„Polacas

Die weißen Sklavinnen

von Carl Goerdeler

Sie haben gelebt und gelitten, aber man hat ihnen keine Kränze geflochten. Trotzdem haben sie Spuren hinterlassen, im Tango wie in der Samba – die einst so begehrten weißhäutigen jüdischen Freudenmädchen in Buenos Aires und Rio de Janeiro. Ein paar Steine sprechen noch von ihnen, verwitterte Grabmale weit draußen in Inhaúma, wo kein Taxifahrer freiwillig hinfährt. Dort, zwischen den übelsten Favelas von Rio, liegen die Steine mit den Davidsternen und verwitterten Namen: Fanny Zusman oder Estera Gladkowicer steht darauf. In einer Ecke, die sich die Frauen damals, vor 100 Jahren, selber als Gottesacker auserwählt hatten. Gegen Gott und die Welt. Gegen die offizielle Anständigkeit der jüdischen Gemeinde, der Bürgerlichkeit und Obrigkeit. Denn sie waren aus Osteuropa in die Spelunken der Neuen Welt verfrachtet worden: die „Polacas“.
„Heiraten, heiraten, heiraten – einen reichen Mann. Und bloß weg! Amerika! Das war die Chance! Nach Amerika, auf der Suche nach dem Glücksprinzen, darauf fielen wir alle rein“, gibt Doba Zonenschain, geboren 1914 in Bessarabien, vor ihrem Tod in Brasilien (1991) zu Protokoll. Vom Pogrom in die Prostitution – das war der Leidensweg vieler Tausend junger jüdischer Frauen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Hungerjahre unter Hammer und Sichel. „Amerika zu machen“ war die Hoffnung von Millionen Menschen, die zwischen Weichsel und Wolga lebten. Leibeigene auf magerer Scholle, Ausgestoßene, Juden, denen man alles Unheil im Dorf in die Schuhe schob. Aber wer konnte sich schon aus dem Mühlrad des Elends befreien? Nicht die Schwächsten, die Mädchen, barfuß und kaum imstande zu buchstabieren. Dann tauchten Männer auf. Sie trugen Bärte und Kaftane, und an ihren Fingern glitzerte Gold. Sie führten Adressen und Bilder vermögender Amerikaner mit sich. Männer, die sich nach einer treuen, fleißigen Frau sehnten, wenn sie nur rein und jüdisch war. So muss es sich zugetragen haben.
Die Männer waren Schleuser einer von Warschau bis Odessa operierenden Menschenhändler‐Mafia, die den Namen „Warschauer Gesellschaft zur gegenseitigen Hilfe – Zwi Migdal und Aschkenasim“ trug und sich darauf spezialisiert hatte, unschuldige jüdische Mädchen von armen Eltern „freizukaufen“ und ihnen eine „vorteilhafte Ehe“ in der Neuen Welt zu vermitteln. Das war nicht leicht. Nordamerika hatte strikte Einwanderungsregeln. Selbst nach Südamerika ging es meist nur über dunkle Kanäle. Für alle diese Mädchen war es eine Reise ohne Wiederkehr, mit leichtem Gepäck und gefälschten Papieren, von Odessa aus, im Zwischendeck wie Vieh zusammengepfercht. Je näher sie dem Gelobten Land Amerika kamen, desto tiefer sank ihre Hoffnung. 1867 gehen im Hafen Rio de Janeiro die ersten 70 „Polacas“ aus Russland, Litauen, Rumänien und Österreich‐Ungarn von Bord; Zwi Migdal hatte die Zöllner bestochen. Es wurde daraus bis in die zwanziger Jahre ein lukrativer Handel.
Statt in die Synagoge führten die Kaftanmänner die jungen Frauen in die sumpfigen Slums des Viertels Santana, in die Hinterhöfe und Bretterbuden. Dorthin, wo die entlaufenen schwarzen Sklaven, die Diebe und Hehler, die Abdecker und Kloakenreiniger hausten. Die Mädchen kamen gleich in die „Obhut“ einer „Mume“, die sie den Hafenarbeitern und Matrosen zuführte, die an der „Praca Onze“ und in den Kaschemmen von „Mangue“ ihren Sold vertranken. So gut wie jedes Jahr kam „Nachschub“ aus Osteuropa. Denn die „Polacas“ mit ihrer weißen Haut waren so begehrt wie die Mademoiselles aus Paris. Mit einer Weißen das Bett für eine Stunde zu teilen, war doppelt so teuer wie der Beischlaf mit einer Mulattin. Die „Polacas“ waren bald etwas für die Bessergestellten und die Männer im Kaftan. Zuhälter nennt man seither in Brasilien „Cáften“.
Buenos Aires war von 1880 bis 1930 wohl der weltweit größte Marktplatz der Prostitution. Rio de Janeiro stand dem kaum nach. 1872 registriert die Polizei in der brasilianischen Stadt (damals hatte sie etwa 200.000 Einwohner) 1.171 Prostituierte, 818 davon Frauen mit Fremdenpass, die meisten aus Osteuropa und Russland.
La Boca, das Hafenviertel am Rio de la Plata, und die Mangue in Rio de Janeiro waren übel beleumdete Kieze, in die sich gute Bürger nicht trauten; es waren die Quartiere der Hungerlöhner und -leider, der entwurzelten Flüchtlinge aus dem alten Europa. In den Bordellen und Bars blühten die Blumen des Bösen. Eine ganz eigene Musik entstand dort: Tango und Samba. Und beide fußten auf Polka und Mazurka. „Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzt.“ Es waren vor allem die traurigen Gedanken der „Polacas“ aus den „Prostíbulos“. Im Laufe der Jahre bildete sich in Argentinien unter dem Einfluss der bretonischen Seeleute mit ihrem Schifferklavier das heraus, was wir heute Tango nennen. Ähnlich war es in Brasilien. Die schwarze Samba spross aus Polka, Mazurka und Walzer und überwand die Wehmut des leise gesungenen „Choro“ (in dem natürlich eine Menge arabisch‐portugiesischer Fado steckte) mit afrikanischer Lebenslust.
Im Judenviertel Praca Onze und in der Mangue, dem benachbarten „Klein‐Afrika“, wurde auch der Karneval geboren, und die urbane Bohème nistete sich ein. Stefan Zweig, der von den Nazis vertriebene Erfolgsschriftsteller, wandert 1936 verklärten Blickes durch die Gassen und ist hingerissen von der tropischen Atmosphäre: „Ein orientalischer Anblick, wie ich ihn kaum ähnlich im Leben gesehen. Fenster an Fenster oder vielmehr Tür an Tür stehen und warten hier wie exotische Tiere hinter den Gitterstäben tausend oder sogar fünfzehnhundert Frauen aller Rassen und Farben.“
Santana, Sacramento und Santo António waren keineswegs nur Rotlichtdistrikte, sondern lebendige Viertel, in denen zur Jahrhundertwende die meisten der damals rund 30.000 Juden hausten. Die Urbanistin Fania Fridman hat in ihrem Buch Paisagem Estrangeira aufgelistet, wie zahlreich die Synagogen, Kontore, Schulen, Schreibstuben und Vereine gewesen sein müssen. Wer es sich leisten konnte, der dinierte im Restaurant Schneider, ließ sich den Anzug von Salomon Gelman schneidern, kaufte bei Herman Puretz die Betten und schickte den Büroboten Boris Polistchuck zum Zoll, die Waren aus dem Hafen herauszuschleusen. Zahlreiche Blätter und Gazetten – Unzer Leben, Unzer Stimme, Iidische Volkszeitung, Die Neie Velt, Di Yugend – gab es am Kiosk, und die Flugblätter der Anarchosyndikalisten, Zionisten und der Cabarets flatterten so zahlreich über das Pflaster, dass die Geheimpolizei nicht mehr mitkam und den ganzen Bezirk als staatsgefährdendes Pflaster abschrieb. Natürlich hatten auch die jüdischen, russischen, polnischen und rumänischen Hilfsvereine ihre Hintertreppenbüros dort eingerichtet. 1906 hatten sich auch ein paar mutige „Polacas“ zur „Associacao Beneficente Funerária e Religiosa Israelita“ zusammengeschlossen, zum Hilfsverein für die Grabstätten und die jüdische Religion. Sie war das Band zur Heimat, das ihnen blieb. In der fremden Erde ohne Segen zu enden, das wäre das Schlimmste gewesen. Deshalb war es wichtig, wenn schon im Leben erniedrigt, wenigstens gottgefällig begraben zu werden. Die Gründerdamen des Hilfsvereins, allesamt aus dem Gewerbe, erwarben diesen Gottesacker weit draußen in Inhaúma. Man hätte sie sonst anonym an der israelitischen Friedhofsmauer neben den Selbstmördern verscharrt. Denn die wachsende jüdische Gemeinde von Rio de Janeiro, mag sie auch noch so zersplittert gewesen sein, einte eines: die Abscheu und der Hass auf die „Polacas“.
Im Iidischen Vochenblat gibt es am 26. September 1942 folgende Bekanntmachung: „Wir verstärken nunmehr unseren alten Kampf gegen jene Elemente in Rio de Janeiro, die, obgleich jüdischer Herkunft, unsere tiefste Verachtung verdienen, weil deren übles Ansehen unsere gesamte Gemeinde beschmutzt. Wir verlangen von unseren Mitbrüdern, dass sie alle Gegenden dieser Elemente meiden und nicht jene Etablissements und Theater aufsuchen, wo dieser menschliche Müll sich herumtreibt. Damit nicht der leiseste Verdacht auf unsere jüdische Gemeinschaft fällt. Wir sollten den Kampf des Völkerbundes gegen die Weiße Sklaverei aktiv unterstützen.“ Unterzeichnet: Centro Sionista do Rio.
Der Völkerbund in Genf hatte Resolutionen gegen den Menschenhandel verfasst, jüdische internationale Organisationen kämpften gegen den Handel mit den „Weißen Sklavinnen“. Madame Rothschild stiftete Geld und nahm sich der gefallenen Mädchen an. Inzwischen gab es wieder Verfolgung und Krieg in Europa, eine vierte und letzte Welle jüdischer Flüchtlinge, dies‐ mal aus Deutschland, schwappte an die Copacabana. Brasilien war zum „Land der Zukunft“ (Stefan Zweig) herangewachsen, über die „Polacas“ sprach keiner mehr. Sechs Jahre, nachdem Stefan Zweig durch das Viertel der Freudenhäuser geschlendert war, wird es abgerissen. Getulio Vargas, Brasiliens Perón, macht Tabula rasa. Quer durch die Altstadt schlägt er eine achtspurige baumlose Avenida, die heute seinen Namen trägt. Dort, wo einst zwei Dutzend Synagogen und viele Hundert Kontore standen, parken heute die Autos, errichtet dann und wann ein Zirkus sein Zelt. Das „Wohnzimmer“ des Judenviertels, die Praca Onze, ist verschwunden. Nur die Metrostation trägt diesen Namen noch. Das aber ist kein Platz mehr, sondern bloß eine Stelle, auf der sich ein Autobahnkreuz befindet. Nur nördlich der monströsen Karneval‐Arena steht noch die alte Brahma‐Brauerei, die einst Joseph Villiger gegründet hatte.
Bagger und Bulldozer können Mauern einreißen, das Leben nicht. Der berühmt‐berüchtigte Rotlichtbezirk des einstigen jüdischen Viertels hat überlebt, nicht mehr mit „Polacas“, sondern mit Huren aller Hautfarben. Zwischen der Ruine des Leopoldina‐Bahnhofs, den Gleisen der Vorortbahn und dem Schlachthof liegt diese „Vila Mimosa“. Noch kein Tourist hat sich dorthin verirrt, aber den Taxifahrern leuchten die Augen, wenn ein Fahrgast danach fragt. Das ist ein anderes Kapitel aus dem gleichen Buch des Lustbetriebs, das im Giftschrank anständiger Bürger weggeschlossen liegt.

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