Freizeitpark Tierra Santa

Disneyland der Religionen

von Karen Naundorf

Der Franziskanermönch steht am Eingang der Synagoge und verteilt Kippot. »Buen día, möchten Sie eine?«, fragt er freundlich. Die meisten Gäste schauen ihn verwundert an, schütteln den Kopf. Dem Mönch ist das egal. Dass er heute vor der Synagoge steht, hat seine Chefin entschieden. Im richtigen Leben heißt er Emiliano und studiert Filmregie.
Die Gäste gehen an Emiliano vorbei durch die Flügeltür und besichtigen die Synagoge Beit Hakneset, als wäre sie ein Museum. Sie stellen sich vor die Nachbildungen der Tora-Rollen, neben den Chanukka-Leuchter und machen Fotos. Zwei Kinder spielen. Nur ein älteres Paar im Partnerlook läuft gemessenen Schrittes durch den Raum. Doch irgendwann holen auch sie die Digitalkamera aus der Tasche und fotografieren sich gegenseitig mit der Pappmaché-Figur in der hinteren Ecke des Raumes: Ein Gelehrter mit langem Bart, der auf einer niedrigen Holzbank sitzt.
Fotografieren ist auf dem sieben Hektar großen Gelände des Freizeitparks »Tierra Santa«, 20 Minuten vom Zentrum von Buenos Aires entfernt, überall erlaubt. Mehr als 2,5 Millionen Besucher waren seit der Eröffnung 1999 schon hier, die meisten aus Argentinien, Bolivien, Chile und Peru. »Multireligiös« sei der Park, sagt Direktorin María Antonia Ferro. Doch in Tierra Santa spielt das Christentum die Hauptrolle. 30 Jesus-Figuren gibt es im Park zu sehen, die größte misst 15 Meter und fährt alle 30 Minuten mit ausgebreiteten Armen aus einem Pappmaché-Mehrzweck-Hügel in die Höhe. Die Auferstehung, so heißt diese Attraktion im Park. Dem Judentum sind eine Synagoge und die Klagemauer gewidmet. Dem Islam eine Moschee.
Eigentlich sollte dort, wo heute das »Heilige Land« am Río de la Plata steht, ein ganz normaler Freizeitpark gebaut werden. Doch das Gelände liegt in der Einflugschneise des Stadtflughafens, es gab keine Genehmigung für hohe Konstruktionen wie das Riesenrad. Ein anderes Geschäftskonzept musste her. Und so heißen die Attraktionen nicht »Wilde Maus«, sondern »Abendmahl« oder »Riesenkrippe«.
Am Eingang der Synagoge steht eine Mutter mit ihren Kindern. »Wir sind bereits zum zweiten Mal hier«, sagt María Inés, die katholisch ist. »Denn die Kleinen lernen etwas über andere Religionen.« Sie ruft ihre Söhne zu sich, zeigt ihnen die Mesusa, die in einer Glasvitrine liegt und liest den dazugehörigen Text vor: »Kleiner Zylinder, der an den Eingangstüren von jüdischen Häusern hängt. In seinem Inneren befindet sich ein Manuskript, auf das die Worte des Gebets Schma Israel geschrieben sind.« In der nächsten Vitrine hängt ein Schofar: »Hammelhorn, das einen Monat vor und während des jüdischen Neujahrsfestes als Instrument benutzt wird.« So richtig scheinen diese Details die beiden Jungs nicht zu begeistern. »Mama, wir müssen jetzt zur Schöpfung«, sagt Pablo und zupft an der Handtasche seiner Mutter. Die schaut auf die Uhr: 18.40 soll es beginnen. »Du hast recht. Wir müssen los.«
Die Schöpfung ist eine der Hauptattraktionen im Park. 20 Minuten dauert das Spektakel, dann sind alle fertig: Giraffen, Nilpferde, Affen, Löwen, auch Adam und Eva. Das Ganze untermalt mit Bibelzitaten, Musik aus Carmina Burana, viel Dampf und einer Lasershow. Doch so kitschig die Attraktionen auch sein mögen: Viele Besucher nehmen den Themenpark ernst. In die Rillen zwischen den Kunststoff-Steinen der Klagemauer stecken sie fleißig Zettel. »Wir schicken inzwischen einmal im Jahr die gesammelten Gebete nach Jerusalem«, sagt María Antonia Ferro, die Chefin dieses seltsamen Reichs der steifen Pappfiguren.
Bevor Ferro vor acht Jahren die Leitung des Parks übernahm, war sie Dekorateurin. Sie half mit, den Park zu entwerfen, der so aussehe wie »Jerusalem vor 2.000 Jahren«. Dem echten Jerusalem stattete sie nur eine Stippvisite ab, in einer Synagoge war sie noch nie. »Als wir eine für Tierra Santa bauten, habe ich mich von einem Rabbiner beraten lassen.«

Naher und Ferner Osten

China verspricht Hilfe für Gaza und lobt Beziehungen in arabische Welt

»Der Krieg sollte nicht endlos fortgesetzt werden«, sagt Xi

 30.05.2024

London

40 Festnahmen bei Israelhasser-Demo

Eine Polizistin wurde mit einer Flasche angegriffen und ernsthaft verletzt

 29.05.2024

Chemnitz

Sachsen fördert Skulptur für Holocaust-Überlebenden Sonder

Initiator des Skulpturen-Projekts ist das Internationale Auschwitz Komitee

 28.05.2024

Stendal

Ausstellung zu Tätern und Mitläufern in der NS-Zeit

»Einige waren Nachbarn« thematisiert das Verhalten der Menschen während der Nazi-Zeit

 27.05.2024

Fest

Parade für Frieden und Toleranz

Liebe gegen Hass: Die Jüdische Gemeinde Chabad Berlin feierte ihre große Lag BaOmer-Parade

 26.05.2024

Gedenkarbeit

Arolsen Archives starten interaktive Lernplattform für Jugendliche

Sogenannte Minigames ermöglichen virtuellen Rundgang durch Orte der NS-Verbrechen

 24.05.2024

Nahost

Bundesregierung: Anerkennung Palästinas am Ende von Zweistaatenprozess

 22.05.2024

Berlin

»Gelebte Debattenkultur«

Hochschullehrer verteidigen Protestaktionen an Universitäten und wenden sich gegen Einschränkung von Grundrechten

 21.05.2024

Berlin

CDU-Politiker kritisiert Vorgehen am Strafgerichtshof gegen Israel

Roderich Kiesewetter spricht von einem »heftigen politischen Skandal«

 21.05.2024