evgenij usarov

»Die Spontanität ist weg«

Als ich 1998 das Abitur in der Tasche hatte, fragte ich mich: »Was machst du jetzt?« Zu den Naturwissenschaften hatte ich keine Affinität, obwohl sie in meiner Familie fast schon Tradition sind. Mein Großvater war Kybernetiker, Professsor an der Polytechnischen Hochschule von Taschkent, meine Großmutter Dozentin für Chemie. Doch nach dem Mathe-Leistungskurs am Gymnasium wollte ich von Zahlen nichts mehr wissen. Also standen BWL oder Jura zur Auswahl. Ich wählte Jura.
Jetzt bin ich sehr gern Rechtsanwalt. Ich arbeite als Partner in einer international besetzten Kanzlei mit neun Kollegen. Unser Unternehmensgründer ist türkischstämmig, ein Kollege kommt aus Holland, andere sind Deutsche, ich bin der russische Jude. Meine Spezialgebiete sind Handels-, Gesellschafts- und Verkehrsrecht, Immobilien- und Insolvenzrecht. Ich arbeite 60 bis 70 Stunden in der Woche. Für mein Privatleben bleibt nicht viel Zeit. Aber ich sollte mich nicht beschweren, denn es bleibt uns Partnern jedem selbst überlassen, wann und wo man arbeitet. Das ist ein unschätzbarer Vorteil. Klar, wir sind keine Altruisten, sondern müssen Geld verdienen. Aber entscheidend ist, dass die Mandanten zufrieden sind.

freizeit Manchmal hätte ich trotzdem gern mehr Freizeit. Für mich, für meine Freunde, für meine Familie. Ich bin 31 und unverheiratet, habe keine Kinder. Eine feste Freundin? Darüber möchte ich hier nicht sprechen. Ob mir eine Jüdin am liebsten wäre? Eindeutig ja. In unserer Familie war immer klar, dass wir Juden sind. Alle unsere engen Freunde waren Juden.
Ich bin in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, aufgewachsen. Das Leben in der Stadt wurde von Menschen verschiedener Nationalitäten geprägt. Im Zweiten Weltkrieg waren viele dorthin evakuiert worden. So auch meine Großeltern. Sie kamen aus der Ukraine. Dort hatten sie als Juden ganz schlimme Erfahrungen gemacht. Mein Großvater war ein überzeugter Kommunist. In Taschkent konnte er als Kybernetiker Karriere machen. Meine Großmutter war eine typisch jüdische Frau, sehr weise. Sie sagte immer, dass wir Juden sind, wissen wir, aber wir sprechen in der Öffentlichkeit nicht darüber. Ein Spruch war auch: Man zeigt sein Wurstbrot nicht den anderen, damit sie nicht denken, dass wir reicher sind als sie, das schafft nur Neid.

auswanderung 1992 sind meine Mutter und ich nach Deutschland ausgewandert. Es hätten auch Israel oder die USA sein können. Meine Mutter wollte vor allem weg aus Usbekistan. Weil sie Deutsch sprach, gingen wir nach Deutschland. Und als typische Mutter dachte sie: Was für mich am besten ist, ist auch für meinen Sohn am besten. Für mich war es ein Abenteuer. Erst kamen wir nach Esslingen, dann nach Stuttgart. Dort waren wir die siebte jüdische Familie in einem multinationalen Wohnheim, später kamen nur noch Juden dorthin. Meine Großeltern folgten uns nach Deutschland, später kam auch mein älterer Bruder mit seiner Familie. Wir suchten sofort den Kontakt zur jüdischen Gemeinde und wurden Mitglieder.
Vor knapp zwei Jahren bin ich in die Satzungsänderungskommission der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) gewählt worden. Wir sind zwölf Mitglieder. Unser Ziel ist es, die Satzung so zu ändern, dass sie der Entwicklung der IRGW gerecht wird. Vor der Einwanderung war sie wie viele Gemeinden in Deutschland klein, jetzt sind wir über 3.000 Mitglieder.
Die Zuwanderer haben eine andere Kultur mitgebracht, andere Erfahrungen. Ihr Leben in den Herkunftsländern war – anders als das der deutschen Juden – weniger durch die Schoa bestimmt. Verständlicherweise entstanden menschliche Span- nungen. Manche sind vermeidbar. Eine Satzung ist ein Gesetz, es ist für viele Menschen gedacht. Wenn aber jeder das Gesetz nach seinem Gusto auslegen kann, stimmt etwas nicht an diesem Gesetz. Nehmen wir zum Beispiel die Abstimmungsverhältnisse in der Repräsentanz. Sie sind unklar geregelt. Es ist doch ein Unterschied zwischen einer absoluten und einer Zwei- drittelmehrheit. Auch die Organstrukturen sollten geändert werden. Zurzeit gibt es für junge Menschen keine guten Möglichkeiten, sich im Gemeindeleben zu engagieren. Am politischen Leben der Gemeinde nehmen sie so gut wie nicht teil. Es ist einfach nicht interessant für sie. Natürlich kann ein 25-Jähriger nicht Sprecher der Repräsentanz werden, dafür fehlt ihm die Weisheit. Aber er sollte ehrenamtlich verantwortlich tätig sein können, und das nicht nur als »Alibi-Jugendlicher«.

zukunft Unsere Gemeinde ist ziemlich überaltert. Zwar haben wir jetzt eine Grundschule und eine Jugendgruppe. Das ist sehr gut. Doch ob das reicht für eine lebendige jüdische Gemeinde, die in die Zukunft hineinwächst? Völlig ungeklärt ist auch das Schicksal der nichtjüdischen Familienmitglieder. Ich habe viele Freunde, die keine jüdische Mutter, aber einen jüdischen Vater haben. Nach der Halacha sind sie keine Juden, doch sie fühlen sich so. Das muss man anerkennen. Natürlich können und wollen wir die Halacha nicht ändern. Aber es wäre sehr im Sinne der Menschlichkeit und des Integrationsprozesses, sie stärker in die Gemeinde einzubinden. Sie dürfen nicht ausgegrenzt werden. Auch da müssen wir in der Satzung eine andere Lösung als bisher finden. Andere Gemeinden haben es geschafft, wir werden es auch schaffen.
Zu ändern wäre zudem der Name der Gemeinde: Israelitische Religionsgemeinschaft – was bedeutet das denn? Selbstverständlich muss die Einheitsgemeinde bestehen bleiben. Alle Juden sollen sich unter einem Dach vereinigen können.
Voriges Jahr war ich zum ersten Mal in Israel. Ein wunderschönes, interessantes, geschichtsträchtiges Land. Ich stehe voll hinter Israel, die Politik der Palästinenser kann ich nicht nachvollziehen. Bei der Gründung des Staates sind viele juristische Fehler gemacht worden, aber das weiß man immer erst hinterher. Wenn ich beruflich eine Möglichkeit hätte auszuwandern, ginge ich sofort. Aber als deutschsprachiger Rechtswissenschaftler gibt es für mich keine Verwendung in Israel. Meine Existenz ist hier entwicklungsfähig.
Ich fühle mich sehr wohl in Stuttgart. Doch manchmal bemerke ich eine Art Schubladendenken. Zum Beispiel, dass alle, die einen russischen Akzent haben, »Russen« sind und natürlich dumm, faul und frech. Wenn ich dann sage, dass ich Anwalt bin, verändert sich sofort etwas an der Haltung meines Gegenübers. Obwohl es mich eigentlich nicht mag, erkennt es mich plötzlich an. Denn Anwälte gehören seiner Vorstellung nach zur oberen Gesellschaftsschicht. Bei jüngeren Menschen erlebe ich das sehr selten, bei älteren oft.
Ich fühle mich etwas entspannter, wenn ich nicht in Stuttgart bin. Manchmal fahre ich nach Düsseldorf oder München, da habe ich nicht den Job im Kopf. Ich treffe mich mit Freunden, wir essen (am liebsten orientalisch oder italienisch) und reden. Partygänger bin ich keiner mehr. Als Student war ich in der Szene drin, aber die Zeiten haben sich geändert. Die frühere Spontaneität ist einer gewissen Planung gewichen. So ist das, wenn man viel arbeitet. Ich treibe ein bisschen Sport (leider zu wenig), und ich liebe die Kunst. Ich bin gern Jude. Das jüdische Volk hat viele Menschen hervorgebracht, die Maßgebliches in der Politik, den Wissenschaften und der Kultur bewirkt haben.

Grossbritannien

Der Mops, die rechte Pfote und der Hitlergruß

Jüdischer Verband kritisiert BBC: Sender zeigt Film über verurteilten Schotten und dessen umstrittenen Hund Buddha

 05.08.2019

Pferdesport

Israelin Dani G. Waldman siegt vor Ludger Beerbaum

Bei der dritten Auflage des Fünf-Sterne-Reitturniers in Berlin gewinnt die für Israel startende Amerikanerin 

 27.07.2019

Milton Glaser

Er liebt New York

Der US-Designer feierte seinen 90. Geburtstag

von Christina Horsten  26.06.2019