Rosemarie Schuder

»Die Aufarbeitung war lückenhaft«

Frau Schuder, Ihr Buch »Der gelbe Fleck«, das Sie mit ihrem Mann Rudolf Hirsch verfasst haben, war das erste populäre Werk über Judentum und Antisemitismus, das in der DDR verlegt wurde. Wie kam es zu dem Projekt?
schuder: Rudolf Hirsch, als Jude und Kommunist im Februar 1933 von den Nazis aus seiner Vaterstadt Krefeld vertrieben, hatte, noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt, in der Widerstandsgruppe »Neu Beginnen« 1935 hier in Berlin diskutiert, wie es kommen konnte, dass die Nazis mit dieser Rassenhasstheorie einen solchen Anhang gewonnen hatten. Seitdem hat ihn dieses Problem nicht mehr losgelassen. 1937 floh er nach Palästina und kehrte 1949 zurück. Er arbeitete als Gerichtsreporter für die Zeitung Wochenpost. Aber erst, als er 1981 aufhörte, weil er dort nicht mehr so kritisch schreiben durfte, wie er wollte, begannen die Vorbereitungen für diese Studie.

Wann haben Sie Rudolf Hirsch kennengelernt?
schuder: Beim Schriftstellerkongresss im Januar 1956 in Berlin. Seitdem sind wir zusammengeblieben bis zu seinem Tod 1998.

»Der gelbe Fleck« ist dann 1987 erschienen. Gab es Widerstände dagegen?
schuder: Widerstand gab es eigentlich nur von dem damaligen Verleger, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte. Erst auf die Anfrage von Rudolf Hirsch an das ZK der SED »Meine Herren, was ist denn los?«, erschien das Buch, aber nur in einer Erstauflage von 750 Exemplaren. Letztendlich wurden dann aber bis 1990 über 90.000 Stück verkauft.

Was war der Grund für die Haltung des Verlegers?
schuder: Es war wohl seine persönliche Einstellung, vermute ich. Es könnte sein, dass er das Thema nicht mochte. Manch einer betrachtetete noch immer Juden als Fremdlinge.

Gab es auch politische Motive?
schuder: Nein, denn sonst wäre das Buch ja gar nicht erschienen. Und es gab innerhalb dieser Arbeit nicht eine einzige Formulierung, wo die Zensur eingegriffen hätte.

Wie konnte das sein?
schuder: Na ja, Rudolf Hirsch war bekannt durch seine Gerichtsberichte und ich war bekannt durch meine Romane, bei denen ich auch nie irgendeinen Eingriff durch die Zensur erleben musste.

Die Haltung der SED zu den Juden und zum Staat Israel gilt als problematisch. Wie würden Sie die Auseinandersetzung der DDR mit deutscher Schuld bewerten?
schuder: Vielleicht kann man sie als lü‐ckenhaft bezeichnen. Rudolf Hirsch hat immer gesagt, er wundere sich, dass der Sozialismus bei so viel Dummheit immer noch bestehen kann. Aber es war ja leider eben nicht nur Dummheit, sondern es waren auch verbrecherische Vorkommnisse, die ich keineswegs schönreden will. Aber ich will mir nicht im Nachhinein einen Dissidentenmantel umhängen und nun ebenfalls in diese Scheltreden einstimmen à la »es war alles ganz schrecklich«. Heute wird schnell zugespitzt. Man kann dies wirklich nur festmachen an einzelnen Personen und nicht im Nachhinein alles verengen auf die Formel »Rechtsstaat und Unrechtsstaat«. Das ist mir zu simpel. Deswegen versuche ich in allen meinen Arbeiten, an ausgewählten Personen bestimmte gesellschaftliche Verhaltensweisen darzulegen.
Sie waren als populärhistorische Autorin in der DDR sehr erfolgreich. Woher kommt Ihre Leidenschaft für geschichtliche Stoffe?
schuder: Das begann 1950. Ich hatte seit meinem Abitur 1947 für die Zeitungen Neue Zeit und Tägliche Rundschau geschrieben und kam dann 1950 als Journalistin zum Theatertreffen nach Dessau. Dort wurde »Die Petroleuminsel« von Lion Feuchtwanger aufgeführt. Ich kannte seine Bücher damals noch nicht. In der Nazizeit wurde Feuchtwanger ja totgeschwiegen. Er hatte schon 1935 in der Emigration in Frankreich über »Sinn und Unsinn des historischen Romans« geschrieben, dass jeder ernsthafte Schriftsteller, der sich mit historischen Themen beschäftigt, Geschichte nur als Gleichnis darstellen könne. Sein Credo war, gegen Dummheit und Gewalt, gegen das Versinken in Geschichtslosigkeit zu schreiben. Ausgangspunkt für meinen ersten Roman über den Meister des Naumburger Doms war die Feststellung, dass das Wesentliche dort nicht die Figur der Uta ist, die von den Nazis als ein Sinnbild germanischen Wesens missbraucht wurde, so wie der Dom als ein Bollwerk gegen die Slawen gedacht war. Da habe ich mir in Erinnerung an Feuchtwanger gesagt: Ich muss etwas als Entgegnung auf die »germanische« Uta schreiben.

Ist Feuchtwanger Ihr großes Vorbild?
schuder: Ja. Aber das darf bitte nicht als Anmaßung verstanden werden. Als Vorbild möchte ich ihn natürlich bezeichnen, aber eben mit allem Respekt. Aber inspiriert hat mich auch stark ein anderer: Im Jahr 1951 bin ich Rabbiner Martin Riesenburger begegnet und war als Journalistin dabei, als er die Predigt hielt zur Einweihung der Synagoge in Erfurt. Und es begann eine wunderbare Freundschaft mit ihm. Er hatte am Ende seiner Predigt einen Satz gesagt, den ich aufgegriffen und ans Ende meines Romans »Der Ketzer von Naumburg« gesetzt habe: »Danken, Gedenken, nie vergessen.« Nach der Predigt sprach ich Rabbiner Riesenburger an und habe ihn gefragt, wie das »Danken« zu verstehen sei.

Was hat er Ihnen gesagt?
schuder: Er meinte, dass man für die Möglichkeit, im humanistischen Sinn wirken zu können, dankbar sein sollte. Dass man da nicht nachlassen dürfe.

Ist Ihre lebenslange Beschäftigung mit deutsch‐jüdischen Themen durch die Begegnung mit Riesenburger angestoßen worden?
schuder: Ja, vertieft dann aber natürlich durch die lange Zeit, die ich mit meinem Mann Rudolf Hirsch verleben durfte. Nun ist er nicht mehr da, und ich halte es für meine Pflicht, in seinem Sinne weiterzuarbeiten. Ich möchte aber nicht mehr Personen und Dinge in Romanen erklären, sondern in Sachbüchern anhand von einzelnen Schicksalen den Judenhass in der deutschen Geschichte darstellen.

In Ihren Büchern spielt Religion eine große Rolle. Auch in Ihrem Leben?
schuder: Im Grunde genommen ist auch durch Rudolf Hirsch eine Beziehung zu dem großen jüdischen Gott entstanden. Ob der einen Sohn hatte, weiß ich allerdings nicht.

Sie werden an diesem Donnerstag 80 Jahre alt. Denken Sie daran, irgendwann Ihre Memoiren zu schreiben?
schuder: Nein. Dazu gibt es einen für mich sehr wichtigen Ratgeber, den wunderbaren Publizisten Paul Nathan, der 1927 gestorben ist. Als er das einmal gefragt wurde, sagte er: Nein, er wolle kein Märchenerzähler sein. Im Übrigen: Wer etwas über meine Befindlichkeiten, über meine Denkweise wissen will, braucht ja nur in meine Romane zu schauen.

Apropos: Was ist Ihr nächstes Projekt?
schuder: Ein Buch über Ludwig Bamberger, den Mitbegründer der Deutschen Bank. Es ergibt sich meist eines aus dem anderen. Als ich mich mit Freiligrath auseinandersetzte, stieß ich auf Berthold Auerbach, dann auf Eduard Lasker und über ihn nun auf Bamberger. Alles große Namen, die leider viel zu sehr in Vergessenheit geraten sind.

Das Gespräch führte Carsten Dippel

»Der gelbe Fleck« ist 2006 als Neuauflage im PapyRossa Verlag Köln erschienen. »Der Fremdling aus dem Osten: Eduard Lasker – Jude, Liberaler, Gegenspieler Bismarcks« ist 2008 im Verlag für Berlin‐Brandenburg herausgekommen.

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