Halbschwester

Die Suche hat ein Ende

von Christine Schmitt

Seine Suche endet diesmal zwischen Grabsteinen und Efeublättern. Heini Chajat steht vor dem Grab seines Großvaters, Georg Reich, der auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt wurde. Ohne große Regungen liest der 78‐Jährige die Inschrift. Neben ihm steht seine Schwester Berta de Groot, von deren Existenz er erst vor drei Jahren erfahren hat. Gemeinsam stellen sie sich für ein Familienfoto neben den Grabstein. Ihr Großvater starb bereits 1920 an einer Lungenentzündung. Ihre Großmutter Berta wurde in Auschwitz ermordet.
Bis vor Kurzem hatte Heini Chajat einen großen Wunsch, der sein Leben beherrschte: Er wollte seine leibliche Familie finden und Dokumente, auf denen der Name steht, mit dem er nach seiner Geburt registriert wurde. Mehrere Jahrzehnte hatte er sich gefragt: „Wer bin ich? Wo komme ich her? Ich möchte wissen, wer meine Eltern sind.“ Seine Unwissenheit machte ihn so unruhig, dass er sogar zu einer Hellseherin ging – die ihm aber auch keinen entscheidenden Hinweis geben konnte. Nun hat er den Grabstein seines Großvaters entdeckt, hat eine Großmutter, deren Lebensweg er verfolgen kann, hat den Namen seiner Mutter erfahren und eine noch lebende Halbschwester gefunden, die in Holland lebt und die ihm von ihrer gemeinsamen Mutter erzählen kann. Derzeit sind sie beide mitsamt Ehepartnern in Berlin, um sich hier zum zweiten Mal zu treffen und ein paar Tage zusammen zu verbringen.
Vor elf Jahren hatte Heini Chajat die Jüdische Gemeinde zu Berlin angeschrieben, ob sie ihm vielleicht weiterhelfen könnte. „Ich werde Heini genannt und bin am 30. Juni 1930 in Berlin geboren. Das ist alles, was ich weiß“, teilte er damals in dem Brief mit. Die ersten drei Jahre seines Lebens habe er in einem jüdischen Waisenhaus in Berlin verbracht, bis er von einem Ehepaar aus dem lettischen Libau adoptiert worden ist.
Judith Kessler, die damalige Sozialarbeiterin der Jüdischen Gemeinde, auf deren Tisch dieser Brief landet, war sicher, die Daten in höchstens einer Woche recherchiert zu können. Aber es dauert Jahre. Von den 23 Berliner Standesämtern erhält sie nur negative Nachrichten. Ohne Familiennamen wären Nachforschungen nicht möglich, lautet die Standardantwort. Landesarchiv, Preußisches Staatsarchiv, Auswärtiges Amt, Rotes Kreuz – Judith Kessler und Heini Chajat lassen nichts unversucht. Nur dass der Vorname von Heini „Heinz Eberhard“ lautet, bekommen sie von einem lettischen Archiv mitgeteilt, das diese Information in einem entsprechenden Hausbucheintrag gefunden hatte.
In Libau ist Heini groß geworden, seine jüdischen Pflegeeltern besaßen dort eine Bäckerei. Als er elf Jahre alt war, wurde er 1941 zusammen mit seiner Mutter Sonja nach Sibirien deportiert und musste 18 Jahre lang Gefangenschaft mit harter Zwangsarbeit ertragen. Sein Adoptivvater wurde umgebracht. In Sibirien lernt Heini auch seine spätere Frau kennen, mit der zusammen er 1972 nach Nazareth in Israel auswandert. Er bekommt Kinder und mehrere Enkel, die heute alle in seiner Nähe wohnen. Sonja, die „eine liebevolle Mutter war und immer bleiben wird“, ahnte nicht, dass ihr Sohn über die Adoption Bescheid wusste. Sie ist inzwischen verstorben.
Zweimal kommt Heini Chajat nach Berlin, um vor Ort in Archiven Material zu sichten. Mittlerweile füllen sich bei Judith Kessler die Aktenordner mit Briefen. Doch es gibt nichts. „Wir waren manchmal verzweifelt.“ Zufällig wird Heini Chajat auf die Botschaft Lettlands aufmerksam, das gerade wieder selbstständig geworden ist. Deren Mitarbeiter versprechen ihm, in ihren alten Archivbeständen in Riga suchen zu lassen. Dann kommt die „erlösende Antwort“: Die Archivare sind fündig geworden. Heinz Eberhard Reich ist der Sohn der „unverehelichten Verkäuferin“ Margarete Reich. Allerdings findet sich kein Name des Vaters, eine Staatsbürgerschaft ist nicht registriert und es gibt auch keinen Adoptionseintrag.
Doch mit diesen Daten lässt sich endlich intensiver recherchieren. Im Archiv der Humboldt‐Universität finden Judith Kessler und Heini Chajat weitere Informationen: Margarete Reich wurde 1897 in Berlin geboren, war preußische Staatsbürgerin, Jüdin, und lebte in Amsterdam als Hausangestellte. Ihre Eltern und somit seine Großeltern waren Georg und Berta Reich.
„Vielleicht war es so“, vermutet Judith Kessler: „Margarete, ledige Tochter einer jüdischen Unterschichtfamilie, geht aus dem kriegsgeschundenen armen Berlin nach Amsterdam. Dort arbeitet sie als Dienstmädchen und lebt zur Untermiete. Als sie mit Heini schwanger wird, kehrt sie nach Berlin zurück.“ Margaretes Vater war zu diesem Zeitpunkt schon tot, wahrscheinlich hatte sie niemanden, der ihr helfen konnte, meint sie.
Mit diesen Wissen lassen sie auch in Amsterdam nachforschen und eines Tages muss sich eine zierliche Frau einen Stuhl nehmen und sich erst einmal hinsetzen. „Das ist nicht wahr“, denkt Berta de Groot nur noch. Gerade eben hat sie einen Anruf bekommen, dass sie einen Bruder namens Heini hat, von dem sie noch nie etwas gehört hatte. Auch Heini Chajat in Israel kann es nicht fassen, dass er eine jüngere Schwester gefunden hat, die in der kleinen holländischen Stadt Leiderdorp lebt. Margarete Reich hatte vor Heini und nach ihm noch jeweils eine Tochter geboren. Seine ältere Schwester, Anita, hatte die Schoa überlebt, gilt aber als verschollen. Seine jüngere Schwester Berta kommt 1939 in Den Haag auf die Welt. „Meine Mutter hatte nie darüber gesprochen, dass sie auch einen Sohn hatte“, sagt Berta. Aber sie erinnere sich noch an ihre Tränen, als das erste Enkelkind geboren wurde und sie nicht verstand, warum ihre Mutter so heftig darauf reagiert hatte. Sie sei eine fürsorgliche Mutter gewesen und wahrscheinlich wollte sie nur das Beste für ihren Sohn, glaubt sie.
Doch Heini Chajat hätte schon ein paar Fragen an seine leibliche Mutter. „Sie war ja keine 16 Jahre alt, als sie mich bekommen hatte, sondern über 30“, sagt er. Warum hat sie ihn weggegeben? Und warum hat sie nicht über ihn gesprochen? Seine Schwester zuckt die Schultern, dass wisse sie nicht. „Sie war eine liebe Frau“, sagt sie nur. Auch vom Judentum habe sich ihre Mutter abgewandt. Berta wurde katholisch erzogen. Mit 86 Jahren ist Margarete Reich in Holland gestorben.
Nach einer Woche fahren die beiden in ihre jeweilige Heimat zurück. Aber jeden Mittwoch telefonieren sie. Meistens rufen sie sich im selben Moment an – und dann hören sie nur das Besetztzeichen des anderen Telefons. Es sei eine sprachlose Liebe, so Judith Kessler. Denn Berta spricht nur niederländisch, was Heini Chajat, der sich mit mehreren Sprachen auskennt, nicht beherrscht. Er habe seinen Namen und den seiner Mutter gefunden – und eine Schwester gewonnen. „Die Suche hat ein Ende.“

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