Klimaschutz

Die Wüste wird grün

von Gil Yaron

Pablo Chercasky ist stolz auf seine mehr als 50.000 Zöglinge, die er jeden Tag sichtlich liebevoll betreut. An der Grenze zur Negev‐Wüste gedeihen in seiner Baumschule „Gilat“ an die 1.000 verschiedene Pflanzenarten, die kostenlos in Israel verteilt werden: „So gewinnen wir von der Wüste unser Land zurück“, erklärt der Einwanderer aus Argentinien. Gemeinsam mit seinen Kollegen vom Jüdischen Nationalfonds (JNF) setzt Pablo den Traum, die Wüste urbar zu machen, in die Wirklichkeit um. In Israel scheint dies zu gelingen. Es ist das einzige Land auf dem Globus, in dem es zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehr Wälder gibt als vor 100 Jahren. Seitdem der JNF im Jahr 1901 vom Zionistischen Weltkongress gegründet wurde, hat er im Heiligen Land auf 90.000 Hektar an die 240 Millionen Bäume gepflanzt.
Die Bemühungen des JNF haben sichtbare Resultate: „Als die ersten Pioniere in dieser Gegend vor 50 Jahren Dörfer gründeten, konnten sie morgens ihre Haustüren nicht öffnen, weil sie von Sanddünen zugeweht waren“, sagt Jitzchak Mosche, stellvertretender Direktor beim JNF. „Heute haben wir die Dünen durch fruchtbare Felder und Wälder ersetzt.“ Für Israel ist diese Pionierarbeit lebenswichtig. 60 Prozent des Staatsgebiets sind Wüste. Die Rückgewinnung dieser ariden Gebiete ist eine Leitidee der israelischen Politik. „Es war nicht immer so öde“, erklärt Mosche. „In biblischen Zeiten wurde hier Wein angebaut, Wälder bedeckten das unbewohnte Land. Der Raubbau begann wahrscheinlich bereits zu Zeiten der Römer, die hier vor 2.000 Jahren herrschten. Doch nach der Eroberung durch die Araber im siebten Jahrhundert wurde die Entwaldung zum Programm. Große Waldflächen wurden abgebrannt, um Weideland zu gewinnen. Später holzten die Osmanen Bäume für ihre Eisenbahn oder ihre Flotte ab. Überweidung erledigte den Rest, zurück blieb Wüste.“
Eine Fahrt durch den Negev ist für Mosche ein Treffen mit alten Bekannten. Er kennt jede Baumgruppe, weiß, welcher Baum spontan gedieh und welcher erst mühsam von Pablo hochgepäppelt wurde. In Gilat herrscht reger Betrieb: Vertreter von Stadtverwaltungen, Schuldirektoren, Beduinenscheichs und Verwalter von Armeebasen kommen vorbei, um sich kostenlos Setzlinge zu besorgen, die unter Aufsicht des JNF in öffentlichen Anlagen ge‐ pflanzt werden. Um nicht von teuren Bewässerungsanlagen abhängig zu sein, nutzen die Förster des JNF antikes Wissen: „Genau wie die Nabatäer, die hier vor 2.000 Jahren Landwirtschaft betrieben, nutzen wir das Terrain, um den spärlichen Niederschlag auf kleine Gebiete zu konzentrieren.“ Liman heißen die kleinen Senken, in denen sich der Oberflächenabfluss staut und einsickern kann, anstatt verloren zu gehen. Allerorts sind die unfruchtbaren Ebenen mit grünen Limans übersät, in denen Akazien, Johannisbrot‐ und Eukalyptusbäume fruchtbare Erde produzieren, ein neues Mikroklima schaffen und die Artenvielfalt erhöhen. Für Städte und Dörfer entstehen mitten in der Wüste grüne Lungen.
Deren größte ist der 70 Hektar große Yatir‐Wald. „Dies ist der trockenste Wald auf dem Erdball“, sagt Ilya Gelfand, der hier mit 50 anderen israelischen Wissenschaftlern eine Forschungsstation betreibt. Pinienduft erfüllt die trockene Wüstenluft, unter den grünen Baumkronen ist es an diesem heißen Tag angenehm kühl. Inmitten des größten Waldes, der in Israel von Menschenhand geschaffen wurde, haben Ilya und seine Kollegen Computer mit sensiblen Sensoren vernetzt, die das Verhalten der Bäume in einem Gebiet, das durchschnittlich nur rund 100 Millimeter Regen im Jahr erhält, penibel festhalten. Die Erfahrungen, die israelische Forscher hier sammeln, sind angesichts des Klimawandels lebenswichtig geworden. Ilya interessiert sich für die Aufnahme von Kohlenstoffdioxid, dem Hauptschuldigen des Treibhauseffekts. „Überraschenderweise scheint der Wald selbst in diesen trockenen Breiten ebenso effizient dieses Gas aus der Atmosphäre zu gewinnen und zu fixieren wie in weitaus baumfreundlicheren Gebieten“, sagt der Doktorand. So könnte Yatir ein Beispiel dafür sein, wie auch Länder am Rande der Wüste ihren Teil zum Klimaschutz beitragen könnten.
Doch es gibt auch unmittelbar spürbaren Profit für die Einwohner der Region: „Wir kommen mit den Beduinen der Umgebung wunderbar aus. Anfangs dachten sie, wir würden ihr Weideland wegnehmen, aber inzwischen kooperieren wir. Sie sind nicht nur als Förster und Wächter bei uns eingestellt, sondern lassen ihre Herden im Wald grasen und verringern so die Brandgefahr. Außerdem erhalten sie hier kostenlos Brennholz, wenn wir den Wald ausdünnen“, erklärt Mosche. So gelingt es dem JNF, das stete Vorrücken der Wüste wieder rückgängig zu machen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP schätzt, dass mehr als 1,2 Milliarden Menschen weltweit vom Vordringen der Wüste direkt bedroht sind. Hungerkatastrophen, Instabilität und Flüchtlingsströme sind Folgen dieser Entwicklung, die die Weltwirtschaft rund 42 Milliarden US‐Dollar im Jahr kostet. „Wir bieten mögliche Lösungen an“, sagt Mosche stolz. „Nicht umsonst kommen Agrarwissenschaftler aus aller Welt, um unser Modell zu erlernen.“ Unweit vom Yatir‐Wald kann man noch erkennen, wie die inzwischen grüne Landschaft ursprünglich aussah. Östlich des Sicherheitszauns, den Israel hier errichtet hat, glüht eine öde braune Landschaft in der Wüstensonne. Der Begriff „grüne Linie“ erhält hier eine ganz neue Bedeutung.
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