Alexander Grychyk

„Die 1,4 muss ich schaffen“

Eigentlich habe ich gar keine Zeit für ein Gespräch mit der Zeitung. Das Schuljahr bis zu den Prüfungen ist so kurz, und ich muss noch viel für die Schule tun. Seit Montag haben wir Projektwoche, das finde ich nicht optimal geplant, weil dafür Unterricht ausfällt. Aber das Projekt soll auch gut werden. Wir haben uns zu viert das Thema „Atomwaffen“ ausgesucht. Ich denke, es ist sehr aktuell, es gibt ja die Diskussion über den Iran. Wir wollen ein bisschen zur Aufklärung beitragen, verdeutlichen, dass Atomwaffen immer Gefahren für Mensch und Umwelt bringen, auch für spätere Generationen. Wir fangen ganz vorn an, mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und ihren Auswirkungen. Da ich aus der Ukraine komme, bin ich auch schon gefragt worden, wie das dort so ist, wegen Tschernobyl. Manche denken, die ganze Ukraine strahlt. Das ist Quatsch. Ich hatte eine schöne Kindheit.
Das Projekt ist eine fächerübergreifende Arbeit, die viel mit Geschichte zu tun hat, aber auch mit Physik und Chemie. Am Montag haben wir in der Schule den Ablaufplan erstellt, dann hat jeder für sich gearbeitet. Ich habe morgens um 7.30 Uhr angefangen, genauso, als wäre ich in die Schule gegangen. Erst um zehn zu beginnen, wäre ein halb verlorener Tag. Ich habe Material vor allem in der Bibliothek und im Internet gesammelt. Jetzt komme ich gerade vom Treffen mit meinen Mitschülern. Ich habe ihnen die Power‐Point‐Präsentation übergeben, die ich zu Hause am Laptop erstellt habe. Jetzt müssen die anderen ihren Teil ergänzen, dann diskutieren wir noch mal darüber. Nächste Woche soll die Arbeit verteidigt werden.
Ich besuche das Technische Gymnasium am Beruflichen Schulzentrum in Chemnitz und will nächstes Jahr das Abitur ablegen. Mit 21 bin ich der Älteste unter den Mitschülern und der Einzige in der 13. Klassenstufe, der aus der ehemaligen Sowjetunion kommt. Es gibt noch einen Vietnamesen in meinem Jahrgang, aber der ist von klein auf hier und wird als Deutscher angesehen. Ich habe Freunde in der Klasse, wir treffen uns auch außerhalb der Schule und unternehmen was. Integrationsprobleme – wie man das häufig nennt – habe ich nicht. Nur die Schule fällt mir oft ganz schön schwer. Dabei war es am Anfang, bis zur zehnten Klasse, sogar einfacher für mich. Wir sind 2002 aus Nikolajew gekommen, das liegt am Schwarzen Meer. Als ich in Chemnitz mit der Mittelschule begann, hatte ich noch einen Puffer beim Lernstoff. Die waren hier in der neunten Klasse noch nicht so weit wie wir zu Hause. Ich glaube, die Schüler in der Ukraine müssen insgesamt mehr lernen als die in Deutschland. Ich habe schnell den Anschluss geschafft und die zehnte Klasse bestanden.
Dass ich Abitur machen will, war immer klar. Ich möchte Medizin studieren und mich auf Unfall‐ und Gelenkchirurgie spezialisieren. Wenn es nicht gleich klappt, werde ich erst eine Krankenpflegeausbildung machen. Der Numerus clausus liegt bei 1,4. Dafür muss ich wirklich hart arbeiten. Ich lerne viel auswendig, aber ich verstehe nicht alles. Die Lehrer merken natürlich, wenn ich abschalte, weil ich nicht mitkomme. Am schwersten fällt mir zurzeit Mathematik, besonders Geometrie. Bis zur elften oder zwölften Klasse hat mir manchmal meine Mutter geholfen, sie ist Schiffbauingenieurin. Doch mit den deutschen Lehrbüchern kommt sie nicht gut klar. Gerade in Mathematik kann ich aber auch zu meinem Lehrer gehen und mir etwas erklären lassen.
Mein Leben besteht vor allem aus Schule. Ich hatte noch gar keine Zeit, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Andere Jahre haben wir uns zum Glühweintrinken verabredet, meine Freunde und ich. Diesen Sonntag treffen wir uns zum Mathelernen. Es klingt wahrscheinlich blöd, aber mein Hobby ist das Abitur. Für andere Dinge bleibt keine Zeit. Im März sind die Vorprüfungen und im Mai ist die erste Deutschprüfung.
Ich werde auch die Weihnachtsferien zum Lernen nutzen. In der Familie feiern wir das Neujahrsfest nach russischem Brauch. Alle besuchen sich, und es gibt Geschenke. Die jüdischen Feiertage haben bei uns keine Tradition. Ich würde auch nicht einfach aus der Schule wegbleiben wollen, möchte nichts verpassen. Ich denke so: Das Abitur mache ich nur einmal im Leben, das Jüdische bleibt mir. Meine Eltern würden da auch keinen Zwang ausüben. Sie sind sehr liberal und versuchen, so gut es geht zurechtzukommen. Unter dem kommunistischen Régime in der Sowjetunion haben sie nicht als Juden gelebt, warum sollen sie sich jetzt ins Gegenteil verkehren? Ich lebe jüdischer als sie. Ich bin sehr früh mit der Religion in Berührung gekommen. In Nikolajew bin ich ab der zweiten Klasse zur Sonntagsschule gegangen. Da haben wir Tanzen und Hebräisch und solche Sachen gelernt. Die letzten beiden Jahre in der Ukraine habe ich eine jüdische Schule besucht. Sie wurde erst 1997 gegründet. Es gab insgesamt 120 Schüler in allen Klassenstufen.
Das Leben in Nikolajew war für mich okay. Ich habe in der Kindheit keine Sorgen gehabt. Deshalb wollte ich eigentlich auch nicht nach Deutschland. Nach sechs Jahren sehe ich, dass hier doch vieles besser ist, die medizinische Versorgung und das Sozialsystem zum Beispiel. Und das Land ist Exportweltmeister. Auch wenn viele jetzt von der Krise reden, irgendwie wird es Deutschland schaffen. Und die Zukunft ist sicherer. Bei uns zu Hause dagegen gab es viel Korruption.
Hebräisch lerne ich weiter. Jeden Mittwoch gehe ich ins jüdische Gemeindezentrum. Erst machen wir eine Stunde Religion, anschließend eine Stunde Hebräisch. Wir lernen zu fünft, alles junge Leute. Ich habe ja ein bisschen Vorlauf in der Sprache, aber die Bibel lesen kann ich noch nicht. Die Religionsstunde in der Gemeinde gilt als Ersatz für den Ethikunterricht in der Schule. Das funktioniert ohne Probleme. Manche Mitschüler fragen auch mal, was wir da machen. Diese Woche haben wir über Chanukka gesprochen.
Ich war schon zweimal in Israel. Die Natur, die Menschen – alles hat mich sehr beeindruckt. Die erste Reise war voriges Jahr um diese Zeit, über Weihnachten und Neujahr. Zu Silvester waren wir bei israelischen Beduinen in der Wüste. Ich fand es sehr spannend, diese Menschen kennenzulernen. Es werden immer weniger, da sie in die Städte gehen und sesshaft werden.
Schön fand ich auch, dass es nicht so kalt war. In Chemnitz ist manchmal richtiger Winter, den hatten wir am Schwarzen Meer nicht. Meine Familie wollte eigentlich nach Israel auswandern, aber es kam anders. Jetzt sind fast alle hier in der Stadt: Eltern, Großeltern, meine 17‐jährige Schwester. Nur noch zwei Tanten leben in der Ukraine. Als wir 2002 in Sachsen ankamen, ging einiges schief. Das war der Sommer mit dem großen Hochwasser, da wurden viele Heime als Notquartiere gebraucht. Wir landeten in dem kleinen Städtchen Waldheim im Ausländerheim, wo es nur drei jüdische Familien gab. Von dort aus haben wir dann die drei sächsischen Großstädte besucht: Leipzig fanden meine Großeltern zu unpersönlich und Dresden wegen des Hochwassers zu unsicher. So sind wir in Chemnitz gelandet.

Aufgezeichnet von Gisela Bauer

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