steinreich

Die neuen Rothschilds

von Ralf Balke

Der Witz ist älter als der jüdische Staat: Wie macht man in Israel ein kleines Vermögen? Man kommt mit einem großen Vermögen ins Land, klein wird es ganz von alleine und das oft in kürzester Zeit.
Inzwischen ist der Kalauer nicht mehr aktuell. Gewiss, unternehmerisches Pech, politische Krisen oder einfach nur Dummheit können auch heute noch in Israel jede größere Summe wie Butter in der Sonne dahinschmelzen lassen. Aber es gibt mittlerweile eine wachsende Zahl von Reichen und Superreichen im jüdischen Staat. Neun Israelis stehen auf der Liste der Milliardäre dieser Welt, die jedes Jahr vom US‐amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes erstellt wird. Der aus Deutschland eingewanderte Stef Wertheimer auf Platz 188 ist mit einem geschätzten Vermögen von 4,4 Milliarden Dollar der Wohlhabendste unter ihnen, dicht gefolgt von Shari Arison auf Platz 194, die immerhin 4,3 Milliarden Dollar ihr eigen nennen darf. Arison, Israels reichste Frau, hat ihr Vermögen geerbt. Ihr Vater Ted Arison hatte in Miami in den siebziger Jahren mit seiner Kreuzfahrtlinie Carnival Cruise Line den Grundstock für das Familienvermögen gelegt. Nach dem Tod von Papa Arison 1999 erbte sie ein Aktienpaket im Wert von 3,6 Milliarden Dollar. Zudem besitzt sie 35 Prozent Anteile an der Arison Holding, die wiederum unter anderem an der Bank HaPoalim oder diversen Telekommunikationsunternehmen beteiligt ist. Stef Wertheimer konnte sie diesmal toppen, weil er im vergangenen Jahr achtzig Prozent seiner in Familienbesitz befindlichen Metallwerkzeugfirma Iscar für über vier Milliarden Dollar an den US‐Investor Warren Buffet verkauft hatte. Was auffällt: Die meisten der israelischen Milliardäre kletterten im Forbes‐Ranking im Vergleich zum Vorjahr kräftig nach oben. Lev Leviev schaffte es dank seiner Immobilien‐ und Diamantengeschäfte auf Platz 210, Delek‐Tankstellenbesitzer Jitzchak Tschuva von Platz 382 auf Platz 214. Eine Stufe unter Wertheimer, Arison und den anderen Israelis mit zehnstelligem Vermögen stehen die siebeneinhalbtausend israelischen Dollarmillionäre. Laut dem World Wealth Report, veröffentlicht von dem Brokerhaus Merrill Lynch und der Beratungsfirma Cap Gemini besitzen sie ein Gesamtvermögen von 35 Milliarden Dollar – ein Plus von 12,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Darunter sind siebenundachtzig Multimillionäre, die mehr als 30 Millionen Dollar an liquiden Mitteln besitzen. „Viele Israelis haben weltweit in lukrative Immobiliengeschäfte investiert, von den steigenden Kursen an der Tel Aviver Börse profitiert oder sind dank des Kaufs ihrer Unternehmen durch ausländische Investoren zu viel Geld gekommen“, sagt Uri Goldfarb, Vize‐Präsident des Private Banking‐Geschäfts von Merrill Lynch in Israel, über den neuen Reichtum.
Typisch für Israel ist die Konzentration des Reichtums auf einige wenige Familienclans. Laut dem Wirtschaftsinformationsdienst Business Data Israel kontrollieren neunzehn Familien rund vierunddreißig Prozent des Umsatzes von Israels fünfhundert Top‐Unternehmen. Die Arisons, Tschuvas oder die Gebrüder Ofer, die das Wirtschaftsimperium Israel Corporation ihr eigen nennen, nahmen zusammengerechnet im vergangenen Jahr 57,4 Milliarden Dollar ein.
Rund die Hälfte der Superreichen hat allerdings ihr Vermögen nicht in Israel gemacht, sondern im Ausland. Etwa der Medienmogul Haim Saban. Er hat seinen Firmensitz in den USA, war aber auch in Deutschland ehemals als Besitzer der Fernsehkette PRO7/Sat1 aktiv. Oder der in Kanada geborene Leon Koffler, dem die weltweit expandierende Drogeriemarktkette Super‐Pharm gehört und der die Franchisingrechte für Toys R Us, Block‐buster Video und Office Depot in Israel besitzt. Andere kommen aus Russland, wie der israelische Millionär, der zurzeit wohl die meisten Schlagzeilen produziert: Arkadi Gaydamak, ein Mann mit starken politischen Ambitionen. Im Unterschied zu allen anderen Superreichen in Israel sucht Gaydamak die Nähe zu den Medien und lädt reihenweise TV‐Crews ein, seine Paläste in Moskau oder in Cäsarea an der israelischen Mittelmeerküste filmen. Ebenso medienwirksam inszeniert er seine sozialen Wohltaten. Während des Libanonkriegs voriges Jahr spendete er für die kriegs‐ und terrorgeschädigten Einwohner Kiryat Schmonas und Sderots. Gaydamak behauptet, in der Tradition großer jüdischer Mäzene wie der Montefiores oder Rothschilds zu stehen. Im Unterschied zu dem russischen Neureichen waren die allerdings respektable Mitglieder ihrer Gesellschaft, die mit ihrem sozialen Engagement nicht derart offensichtliche Eigeninteressen verbanden. Noch heißt es sprichwörtlich „reich wie Rothschild“ und nicht „reich wie Gaydamak“.

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