Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb

Die erste Geige

von Brigitte Jähnigen

Was hilft gegen Lampenfieber? Nervös am Röckchen zupfen, aufgeregte kleine Finger in Vaters große Hände legen, Wangen aufblasen und kurz die Luft zwischen den Lippen freilassen, sich an Mamas Seite kuscheln: Alle Mittel und Methoden gegen das Kribbeln im Bauch sind recht, wenn es wie am vergangenen Wochenende in Stuttgart um einen Wettbewerb geht, bei dem sich musikalische Talente messen. Schon zum zweiten Mal lud die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) zum Karl‐Adler‐Jugendmusikwettbewerb ein. 24 junge Nachwuchstalente waren gekommen. Das Preisgeld in Höhe von insgesamt 3.000 Euro stiftete der Initiator Martin Widerkehr.
„Was ich mir wünsche? Ich finde, dass es gut wäre, wenn ich heute nix vermassel.“ Elena Dolgina ist ein energiegeladenes Mädchen. Wenn die 13‐Jährige den Geigenbogen ansetzt, würde es einen nicht wundern, wenn schon im nächsten Augenblick außer kristallklaren Tönen Funken aus den Saiten ihrer Violine sprühten. Kennt sie denn auch so etwas wie Lampenfieber? „Ach was, natürlich hab ich das“, schießt es aus dem nimmermüden Mund. Den dritten Satz aus Wieniawskis Violinkonzert Nummer 2 in d‐Moll hat Elena neben Literatur von Tartini und Kreisler zum Wettbewerb nach Stuttgart gebracht; ein anspruchsvolles Repertoire. Erst im März des vergangenen Jahres kam Familie Dolgina aus Tula nach Württemberg. Jetzt wohnen sie in Rottweil. „Im roten Moskau“, verrät die Tochter einer Musiklehrerin und eines Ingenieurs. „Das heißt so, weil da lauter Russen wohnen“, klärt sie ihr Gegenüber auf. Elena übt täglich etwas mehr als eine Stunde, angeleitet und kontrolliert von ihrer Mutter. Sie liebt Bücher und Tiere. Und wenn sie einen Herzenswunsch frei hätte, dann würde sie „gerne nie erwachsen werden, aber schon in einem Orchester spielen“. Ein Teil des Wunsches könnte sich erfüllen. Miriam Abramovici findet Elena „hochbegabt“. Die 16‐Jährige muss es wissen. Nicht nur, weil ihr Vater, Ovideiu Abramovici das junge Talent unterrichtet, sondern weil auch Miriams Auftritte musikalische Sensibilität und technische Versiertheit verraten. 2006 und 2007 erspielte sich die 16‐Jährige im Duo und im Trio einen jeweils ersten Platz als Bundespreisträgerin beim Wettbewerb „Jugend musiziert“.
Hier im Gemeindesaal der IRGW wirkt Miriam schon wie eine alte Häsin. Doch an ihr früheres Lampenfieber erinnert sie sich noch gut. „Ich habe kein Publikum gesehen, einfach nur gespielt“, sagt die Stuttgarterin. Auch Miriam möchte Musik studieren und später in einem Orchester spielen. Wettbewerbe wie den Karl‐Adler‐Wettbewerb findet sie zur Talentförderung gut und wichtig. Inzwischen hat sich Julia Lerner dem Urteil der Fachjury unter Vorsitz von Professor Shoshana Rudiakov gestellt. Mit beinahe trotzigem Gesicht präsentiert die 11‐jährige Johann Sebastian Bachs Sinfonie g‐Moll, das Rondo aus Beethovens Sonate in c‐Moll und Mendelssohn‐Bartholdys Lieder ohne Worte in C‐Dur und fis‐Moll. Julias kraftvolles Spiel, ihr ausgeprägtes Rhythmusempfinden lassen beim Zuhörer Gänsehaut über die Arme steigen. „Ich habe noch mehr talentierte Schüler, aber Julia ist die begabteste“, sagt ihre Lehrerin, So‐Ryong Chuoa. Und wer je die Vorstellung von „Wunderkindern“ entwickelte – auch Talente wie Julia müssen täglich üben und sind ansonsten ganz normale junge Mädchen und Jungs und mögen zum Beispiel Rockmusik. Den ersten Klavierunterricht bekam Julia übrigens als Geschenk zu ihrem 5. Geburtstag.
Auch wenn sie Profis sind: Aus 24 Nachwuchstalenten die Besten herauszuhören, ist eine anspruchsvolle Aufgabe für die Fachjury. In diesem Jahr freuten sich Alice Tolmachova (Klavier), Ada Heinke (Klavier), Viktoria Ryabova, (Geige) und Sofia Kalislamova (Geige) aus der Altersgruppe I (sieben bis acht Jahre) über einen ersten Preis. Julia Lerner (Klavier) erspielte sich gleichfalls einen ersten Preis in der Altersgruppe III und Veronika Poleeva (Geige) einen in der Altersgruppe IV. Erste Preisträger wurden außerdem die 16‐jährige Miriam Abramovici (Geige) und der 17‐jährige Ilja Rappoport (Klavier).
Ach ja, und natürlich hat Elena Dolgina „nix vermasselt“. Für ihren Beitrag beglückwünschte sie die Jury mit ebenfalls einem ersten Preis. Zum ersten Konzert der Preisträger lädt die IRGW am Sonntag, dem 29. Juni um 16 Uhr in ihren Gemeindesaal ein.

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