Kassel

Die erste Frau

von Ralf Pasch

Der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) bezeichnete sie als »die Frau mit dem großen Herzen«, die unvergessen bleiben werde. Weil sie sich »in heroischer Selbstaufgabe« und mit großer Hingabe für Menschen in ihrer Umgebung eingesetzt habe, war Sara Nußbaum vor 50 Jahren die Kasseler Ehrenbürgerschaft verliehen worden. Sie war – und ist bis heute – die einzige Frau, die diese Auszeichnung bekommen hat. Und sie ist auch das einzige Mit- glied der jüdischen Gemeinde, dem eine solche Ehrung zuteil wurde. Nicht nur der Tag, an dem ihr der damalige Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen die Urkunde überreichte, jährt sich zum 50. Mal, sondern auch ihr Todestag. Denn sie starb im selben Jahr. Zur Gedenkveranstaltung war auch ihre in England lebende Enkelin Henny Rednall nach Kassel gekommen.
Sara Nußbaums Mann – er war Kaufmann und Möbelhändler – leitete die Freiwillige Sanitätskolonne, die später Kolonne Nußbaum getauft wurde, weil der Unternehmer viele seiner Angestellten und Arbeiter davon überzeugte, ehrenamtliche Sanitäter zu werden. Auch seine Frau war dabei, sie ließ sich zur Rot-Kreuz-Schwester ausbilden und war für viele die eigentliche Kolonnenführerin. Sie arbeitete auch im Altersheim und später im Waisenhaus der jüdischen Gemeinde. Ihr Mann organisierte und leitete während des Ersten Weltkriegs Verwundetentransporte.
Die Nazis verschonten ihn und seine Frau trotzdem nicht. Schon kurz nach der Machtübernahme, im April 1933, verhafteten sie Sara Nussbaum, weil sie angeblich eine Nachbarin beschimpft habe. Ihr Mann, der sich den SA-Männern in den Weg stellte, wurde dabei so schwer verletzt, daß er ein Jahr später an den Folgen starb. Seine Frau wurde nach zwei Wochen Polizeigewahrsam wieder freigelassen. Im September 1942 allerdings wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Im KZ meldete sie sich für die Krankenstation. Im Februar 1945 gelangte sie mit einem Transport, den das Rote Kreuz ausgehandelt hatte, in die Schweiz. Ein Jahr später kam sie zurück nach Kassel. Die jüdische Gemeinde, die bis zur Pogromnacht immerhin 2.500 Mitglieder hatte, war von den Nazis vernichtet worden. Etwa 250 Überlebende aus anderen Orten gründeten nach dem Krieg eine Gemeinde, die heute 1.200 Mitglieder hat. Ihre Vorsitzende, Esther Haß, meint, daß die Ehrenbürgerschaft für Sara Nußbaum vor 50 Jahren den jüdischen Menschen in Kassel »ein Stück Würde zurückgab«. Auch die von der Stadt unterstützte Gedenkveranstaltung, sagt Haß, »hat der Gemeinde gutgetan«. Denn die ist zwar durch den Zuzug von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion erheblich gewachsen, doch es steht noch an, diese Menschen auch wirklich in die Gesellschaft zu integrieren.
Sara Nußbaum war zwar Ehrenbürgerin in Kassel geworden, doch für das, was ihr die Nazis geraubt hatten, wurde sie zu Lebzeiten nicht entschädigt. Obwohl sie in ärmlichen Verhältnissen lebte, spendete sie für die, denen es noch schlechter ging als ihr. Im Dezember 1956, kurz nachdem sie die Ehrenbürgerschaft bekommen hatte, starb sie. Eine Kasseler Kindertagesstätte und ein Platz sind nach Sara Nußbaum benannt worden, das Archiv der deutschen Frauenbewegung bewahrt ihren Nachlaß auf.

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