Wilhelm Reich

»Die seelische Wirklichkeit verteidigen«

Herr Ahren, woher rührt Ihr Interesse an Wilhelm Reich?
ahren: Wilhelm Reich hat die Psychologie von Sigmund Freud konsequent in eine Richtung weitergetrieben. Und zwar in Richtung einer Therapie. Ich war nie »Reichianer«, aber geschätzt habe ich ihn immer. Ich habe ihn einmal als Polyhistor bezeichnet, weil er sich auf so vielen Gebieten auskannte. Er konnte sowohl soziologisch denken als auch therapeutisch, er verstand etwas von Physik und auch etwas von Physiologie.

Wann haben Sie angefangen, sich mit Reich zu beschäftigen?
ahren: Mein akademischer Lehrer hier in Köln, Wilhelm Salber, hat mir das vermittelt. In seinem Buch »Wirkungseinheiten« (1969) ist ein ganzes Kapitel Wilhelm Reich gewidmet. Im selben Jahr habe ich Reichs »Massenpsychologie des Faschismus« gelesen. Darin hat er versucht, den Nationalsozialismus psychologisch zu verstehen. Wobei ich das Buch damals auch kritisiert habe. Zum Beispiel hat Reich das Hakenkreuz als Sexualsymbol gedeutet. Das halte ich für Unsinn. Keiner denkt beim Hakenkreuz an Sexualität, außer Leuten, die bei jeder Sache an Sexualität denken.

Bietet das Buch auch richtige Ansätze?
ahren: Sicher. Bleibende Ansätze. Er hat die seelische Realität als eine Macht beschrieben. Er hat gesehen, dass man eine Gesellschaft nicht nur von der Ökonomie her verstehen kann, wie die Marxisten das tun. Er hat gesagt: Das Seelische ist eine eigene Macht. Er fragte: Was ist es, das die Leute an den Führer bindet? Er kam da natürlich von Freuds »Massenpsychologie und Ich-Analyse« her. Freud wollte diesen Ansatz aber nicht parteipolitisch benutzt wissen, im Gegensatz zu Reich.

Ihr Interesse war also fachlicher Natur und hatte nichts mit der Reich-Begeisterung der Studentenbewegung zu tun?
ahren: Kaum. Obwohl auch ich damals die Raubdrucke gekauft habe. Aber was mich damals interessiert hat, war, dass Reich ein Pionier der Kurzzeitpsychotherapie war. Freud war mehr Forscher und Reich mehr Therapeut. In meiner Habilitationsschrift habe ich geschrieben, dass man unterscheiden muss zwischen einer Forschungsanalyse, die im Prinzip ewig dauern kann, und einer Therapie, die nur einen kleinen Ruck geben will. Reich wollte diesen Ruck geben. Er hat nur den Fehler gemacht, dass er nicht bei der Psychologie geblieben ist, sondern irgendwann dazu überging, direkt den Körper anzugehen. Er sprach von der »Verpanzerung« des Seelischen, die durch bestimmte Muskelübungen aufgelöst werden sollte. Er nannte sich dann auch nicht mehr Psychoanalytiker, sondern Vegetotherapeut.

Wie kam es denn zum großen Interesse an Reich in den 60er-Jahren?
ahren: Das hatte damit zu tun, dass er auf der Sexualität herumgeritten ist. Das wurde aber falsch verstanden. Reich war nicht für Promiskuität, aber er sagte, wir müssen die Kultur so umändern, dass die Sexualität befreit wird. Das haben die Kommunarden aufgegriffen. Seine frühen Schriften, zum Beispiel die »Orgasmustheorie« wurden stark rezipiert. Das war zwar eine Vereinfachung von Reich, aber er hat dem auch zugearbeitet. Bei Reich gab es nur das eine, und er war blind für andere Phänomene.

Reich hat das Sexuelle überbetont?
ahren: Nicht überbetont, es war seine Leitlinie. Jeder geht entlang irgendeiner Leitlinie, und wenn man sich dessen bewusst ist, kann man damit leben. Aber für die Therapie ist das gefährlich. Im Seelischen gibt es auch noch anderes, aber Reich hat versucht, allen diese Leitlinie aufzudrängen, auch wenn die Leute ganz andere Probleme hatten. Wir Psychologen der Wilhelm-Salber-Schule reden von Grundproblemen. Für manche ist es ein Grundproblem, Entscheidungen zu treffen oder Dinge zu organisieren. Das muss mit Sexualität gar nichts zu tun haben.

Viele Psychoanalytiker waren Juden, bei Freud angefangen. Gibt es jüdische Elemente im Denken Reichs?
ahren: Dass Sexualität im Judentum nicht tabuisiert wird, hat ihm sicherlich geholfen. Jüdische Spiritualität schließt Sexualität nicht aus, sondern versucht sie zu heiligen. Reich hat diese Heiligung aber ins Extrem getrieben. Er hat die Natur mit Gott gleichgesetzt, aber für das Judentum sind Gott und die Natur nicht dasselbe. Reich hat hier eine neoheidnische Sichtweise eingenommen. Das Jüdische ist für Differenzierung, im Gesetz wird unterschieden zwischen erlaubt und verboten. Das lehrt den Menschen zu differenzieren. Reich wollte stattdessen entdifferenzieren. Er sagte, das Seelische reguliert sich von alleine. Und die These des Monotheismus ist, von alleine regelt sich gar nichts, von alleine gibt es nur Anarchie. Reich übernimmt dennoch bestimmte Dinge aus der jüdischen Tradition, etwa die Wertschätzung der Wissenschaft. Was das Judentum kennzeichnet: Man will die Welt verbessern, Gerechtigkeit schaffen. Diese Werte hat auch Reich sein Leben lang vertreten. Seine messianische Vision war: Wie kann ich Frieden auf die Welt bringen? Das ist eine genuin jüdische Fragestellung, nur ist bei ihm das Messianische in eine verkehrte Form geraten. Er war ja Atheist, dennoch hat er gleichsam eine säkularisierte Variante des Judentums vertreten. Ähnlich wie Karl Marx und andere Sozialisten. Wenn mein Freund Hans Erler jetzt den Bezug auf jüdische Werte in das SPD-Grundsatzprogramm aufnehmen will (vgl. Jüdische Allgemeine vom 18. Oktober), dann trifft er damit einen Punkt.

Wieso hat Reich später im amerikanischen Exil sehr obskure Theorien aufgestellt?
ahren: Das war eine konsequente Verfolgung seiner Leitlinie. Von der Psychologie ist er zur Physiologie übergegangen und von da zur Physik und zur bioelektrischen Funktion von Lust und Angst – das geht nahtlos ineinander über. Und da ist das Problem: Er verwechselt die Analyseebenen, und da ist ihm ein kategorialer Fehler unterlaufen. Man kann Angst physiologisch beschreiben oder psychologisch. Nur vermischen kann man das nicht. Sie können über das Denken nachdenken, und Sie können über das Gehirn nachdenken. Aber das Gehirn selber kann nicht denken, das sind nur Synapsen und Verbindungen. Durch seinen Kategorienfehler kam Reich zu einer Metaphysik des Stofflichen, zu seiner Orgontheorie. Er dachte, er könne eine kosmische Energie namens Orgon vom Himmel saugen und für die Therapie nutzbar machen. Da hatte er die Psychologie völlig verlassen.

Was bleibt von Wilhelm Reich? Kann man mit seinen Theorien heute noch etwas anfangen?
ahren: Kommt darauf an, welche Theorien. Die späten Theorien, dass man mit Orgonenergie Krebs heilen kann, sind Unsinn. Die frühen Schriften vertritt keiner mehr in Reinform, es gibt in dem Sinne keine Reichianer, die heute noch Charakteranalyse praktizieren. Dennoch sollten alle Psychotherapeuten Reich lesen, denn er hat bestimmte Regeln für die Therapie aufgestellt: Der Therapeut muss wissen, wann er reden und wann er schweigen muss und vor allem, was er redet. Und die »Massenpsychologie des Faschismus« ist immer noch eine Verteidigung der seelischen Wirklichkeit. Die muss man auch heute noch gegen Physiologen verteidigen, gegen bestimmte Hirnforscher ...

... die Gehirn und Geist durcheinanderbringen.
ahren: Manche Hirnforscher behaupten, sie könnten beweisen, dass es keine Willensfreiheit gibt. Die bringen die Kategorien durcheinander. Nicht das Gehirn denkt ...

... und es trifft auch keine Entscheidungen.
ahren: Wie soll es das auch machen? Das sind verschiedene Beschreibungsebenen. So auch bei Reich: Als Psychologe hat er Großes geleistet, als Physiologe weniger, und als »Orgoniker« hat er sich von der Wirklichkeit ganz entfernt. Das Interessante an ihm ist, dass er sowohl ein guter Wissenschaftler war als auch ein Weltverbesserer als auch ein Spinner. Das auseinanderzuhalten ist gar nicht so einfach. Aber man kann durchaus sagen, er war einer der großen Psychologen des 20. Jahrhunderts.

Mit dem Professor für Psychologie an der Universität Köln sprach Ingo Way.

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