Projekt Geshem

Die Regenmacher

von Elke Wittich

Vieles, von dem die Menschen früherer Jahrhunderte träumten, gehört heute wie selbstverständlich zum Alltag. Wir fliegen rund um die Welt, sprechen und sehen Menschen, die tausende Kilometer entfernt sind, lassen uns per Chemie oder Skalpell verjüngen. Manches aber geht noch nicht: Das Wetter beispielsweise macht immer noch, was es will. Auf Hitzewellen wie in diesen Wochen haben wir keinen Einfluß, und auch regnen lassen können wir es nicht nach Gutdünken.
Letzteres könnte sich ändern. Wissenschaftler des Jacob‐Blaustein‐Instituts für Wüstenforschung an der Ben Gurion‐Universität von Beerscheba, Computer‐Spezialisten der University of California und NASA‐Experten für Satelliten‐Aufnahmen unter Leitung des belgischen Physikers Leon Brening arbeiten derzeit an der Umsetzung des Projekts Geshem (hebräisch für Regen). Es basiert auf der Ausnutzung bekannter meteorologischer Effekte: In subtropischen Gebieten werden auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern schwarze, lichtabsorbierende Oberflächen installiert. Sie absorbieren die Sonnenenergie und strahlen sie zurück in die untere Schicht der Atmosphäre, ohne daß die Hitze auf den Boden abstrahlt. Mittels der durch den Kamineffekt aufsteigenden aufgeheizten Luft wird Kondenswasser in eine Höhe von 3.000 Metern transportiert, wo sich Regenwolken bilden, die ebenso breit sein werden wie die schwarze Fläche am Boden, eine Länge von bis zu dreißig Kilometern erreichen und durch Windströmungen zwischen 40 und 100 Quadratkilometer Land beregnen können.
Im Moment forscht das Geshem‐Team vor allem nach Geldgebern für die rund zwei Millionen Euro teure einjährige Testphase, in der das Verfahren auf einem bereits vom Staat Israel dafür freigegebenen drei Quadratkilometer großen Areal der Negev‐Wüste erprobt werden soll. Dabei soll es dann nicht nur regnen, sondern auch gewährleistet werden, daß sich die künstlichen Wolken so verhalten, wie in der Computersimulation berechnet: Der Niederschlag soll exakt dort fallen und für spätere Bewässerung gesammelt werden, wo die Wissenschaftler es geplant haben.
Israel wurde als Ort für die Erprobungsphase nicht nur ausgesucht, weil es die idealen geographischen Voraussetzungen bietet; das Projekt stammt aus dem jüdischen Staat, wo es vor rund 40 Jahren erdacht wurde. Die Umsetzung scheiterte bisher an der Tatsache, daß als mögliches Bodenmaterial lediglich Asphalt zur Verfügung stand. Erst die 1994 gegründete Firma Acktar fand schließlich eine bessere Lösung. Die genaue Zusammensetzung der von ihr entwickelten Oberfläche ist geheim. Das Material, so berichtet das Webmagazin Israel21, sei jedoch so leicht und dünn, daß mehrere Kilometer davon auf einfach zu transportierende Rollen paßten und am Stück installiert werden können.
Das Geshem‐Projekt hat großes Potential, wie Leon Brenig in einem Interview mit Israel21 erklärte : „Eine Region, in der die durchschnittliche Niederschlagsmenge 150 Millimeter im Jahr beträgt, könnte eine Zunahme auf 600 bis 700 Millimeter verzeichnen.“ Um bis zu vierzig Prozent ließe sich der Ernteertrag mit dem Verfahren steigern, fügte sein Kollege Eli Zaady von der Ben‐Gurion‐Universität hinzu, warnte aber vor übertriebenen Hoffnungen: „Sollte das Experiment erfolgreich verlaufen, wird auf jeden Fall eine noch längere Testpase folgen.“ Wenn es aber dann endlich so weit ist, glaubt Brenig, wird die neue Regenmacher‐Technik in vielen subtropischen Ländern, in denen sich Wüsten immer weiter ausbreiten, eingesetzt werden können. Voraussetzung ist allerdings, daß sich die zu beregnende Fläche in einem subtropischen oder tropischen Gebiet befindet, das nicht weiter als 150 Kilometer von einem Ozean, einem Meer oder einem großen See entfernt liegt. In solchen Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung weht der vorherrschende Wind tagsüber als konstante Brise landeinwärts. In der Sommerzeit kann deswegen exakt berechnet werden, wohin die künstlich erzeugten Wolken ziehen, und dann praktisch täglich ein genau festgelegtes Gebiet beregnet werden. Die Liste der möglichen Einsatzorte ist groß: Der Nordosten Brasiliens, Nordafrika sowie weite Gebiete der Kalahari‐ und der Saharawüste könnten wieder fruchtbar gemacht werden. Landwirtschaftsexperten und Politiker aus Spanien, in dessen Südosten immer mehr Ackerboden von Versteppung bedroht ist, haben bereits Kontakt zu den Wissenschaftlern des Geshem‐Projekts aufgenommen.
Die neue Technik könnte auch eine umweltschonende und preiswerte Alternative zu existierenden Bewässerungsmethoden werden. Die Wissenschaftler rechnen damit, daß die Erst‐Installation eines kompletten Regenparks um die 80 Millionen Euro kosten würde, was ungefähr dem Preis einer herkömmlichen Meerwasser‐ Entsalzungs‐Anlage entspricht. Die Unterhaltskosten einer Regenanlage wären jedoch minimal, außerdem fielen weder zusätzliche Energiekosten noch Abfallpro‐ dukte an, die entsorgt werden müssten. Auch die Wartung wäre simpel: das Instandhaltungspersonal könnte in Autos auf den Wegen zwischen den Installationen fahren. Und, wie Zvi Finklestein von Acktar, dem Unternehmen, das die schwarzen Oberflächen entwickelte, sagt: „Wasser kann an Orte gebracht werden, an denen es eigentlich kein Wasser gibt. Wo Wasser ist, da ist Leben – und wo Leben ist, da sind der Vorstellung keine Grenzen gesetzt.“

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