Ein ganz gewöhnlicher Jude

Django im Tallit

von Melanie Feuerbacher
und Roland Ernst

Er leidet an sich selbst wie an nichts Gu‐tem. Ist es Selbsthaß oder unverstandene, unerwiderte Liebe zu den nichtjüdischen Deutschen? Emanuel Goldfarb, Journalist in Hamburg, Sohn eines jüdischen Emigranten und einer Mutter, die der Hölle der Schoa entkommen konnte, ein Mann in den krisengeschüttelten Mittvierzigern, ist in einer Ausnahmesituation. Die Jüdische Gemeinde Hamburg hat ihm den Brief eines Oberstudienrats zugeleitet, der darum bittet, doch einen »jüdischen Mitbürger« in seiner Schule vorbeizuschicken. In seinem Unterricht wolle er das Judentum behandeln und der Frage nachgehen, wie Juden heute in Deutschland leben. Unterschrieben ist der Brief mit einem gutgemeinten, wenn auch reichlich verwirrenden »friedlichem Schalom«. Für Goldfarb der Auslöser, in einen gnadenlosen Monolog zu versinken.
88 Minuten lang redet sich Ben Becker in Oliver Hirschbiegels Film Ein ganz gewöhnlicher Jude, der diese Woche in die Kinos kommt, Gefühle von der Seele, wie sie wohl viele deutsche Juden seiner Generation spüren. Ihn ängstigt und ekelt gleichermaßen »das deutsche Betroffenheitsgesicht, das Gedenk‐Ansprachen‐im‐Bundestag‐Gesicht«. Den »Ach‐wie‐war‐das‐schrecklich‐Reflex« kann er »genauso wenig leiden wie Martin Walser. Aber manchmal muß man auch im Haus des Henkers vom Strick reden«.
Goldfarb spricht seine Gedanken und Erinnerungen in ein Diktiergerät. Sozusagen Becketts Das letzte Band auf jüdisch und modern. Er sitzt in seiner Wohnung, in der ein Klischee das nächste jagt: Hannah‐Arendt‐Bild im Bücherregal, Gebetsschal und Gebetsriemen im Schuhkarton, und eine Collage, in der neben Jesus,Karl Marx, Sigmund Freud und Einstein zu sehen sind. Goldfarb fasziniert an den vieren, daß sie alle »bei Null angefangen sind«. Das würde er auch gern. Die Kamera folgt Goldfarb, während er durch die Wohnung geht, sich hinsetzt, wieder aufsteht und redet, redet, redet. Goldfarb verschlingt sich geradezu in Wortkaskaden. Drehbuchautor Charles Lewinsky sind Sätze von ungeheurer Suggestion und Kraft gelungen. Gerade deshalb muß man sich fragen, ob daraus wirklich ein Film gemacht werden mußte oder ob nicht eine Bühnenaufführung angebrachter gewesen wäre.
Die Frage stellt sich schon nach den ersten Minuten. Dann bereits entlarvt dieser verfilmte Monolog seinen überforderten Regisseur. Oliver Hirschbiegel, der sich zuletzt mit seinem Führerbunkerdrama Der Untergang hollywoodlike und historisch nicht immer ganz sauber in die Herzen des deutschen Publikums spielte, inszeniert Ein ganz gewöhnlicher Jude wie die Abrechnung der frustrierten Frau in seinem Streifen Mein letzter Film von 2002, der in dem neuen Film ästhetisch als penetrantes Selbstzitat strapaziert wird.
Hirschbiegels uninspirierte, betuliche und stinklangweilige Regie trifft auf einen Darsteller, der rasch an die Grenzen seiner schauspielerischen Fähigkeiten stößt. Ben Becker ist die ideale Fehlbesetzung. Für die nuancierte, brüchige Verkörperung, wie sie die Figur des Emanuel Goldfarb verdient hätte, ist er ungeeignet. Becker spielt diese Rolle, wie er seine Rollen immer anlegt: Seine nikotingeschwängerte und bierverwöhnte Stimme ergötzt sich in eitler Selbstdarstellung. Völlig absurd wird es, wenn der Wilmersdorfer Django sich Schal und Gebetsriemen anlegt. Becker sieht aus wie ein glattrasierter, versoffener irischer Katholik, der sich aus einer Bierlaune heraus als frommer Jude kostümiert hat. Wenn das wenigstens als ironische Brechung gedacht wäre. Doch Becker meint es ernst. Diese Ernsthaftigkeit, mit der er vergeblich versucht, seiner Rolle Herr zu werden, tut beim Zuschauen richtig weh.
Was Ein ganz gewöhnlicher Jude fehlt, ist die Leichtigkeit, mit der der Film dem schweren Stoff hätte gerecht werden können. Ein experimentierfreudigerer Regisseur wie Dani Levy und ein anderer Darsteller hätten vielleicht wirklich einen ganz gewöhnlichen Juden in einem typisch deutsch‐jüdischen Konflikt in Szene setzen können.
Am Ende des Films tippt Goldfarb auf einer Schreibmaschine (hat der Mann keinen PC? Er ist doch Journalist!) seine Gedanken ins Reine und geht trotz allem dann doch zu seinem Vortrag in die Schule. Der Lehrer dort wird dargestellt von dem grandiosen jüdischen Schauspieler Samuel Finzi. Der, nicht Becker, wäre genau der Richtige für die Rolle des Emanuel Goldfarb gewesen. Oder sollte dieser Rollentausch ein raffinierter Scherz des Regisseurs gewesen sein? Falls ja, ist der Witz danebengegangen.

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