Kulturtage

Die Mischung macht’s

von Daniela Breitbart

Es kam, wie es kommen musste. 250 Menschen, alt und jung, fassen sich an den Händen, bilden einen Kreis. Es erklingt die Melodie von Hava Nagila. Langsam setzt sich die Menschenkette in Bewegung, die Schritte werden schneller und schneller. Zwischen wildem Gehüpfe einige vorbildliche Hora‐Schritte, Könner neben Noch‐Nicht‐Kennern, vereint in der Begeisterung für die Musik. Ein Happy‐End nach Noten, das Finale eines großartigen Konzertabends mit der Berliner Gruppe „Klezmer chidesch“ (Klezmer‐Wun‐ der). „Maestro“ Jossif Gofenberg moderierte mit Witz und Verve, erzählte kleine Geschichten und sang von Herz und Schmerz, professionell und leidenschaftlich begleitet von seinen Musikerkollegen Igor Sverdlov, Alexander Franz und Mark Szmelkin. Ob bei „Dona Dona“ oder „Bey mir bist du sheyn“ – das Publikum klatschte, sang und summte begeistert mit. Natürlich, Klesmer – fast schon synonym für jüdische Musik – darf bei einem jüdischen Kulturfestival nicht fehlen. Oder doch?
Die Jüdische Gemeinde Frankfurt und die Stadt Frankfurt am Main haben insgesamt 14 Veranstaltungen (nebst fünf Filmvorführungen) auf das Programm gesetzt, die, so verschieden sie auch sein mögen, zeigen sollen, „dass wir keine Exoten sind, die im Ghetto leben oder Parallelwelten schaffen“, betont der Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Dieter Graumann. Sondern, zum Beispiel, Kunstwelten: „Ich fühle, dass wir stolz sind, wir platzen fast vor Stolz, denn: Die Exponate sind wir“, sagte Graumann bei der Eröffnung der Ausstellung „Künstler der Jüdischen Gemeinde Frankfurt stellen sich vor“.
Sieben Maler und Bildhauer präsentieren ihre Werke im jüdischen Gemeindezentrum: auf kargen, provisorisch wirkenden Stellwänden zwar, doch die Bilder und Skulpturen wirken. Wenn man sie recht anzuschauen weiß, erzählen sie Geschichten von Liebe, Lust und Leid, stimmen nachdenklich, provozieren, bringen zum Schmunzeln. Fünf der Künstler und Künstlerinnen sind Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion: „Sie sind ein Segen, ein Glück und ein Geschenk für unsere Gemeinde“, sagt Graumann. „Wir sind reicher geworden an biografischer Tiefe, menschlicher Wärme und Talent.“
Die Ausstellungsbesucher teilen die Begeisterung. „Die Kunst ist so fröhlich und lebendig“, schwärmt eine Besucherin. Ein Ehepaar ist fasziniert von der Unterschiedlichkeit der Darstellungen. Eine Vielfalt, wie sie auch dem Festival selbst eigen ist. „Wir haben ein volles Programm“, sagen die beiden, „wir wollen zum Klesmer‐Konzert, dann den Vortrag von Saul Friedländer hören und den Film The Cemetery Club anschauen.“
Lesungen, Konzerte, Führungen, Ausstellung – buntes Potpourri oder künstlerisches Kaleidoskop? Den Besuchern, darunter viele Frankfurter aus dem Stadtteil, gefällt die Mischung. Die Jüngeren zieht es in die Filmvorführungen und zur Lesung mit anschließender Russendisko mit Wladimir Kaminer. „Da muss ich unbedingt hin“, sagt eine junge Frau und schüttelt lachend ihre braunen Locken: „Der ist einfach großartig.“
Sie gehörte allerdings nicht zu den rund 40 Zuhörern, die sich am Sonntagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein im Jüdischen Gemeindezentrum einfanden, um sich von Ruth Lapide den biblischen Begriff der Menschenwürde erklären zu lassen. Doch auch das ist jüdische Kultur und Tradition. Die Professorin und Buchautorin sprach von Freiheit und Menschenliebe, von Umkehr und den Zehn Geboten, der „biblischen Geburtsurkunde der Menschenwürde“. Die Bibel sei ein revolutionäres Werk, so Lapide, Grundlage der französischen und russischen Revolution und Vorbild für Hugenotten, Puritaner, Maoris und Indios. Sie sei ein „Buch des Lebens“: Liebe und Hass, Verrat und Vergewaltigung, Schurken und Helden, Liebespaare und Krieger, Gottsucher und Haderer seien in grellen Farben geschildert. Daneben nehme sich das Neue Testament wie ein in Schwarz‐Weiß gehaltenes Büchlein aus, sagt Lapide schmunzelnd. Immer wieder unterbrach sie ihren Vortrag, um Anekdoten zu erzählen oder Randseitiges zu erklären. Bei der anschließenden Diskussion zeigte sie sich als souveräne, doch nie überhebliche Wissenschaftlerin – ein „Genuss für Herz und Hirn“, so der Kommentar einer Zuhörerin.
Könnte das ein neues Motto für die Frankfurter Kulturwochen sein? Es ist ein hoher Anspruch, Traditionen und jüdisches Leben so zu zeigen, wie es heute tatsächlich gelebt wird. Prominente Künstler wie Avraham Fried und Ralph Giordano gehören dazu. Aber jüdische Kultur hat viele, auch unbekannte Gesichter. Und junge Stimmen, die gehört werden wollen. Es gilt, sie zu entdecken, die jüdische Welt jenseits von Klesmer und Kaminer. Vielleicht bei den nächsten Frankfurter Kulturwochen im Jahre 2009. Das Festival läuft noch bis zum 2. September. Weitere Informationen unter www.jg-ffm.de und 069/7680360.

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