Kriegsalltag

Die große Unwissenheit

von Myriam Halberstam

Seit Tagen gleicht Kirjat Schmona einer Geisterstadt. Die Mehrheit der Bewohner hat die unter Katjuscha-Beschuß stehende Stadt verlassen und ist in den Süden Israels geflohen. Jene, die ein Auto besitzen und Verwandte oder Freunde im Landesinnern haben, oder sich ein billiges Hotel leisten können. Die Zurückgebliebenen, größtenteils Sozialhilfeempfänger und Alte, verbringen Tag und Nacht in den Bombenschutzkellern. »Niemand arbeitet, alles ist geschlossen, nur Verrückte laufen noch draußen herum«, sagt Daniel Levy. Der 50-Jährige leitet das WIZO-Jugenddorf Kiryat HaNoar. Auch dies ist auf Anweisungen des israelischen Militärs geschlossen, das Sommerferienlager für Jugendliche aus der Region nach nur einer Woche abgebrochen worden. »Wir dürfen keine Risiken eingehen«, sagt Daniel Levy. »Es herrscht eine große Ungewißheit. Man lebt mit dem ununterbrochenen Lärm der Bombeneinschläge, weiß nie, vom wem gerade geschossen wird«, beschreibt der vierfache Vater die zermürbende Situation. Zwei seiner eigenen Kinder hat er bei seiner Schwester untergebracht, zwei sind noch bei ihm und seiner Frau, aber auch die Levys wollen vorübergehend die Stadt verlassen.
Vor dem Beginn des Schabbat wird Levy aber noch all denen, die nicht fliehen können, eine Essensration in die Bunker bringen. »Die meisten Alten haben gar nichts mehr, sie müssen doch am Schabbat wenigstens eine warme Mahlzeit essen können«, sagt Levy. Es ist die von den Spenden der deutschen Sektion der zionistischen Frauenorganisation WIZO schon länger eingerichtete Suppenküche, die es ihm ermöglicht, die in den Bunkern ausharrenden Hungrigen zu versorgen. Die Menschen sind stärker als je auf die großzügige Hilfe der Frauenorganisation und ihrer Spender im Ausland angewiesen. Im Landesinnern wurden die Pforten der WIZO-Schulen und Internate für die Dauer des Kriegs für alle Alten, alleinerziehenden Mütter oder anders Bedürftigen geöffnet.
Alte wurden aus ihren Wohnungen abgeholt und in die Dörfer gebracht. Niemand soll unter ständigem Raketenbeschuß und Sirenengeheul allein in einem Bunker ausharren müssen. In ihren Rollstühlen wurden 15 alte Menschen aus Carmiel abgeholt und im WIZO-Altersheim in Tel Aviv untergebracht. Aus Kiryat Shmonah sind in den vergangenen Tagen 20 Bewohner im WIZO-Internat Nir HaEmek untergekommen. Vom Kibbuz Sasa befanden sich dort schon 250 Erwachsene und Kinder. Bald sind die Kapazitäten aber ausgeschöpft.
Nun müßten manche in Hotels untergebracht werden, aber dafür ist kein Geld vorhanden. Daniel Levy erzählt von drei Familien, die sehr arm seien, sowie einer allein- erziehenden Mutter mit ihren vier Kindern, die unter Asthmaanfällen und Angstzuständen leide. »Rina kann im Bunker fast nicht atmen«, beschreibt Levy ihre Situation. »Ich würde ihr gerne helfen nach Jerusalem in einem Hotel unterzukommen. Aber zur Zeit versuche ich noch, die Mittel hierfür aufzutreiben.«
Dabei hatte der Sommer in Kiryat Shmonah so vielversprechend angefangen. Die WIZO-Deutschland-Präsidentin Rachel Singer war im Juni zu Besuch gekommen, um den dringend notwendigen Neubau des Jugenddorfes zu besprechen. Auf dem idyllischen Grundstück soll das neue Haus des Lern- und Freizeitzentrums für die sozial benachteiligte Jugend der Stadt errichtet werden. Die Übernahme der Baukosten, die Kosten für das Sommerlager und für den speziellen Einzelunterricht der Schulabbrecher hatte sie damals zugesagt. Unter der Leitung Levys werden den 13-17jährigen hier schon heute die ersten Kenntnisse am Computer beigebracht, damit sie später auf dem Arbeitsmarkt mehr Chancen haben. Nun gilt es für die Organisation zunächst die unerwarteten Mehrkosten durch die Unterbringung der vor dem Beschuß in die Schulen flüchtenden Menschen zu decken. Die Baupläne liegen vorerst auf Eis. »Sobald es einen Waffenstillstand gibt, nehmen wir unsere Arbeit sofort wieder auf«, versichert Levy.

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