Maccabi

Die stärkste Schwäche

von Tobias Kaufmann

Man muß ein bißchen Zeit mitbringen, wenn man die Titel von Maccabi Tel Aviv einzeln aufzählen will. Sage und schreibe 45mal wurde der Klub bisher israelischer Basketballmeister – oder, anders ausgedrückt: Nur sechsmal in 51 Jahren hieß der Meister der israelischen Liga nicht Maccabi Tel Aviv. Dagegen klingt die Bilanz von 35 Pokalsiegen beinahe schwach.
Die Dominanz des Serienmeisters ist das große Dilemma des israelischen Basketballs. Einerseits haben vor allem die fünf Titel in verschiedenen Europacups die nach Fußball zweitbeliebteste Sportart des Landes auch international zu einem Aushängeschild gemacht. Denn Israel ist von Triumphen im internationalen Sport nicht gerade verwöhnt. Nicht von ungefähr betonte Ministerpräsident Ehrud Olmert jüngst: »Die Erfolge von Maccabi sind eine riesige Freude und erfüllen den Staat Israel mit Stolz.« Andererseits droht der Branchenriese, die Liga und den nationalen Basketball regelrecht zu ersticken. »Es ist doch klar, daß viele die Liga langweilig finden«, sagt Alon Stein, israelischer Profi beim Basketball‐Bundesligisten Eisbären Bremerhaven. »Daß Maccabi jedes Jahr Meister wird, kann man vielleicht noch verkraften. Aber daß sie den Titel scheinbar mühelos gewinnen, hat die Liga ziemlich eintönig gemacht.«
Als Maccabi vor zwei Wochen in Prag im Finale der Euroleague antrat, verwandelten fast 11.000 Maccabi‐Fans aus Israel und Europa die Halle in einen Hexenkessel – kein anderer israelischer Klub vermag außerhalb des Landes so eine Begeisterung zu entfachen. Trotzdem wurde die »gelb‐blaue Welle« in Prag vorerst gestoppt. CSKA Moskau gewann 73:69 und verhinderte so, daß Maccabi sich zum dritten Mal in Folge die Krone im wichtigsten europäischen Klubwettbewerb aufsetzt. Neben Enttäuschung und Aufmunterung gab es in Israel auch hämische Reaktionen von Basketballfans, die die Dominanz des mit Abstand finanzstärksten israelischen Klubs schon lange stört. In Internetforen hieß es, das Team bestehe aus alternden amerikanischen Ex‐Stars. Auch der nationale Kult um die Basketballer wird langsam hinterfragt. »Genug ist genug«, schrieb der Kommentator Shai Rosenfelder in der Jerusalem Post. »Maccabi ist nicht das israelische Nationalteam. Seine Stars heißen nicht Motti, Micky oder Nadav, sondern eher Anthony, Maceo, Will, Nicola und Derek.«
Da bei Maccabi – so wie bei den meisten großen Teams in Europa – die entscheidenden Positionen mit ausländischen Stars besetzt sind, vor allem aus der US‐Vorzeigeliga NBA, hat Israels Nationalteam bisher nicht von der starken Rolle des Klubs profitiert. In Europa gehören die Israelis zum Mittelmaß. »Israel hat viele gute Talente, aber sie bekommen zu wenig Spielzeit auf hohem Niveau«, beklagt nicht nur Alon Stein. Maccabi bindet viele hoffnungsvollen Talente möglichst früh zu Konditionen an sich, bei denen kein Ligakonkurrent mithalten kann. Dann aber sitzen die Israelis, von Ausnahmen wie Tal Burstein, dem Kapitän des Nationalteams, abgesehen, die meiste Zeit auf der Bank. Spielen tun Stars aus Übersee. Und um mit dem übermächtigen Rivalen mithalten zu können, suchen auch die anderen Teams der Liga ihr Heil in erfahrenen, aber eher mittelmäßgen Spielern aus dem Ausland – ein Teufelskreis, der es Israels Nachwuchs schwer macht. Daß Chancen bestünden, auch mit der Nationalmann‐ schaft zu punkten, belegen die vergleichsweise guten Auftritte der israelischen Nachwuchsteams bei Jugend‐Europameisterschaften. Die Schuld an der Misere sucht Alon Stein aber nicht beim Klassenprimus, sondern bei den Herausforderern. »Es kann nicht die Lösung sein, Maccabi zu stutzen. Die anderen Vereine müssen konstantere Arbeit leisten. Geld ist zwar wichtig, aber gerade wenn man davon nicht genug hat, muß man konsequenter versuchen, auf anderen Wegen erfolgreich zu sein, etwa über eine bessere Jugendarbeit.«
Das knappe Scheitern von Maccabi in der Euroleague hat bei der Konkurrenz Hoffnung geweckt. Vielleicht ist das Team ja wirklich auf dem absteigenden Ast? Daß es in dieser Saison in 24 Spielen »schon« vier Niederlagen einstecken mußte, tut ein übriges. Vor allem seit der Niederlage in Prag wankt der Riese Maccabi. Die drei Siege in Folge, darunter gegen den Lokalrivalen Hapoel Tel Aviv an diesem Montag, die das Team zuletzt in der Liga hinlegte, fielen allesamt wenig überzeugend aus. Zumindest für etwas mehr Spannung ist kurz vor dem Saisonfinale im israelischen Basketball Ende Mai also gesorgt. Anzeichen einer möglichen Wachablösung gibt es dennoch kaum. »Es mag sein, daß Maccabi nicht mehr ganz so dominant ist wie vor zwei, drei Jahren«, sagt Alon Stein. Zum zweiten Platz in Europa hat es trotzdem gereicht, und in Israel scheint kein großer Gegner in Sicht. Das israelische Pokalfinale gegen den mit Hilfe des milliardenschweren Mäzena Arkadi Gajdamak gepäppelten Herausforderer Hapoel Jerusalem gewann Tel Aviv kürzlich erst mit 96:91. Der Kommentar von Shani Rosenfelder klingt fast flehentlich: »Es wäre im Interesse des israelischen Basketballs, wenn Maccabi in den kommenden 50 Jahren nicht 49mal die Meisterschaft gewinnt.«
Da über die Länge einer ganzen Saison kein Team mit dem israelischen Spitzenklub mithalten kann, hat sich die Liga etwas Neues ausgedacht. Die Meisterschaft soll erstmals durch ein abschließendes Turnier der besten vier Mannschaften entschieden werden. Die Hoffnung der Planer ist simpel: In nur einem Spiel ist Maccabi an einem schlechten Tag besiegbar. Allerdings hat Alon Stein Zweifel, daß der Plan aufgeht. »Das Final‐Four‐Turnier wird in Tel Aviv ausgetragen. Und dort schlägt Maccabi keiner.«

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