Zedaka

Die Kunst des Gebens

von Rabbiner Joel Berger

Mit diesem Wochenabschnitt beginnt die Tora die Beschreibung über den Bau des Heiligtums während der Zeit der Wanderung der Kinder Israels in der Wüste. Dieses tragbare Heiligtum diente den Israeliten zu gottesdienstlichen Zwecken während jener vierzig Jahre in der Wüste, bis sie die Grenzen des Heiligen Landes erreichten.
Man könnte fragen: Welche Bedeutung hat jenes Wüstenheiligtum heute, nachdem selbst der Zweite Tempel in Jerusalem, den Nichtjuden nach Herodes benannten, vor fast 2000 Jahren zerstört wurde? Die Antwort ist für einen Juden sehr einfach: Die Tora ist für uns die Offenbarung Gottes, und wir werden stets geheißen, neben und hinter den Aussagen der Worte auch weitere Intentionen, Botschaften zu suchen. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass die Schrift nur zu den früheren Geschlechtern der Väter und Mütter sprach. Sie enthält auch für uns wesentliche Inhalte und Lehren. Nach diesen zu forschen, unentwegt zu suchen, sind wir alle aufgefordert.
In diesem Sinne haben sich im Laufe der Jahrhunderte unzählige Gelehrte und ihre Schüler betätigt. So beschäftigte die Forscher der Tora auch die Frage, warum der Bericht über den Bau dieses Heiligtums direkt den Rechtssatzungen (Mischpatim) folgt. Die Antwort: Damit niemand von uns für sich sagen könne, es reiche doch für einen vorbildlichen Lebenswandel, wenn man als rechtschaffener, redlicher Bürger dem anderen kein Unrecht tut. Die Tora, meinen die Rabbinen, will uns im Gegenteil dazu auffordern, uns in der Gemeinschaft für die Anderen, vielleicht Schwächeren, zu engagieren. Wir sollen uns nicht da‐ mit begnügen, »Verbotstafeln« zu respektieren, sondern darüber hinaus etwas für die Mitmenschen tun! Es gilt, die Hände in der Not zu öffnen, um zu geben!
Dies lesen wir im ersten Vers unserer Parascha: »Rede zu den Kindern Israels, dass sie mir eine besondere Gabe bringen …!« Wie kaum ein anderer Vers der Tora hat dieser bewirkt, dass der selbstlose Geist der Offenherzigkeit, der Spendenfreudigkeit in der jüdischen Gemeinschaft stets als die größte Tugend galt und dies bis zum heutigen Tage geblieben ist.
Von den Chassidim ist eine Anekdote überliefert: Der berühmte Sassower Rabbi gab einmal einem Menschen, der nicht gerade den tadellosesten Ruf in seiner Umgebung hatte, sein letztes Geld. Die Schüler des Rabbis blickten kopfschüttelnd und verständnislos auf den Meister. »Was wollt ihr?«, fragte der Sassower, »soll ich etwa noch wählerischer sein als Gott, der die Münzen mir geschenkt hat?«
Die göttliche Botschaft am Anfang dieser Parascha lautet: »… sie (die Kinder Israels) sollen Mir ein Heiligtum einrichten, dass Ich in ihrer Mitte wohne …« (2. Buch Moses 25,8). Der Allmächtige weilt jedoch nicht in einem Heiligtum, sondern viel eher in den Herzen Seiner Kinder. Den unsichtbaren Ewigen konnten die früheren Sklaven nach ihrem Auszug noch nicht fassen und begreifen. Ihre Sklavenhalter verehrten Götzen in Tiergestalt. Dies wirkte auch bei den Israeliten nach, als sie in der Wüste das Goldene Kalb aufstellten. Sie sagten über das Standbild: »Das ist dein Gott, Israel, der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt hat« (2. Buch Moses 32,4).
Der mittelalterliche Dichter und Philosoph Jehuda Halevi wollte sein Volk verteidigen, als er behauptete, dass das Goldene Kalb kein ernsthafter Abfall gewesen sei, da die Kinder Israels sich noch im kindlichen Unschuldszustand befanden. Der Mischkan, das Heiligtum in der Wüste, sollte aufgestellt werden, damit das Volk ihn sehen und wahrnehmen konnte. Diesem Volk verkündete Gott: »… damit Ich in ihrer Mitte weilen kann«. Jedoch wohnt Gott in keinem errichteten Heiligtum, sondern viel eher in der Seele derer, die Ihn suchen. Das Wesentliche des Heiligen ist nicht der Mischkan, das Heiligtum, sondern die Gesinnung des Volkes, das Gott Einlass in sein Herz gewährt, indem der Mensch auf Seinem Weg wandelt, Seine Mizwot erfüllt.
Der Prophet Jeschajahu unternahm den Versuch, den Israeliten den Weg zu Gott zu zeigen. »Der Ewige der Heerscharen wird im Gesetz erhaben sein und der Heilige, Gott, erweist sich als heilig durch die Gerechtigkeit« (Jes. 5,16). Der Prophet lehrt uns, dass das Wesen der Heiligkeit in gerechtem Handeln, in Zedaka liegt und nicht in der Materie, im gebauten Heiligtum. Noch deutlicher formuliert es der Prophet Jirmijahu: »… sondern dessen rühme sich, wer sich rühmt: zu begreifen und Mich zu erkennen, dass ich, Gott, Güte, Recht und Gerechtigkeit auf Erden wirke« (Jer. 9,23).
Die Aggada, unser frommes Erzählgut, erwähnt, dass Mosche in die Bundeslade im Mischkan auch die Bruchstücke der von ihm zerbrochenen Tafeln mit den Zehn Geboten hineingelegt habe – doch nicht wegen der etwaigen Heiligkeit der Steine, sondern, weil die eingemeißelten Buch‐ staben die Träger des Geistes der Offenbarung sind. Die Steine sind lediglich die Hülle für das Heilige, aber sie selbst besitzen diese Heiligkeit nicht.
Der Wert der Zedaka, die als Sachspende für den Mischkan bereitgestellt wurde, lässt sich nicht aus ihrer Menge, Größe oder aus ihrem Gewicht abschätzen, sondern ist nur davon abhängig, ob der Spender sie aus reinem Herzen gegeben hat. Eine bekannte talmudische Ausführung be‐ sagt, dass der barmherzige Gott von uns unser Herz verlangt, die Herzensgüte. Eine geringere Gabe kann wertvoller erscheinen, wenn man sie selbstlos gibt. Dem Gott Israels kann der Sterbliche keine Materie, keine materiellen Güter schenken oder spenden, sondern nur sein Herz, die Gefühle, den aufrechten Glauben und die Liebe zum Nächsten. Die Aufstellung des Mischkan war daher nicht nur ein Bedürfnis des Volkes in der Wüste, sondern auch eine harte Probe in der Beziehung zu seinem Gott.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

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