Personenschützer

„Die Chemie muss stimmen“

Der Verdacht wiegt schwer. Unter früheren
Personenschützern des TV‐Moderators
und früheren Vizepräsidenten Michel
Friedman sollen sich Polizeibeamte befunden
haben, die rechtsradikalem Gedankengut
anhingen. Wie konnte es zu dieser
Panne kommen?
Personenschutz ist Teamarbeit, die Beamten
werden gleichsam handverlesen. In
Berlin, das nach dem Bundeskriminalamt
(BKA) die größte Dienststelle für den
Schutz gefährdeter Personen in Deutschland
hat, geht das so: Bewerber müssen
drei bis fünf Dienstjahre hinter sich haben
und Beamte auf Lebenszeit sein. Das Auswahlverfahren
ist streng und ähnelt dem
für die Mobilen und die Spezialeinsatzkommandos
(MEK und SEK). Statusfetischisten
mit Hang zu „geilen Kutschen, Knarren,
Klamotten“ und Rambo‐Typen haben keine
Chance. Wer solche Flausen vorher vertuschen
konnte, fällt bei den Tests durch den
Rost. Darüber wachen Leiter und psychologischer
Dienst gemeinsam.
Körperliche Fitness ist Voraussetzung,
es gibt Geschicklichkeitsparcours; in Rollenspielen
werden die Bewerber in Situationen
gebracht, bei denen sie gar nicht
anders können als Farbe bekennen. Getestet
werden Intelligenz und Persönlichkeitsstruktur,
vor allem in Bezug auf Risikobereitschaft
und Teamfähigkeit. Wer danach
zum Personenschutz darf, lernt erst
mal monatelang: Fahr‐, Schleuder‐ und
Nahkampftechniken, Schießen, Orte und
Personen einschätzen. Polizisten sagen ungern,
was alles dazugehört. Aber interessierte
Kreise mit Internetanschluss können
sich die international ähnlichen Details
leicht beschaffen. Nicht nur das in Israel
entwickelte Krav‐Maga‐Training wirbt
auf der eigenen Homepage auch mit Referenzen
von schwedischen, polnischen und
Schweizer Spezialpolizeien. Ist man endlich
in einem Kommando, übt das Team
informelle Sozialkontrolle aus. Kein Kollege
kann sich lange leisten, schräge Töne,
dubioses Gebaren, gar Nazi‐Symbole „nicht
zu bemerken“. Der Kommandoführer erst
recht nicht. So etwas sei in Berlin bisher
auch nicht vorgekommen, heißt es aus
dem Landeskriminalamt 5, Staatsschutz.
Dort ist der Personenschutz angesiedelt.
Was allerdings (wenn auch selten) vorkommt,
ist, dass die Chemie nicht stimmt.
Die zu schützende Person prägt das Team,
nicht umgekehrt. Die Berliner Hauptkommissarin
Dagmar W., die unter anderem
Andreas Nachama in seiner Zeit als Gemeindevorsitzender
geschützt hat (vgl.
Jüdische Allgemeine Nr.16/2002): „Wie sie
(die Schutzperson) auf uns zugeht, uns an
sich ranlässt,was für’n ‚Typ‘ das ist, danach
richten wir uns automatisch.“ Ob man einen
guten Draht kriegt, weiß man schnell.
Und für noch etwas muss man sorgen,
wenn man wie Dagmar W. das Kommando
führt: „Die Chemie muss auch im Team
stimmen. Mit dem ist man notfalls länger
zusammen als mit dem Partner.“ Manchmal
wird das Team fast zur Familie.
Der Dienst ist bedarfsorientiert. Je
nachdem, als wie gefährdet die Schutzperson
eingestuft wurde und was sie wo wie
lange zu tun hat, dauert er notfalls rund
um die Uhr. Vorsondieren, Lokalitäten
checken, transportieren, sichern, warten.
Man verbringt dabei viel Zeit mit seiner
Schutzperson, man kriegt viel von ihr mit.
Diskretion hat oberste Priorität. Umgekehrt
bekommt auch die Schutzperson
zumindest atmosphärisch viel mit von den
Beamten und hat, in Berlin, jederzeit direkten
Zugang zu deren Chef.
Personenschutz bekommt, wer als gefährdet
eingestuft wird. Für die Gefährdunganalyse
und -stufe zuständig ist in Berlin
ebenfalls das LKA 5. Wer wen schützt,
richtet sich nach dem Wohnsitz. Ausnahme:
die Mitglieder der Verfassungsorgane –
für sie ist das BKA verantwortlich. Alle
anderen werden von ihren Länderpolizeien
geschützt. Und die entscheiden selbst, wo
sie ihre Personenschützer ansiedeln – die
einen beim Staatsschutz, also der Kripo, die
andern bei der Schutzpolizei, wie in Hessen,
dem Bundesland, in dem Michel Friedman
lebt. Im Team arbeiten sie auch in
Hessen. Vielleicht geht es dort so „familiär“
zu, dass selbst der Staatsanwalt meint, dort
kursierende Nazi‐Gesinnung sei quasi Privatsache?
Dass der Rest des Teams nichts
von den Umtrieben der Personenschützer
Friedmans mitbekommen haben will, ist
jedenfalls – von Berlin aus gesehen – unvorstellbar.

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