Tennisspieler

Die Davids des Doppels

von Indra Kley

Völlig entspannt sitzen sie in weißen Trainingsanzügen in der Hotel‐Lobby. Wie zwei große Jungs. Sie wirken zufrieden, lächeln – obwohl sie bereits ausgeschieden sind. Im Achtelfinale. Eigentlich viel zu früh für die Weltranglisten‐Dritten. Doch dass die Gerry Weber Open, das Rasen‐Tennisturnier im westfälischen Halle, für sie weit vor dem Finale vorbei sind, scheint Andy Ram und Jonathan Erlich nicht zu ärgern. Gut gelaunt plaudert das israelische Doppel über Leben, Sport und Karriere. Die genießen die beiden jeden Tag, auch wenn der Erfolg ausnahmsweise mal ausbleibt. Und in Israel sind Ram und Erlich so oder so Helden.
„AndYoni“ wird das Duo von seinen Landsleuten genannt. Im Januar feierten sie bei den Australian Open den bisher größten Erfolg ihrer gemeinsamen Karriere – und den größten Erfolg in der nationalen Tennisgeschichte: Andy Ram (28) und „Yoni“ Erlich (31) gewannen als erste Israelis überhaupt ein Grand‐Slam‐Turnier. „Präsident Peres und Ministerpräsident Olmert haben uns sofort nach dem Spiel angerufen und gratuliert“, erzählt Erlich stolz. Anschließend bereiteten zahlreiche Fans den beiden bei ihrer Ankunft am Ben‐Gurion‐Flughafen einen rauschenden Empfang. „Man kennt uns in Israel, wir kriegen überall Rabatte“, sagt Ram und lacht.
Dass sie einmal so weit kommen würden, ist für die beiden Sportler „einfach nur unglaublich“. „Das erste Doppel haben wir gespielt, als ich 18 war“, erinnert sich Andy Ram. „Und wir haben verloren. Danach musste ich drei Jahre warten, bis er wieder mit mir gespielt hat“, sagt der heute 28‐Jährige und schaut lachend zu seinem Tennispartner Jonathan, der mittlerweile einer seiner engsten Freunde ist. 2001 bekam Ram dann eine zweite Chance, mit dem drei Jahre älteren Erlich auf dem Centre Court anzutreten. Doch im Londoner Queen’s Club verlor das Doppel ebenfalls haushoch. „2002 ist Andy dann verletzt gewesen und hat gar nicht gespielt“, erinnert sich Erlich. „Und ich kämpfte mit mir, weil es überhaupt nicht so lief, wie ich wollte.“
Doch dann kam Wimbledon: Völlig unerwartet standen Ram und Erlich am 4. Juli 2003 im Halbfinale des ältesten und prestigeträchtigsten Tennisturniers der Welt. „Das war unser Durchbruch“, erinnert sich Ram. „Da hat sich alles geändert, unsere Karriere, unser Leben.“ Über Nacht wurden die sympathischen Jungs in ihrer Heimat zu Stars – und gewannen das Selbstvertrauen zurück, das sie in den Jahren zuvor verloren hatten. „Das war schon beeindruckend, was da passiert ist“, sagt Erlich. „Erst hatten wir keinen Schekel auf dem Konto, und plötzlich kannte uns jeder. Dabei waren wir vor Wimbledon nur einen Schritt vom Aufhören entfernt.“ Zu viele Zweifel, ob Profi‐Tennis das Richtige sei, hätten an ihnen genagt. „Aber durch diese Erfahrungen haben wir gelernt, alles viel mehr zu schätzen, jedes Turnier, jede Kleinigkeit“, sagt Erlich. „Du sollst immer daran denken, wo du herkommst.“
Auf dem Boden sind die Tennis‐Asse immer geblieben. Beide stammen aus jüdischen Einwandererfamilien: Rams Eltern kamen aus Montevideo, Uruguay, nach Jerusalem, als Andy fünf Jahre alt war. Yoni zog mit seiner Familie im Alter von einem Jahr aus Buenos Aires, Argentinien, nach Haifa. Als junge Talente lernten sie sich im Wingate‐Institut in Netanya kennen, einer Sportförderungsstätte, in der beide mehrere Jahre verbrachten. Mit 18 Jahren wurde Ram zum Profi – und begann noch im selben Jahr, bei der israelischen Armee seinen dreijährigen Wehrdienst abzuleisten.
Die beiden sind ihrem Land verbunden. Und sie sind stolz auf das, was sie erreicht haben. „Tennis ist in Israel nicht so populär wie Fußball oder Basketball. Aber wir sind ein kleines Volk, das insgesamt nicht so viel Erfolg im globalen Sport hat“, erklärt Erlich die Popularität des Duos. Dass die beiden aus Israel kommen, einem Land, dessen Außenwahrnehmung hauptsächlich von Kriegen und Konflikten bestimmt wird, und dass sie Juden sind, ist auf Turnieren auch unter den internationalen Sportlern häufig ein Thema. „Andere Spieler, die vielleicht etwas in den Nachrichten gesehen haben, fragen uns schon, was in Israel los ist“, sagt Erlich. „Wir haben uns aber niemals diskriminiert gefühlt, auch wenn die Situation mit Israel nicht immer einfach ist.“ Ram und Erlich sehen sich selbst als Botschafter für ihr Land. Religiös sind die beiden nicht. „Wir sind moderne Juden, wie die Mehrheit in Israel“, sagt Ram, der wie Erlich mit seiner Frau in Tel Aviv lebt.
Trotz aller Gelassenheit und Dankbarkeit, mit der sie auf ihre bisherige Karriere blicken, haben sie noch einige sportliche Ziele. „Ein tolles Ergebnis ist nicht ge‐ nug“, so Ram. „Wir müssen das am Laufen halten.“ Bis Olympia 2012 in London will der Ältere des Doppels, Erlich, noch spielen. „Und danach gebe ich den Schläger an meinen Sohn ab“, scherzt er. Jonathan Junior soll in wenigen Wochen zur Welt kommen. Und wer bringt dem Nachwuchs Tennis bei? Andy Ram vielleicht? „Nein, Andy wird der Kleine nicht zu Gesicht bekommen! Es reicht schon, dass ich ihn elf Monate im Jahr sehen muss“, sagt Erlich und beide lachen. Wie zwei große Jungs.

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