisches Material, Computeranimationen und zum Schluss aktuelle Aufnahmen von Mary Antins Urenkelin, einer jüdischen Countrysängerin.
Bei aller technischen Ausgefeiltheit verzichtet die Produktion auf Schnick-schnack und Effekte. Die Erzählweise ist klassisch, die Schnitte ruhig, die Musik sparsam eingesetzt und unaufdringlich. Etwas störend ist allein der streckenweise pädagogische Gestus des Off-Kommentars, der durch die gelegentlich märchenonkelhafte Stimme von Sprecher Bernt Hahn noch verstärkt wird.
Die Juden – Geschichte eines Volkes ist eine im guten Sinne konventionelle TV-Dokumentation. Die klassische Machart ermöglicht es dem Zuschauer, die in zwei Jahren Dreharbeit entstandene Fülle und Vielfalt der Bilder zu verdauen, ebenso wie die Menge und Dichte der Fakten. Für letztere sorgen auch jede Menge bekannter »Talking Heads«, sprich, eingeblendete Experten, unter ihnen der Augsburger Rabbiner Henry G. Brandt und der Münchner Historiker Michael Brenner. Die Judaistikprofessoren Raymond Scheindlin aus New York und Klaus Dawidowicz aus Wien haben die Serie wissenschaftlich beraten.
Neue oder überraschende Perspektiven auf die jüdische Geschichte liefert die Serie nicht. Dafür bietet sie ein, gemessen an vielen anderen historischen TV-Dokumentationen, beachtliches Maß an umfassender, differenzierter und in die Tiefe gehender Information, wie sie offenbar nicht nur für das deutsche Fernsehpublikum interessant ist: Produzent Kersken verhandelt bereits mit amerikanischen und israelischen Fernsehsendern über die Aus- landsrechte.

Arte zeigt »Die Juden – Geschichte eines Volkes« in zwei Blöcken am 6. und 7. März jeweils um 20.40 Uhr. Die ARD strahlt die Serie in sechs Folgen vom 11. März bis 15. April jeweils sonntags um 17.30 Uhr aus.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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