Identität

Deutschstunde und Russendisko

von Vladimir Vertlib

Trägheit gehört zu den sieben Todsünden. Ich habe mehr Menschen kennengelernt, die dieser einen Sünde verfallen sind, als den sechs anderen zusammen. Auch ich selbst verspüre manchmal den Wunsch, beruflich und im Alltag nur das Allernötigste zu tun oder weniger als das. Mein Vater war diesbezüglich noch »konsequenter«. In den 25 Jahren, die er in Österreich gelebt hat, lernte er nie richtig Deutsch. Er verstand zwar das meiste, was man ihm sagte, wenn er jedoch selbst sprechen mußte, war ihm das »peinlich«. Also zog er es vor zu schweigen. Ich kann ihm das nicht verübeln, war er doch durch eine Verkettung von Zufällen einige Jahre nach seiner Emigration aus der Sowjetunion in ein Land gekommen, in dem er nie hatte leben wollen, wo er nicht willkommen war und die meiste Zeit arbeitslos blieb. Meine Mutter hingegen fand bald Arbeit. Sie hatte weniger Probleme mit der neuen Sprache. Hätte Vater sich bemüht, Deutsch zu lernen, wären für ihn die letzten Lebensjahrzehnte wahrscheinlich weniger trist verlaufen.
Doch wer menschliche Schwächen als Todsünden bezeichnet, sollte sich vielleicht fragen, ob und inwieweit er selbst in der Lage ist, mit den eigenen Abgründen und Unzulänglichkeiten umzugehen. Ich verurteile meinen Vater genausowenig wie jene russisch-jüdischen Zuwanderer, die heute in Deutschland leben, dabei aber weder Deutsch lernen noch ein Interesse für die Menschen und die Kultur ihrer »neuen Heimat« entwickeln. Von Menschen, die aus ökonomischer Not oder Angst zu einer Emigration gezwungen sind, die sie sonst nie gemacht hätten, kann man keine positive Lebenseinstellung erwarten. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als den Verlust des vertrauten sprachlichen Umfelds. Jüngere erleben die Emigration oft als Abenteuer und Herausforderung, für Ältere ist sie hingegen immer mit Wehmut und Verlust verbunden. Sollen sie Interesse oder gar Liebe zu Deutschland und den Deutschen heucheln, nur um in den Augen der anderen als korrekt und dankbar zu erscheinen? Niemand darf sich anmaßen, von ihnen Derartiges zu verlangen.
Was man von »Kontingentflüchtlingen« (wie von allen Menschen) jedoch erwarten kann, ist ein Minimum an Verantwortungsbewußtsein und Respekt. Verantwortungs- und respektlos ist es zum Beispiel, wenn einige russisch-jüdische Zuwanderer die Forderung aufstellen, Russisch als Kommunikations- und Verwaltungssprache innerhalb der jüdischen Gemeinden Deutschlands einzuführen. In der Tat stellen »die Russen« in den meisten Gemeinden schon seit etlichen Jahren die Mehrheit. Daß sie auch im Gemeindealltag ihre Muttersprache verwenden, versteht sich von selbst. Dennoch ist es ein fundamentaler Unterschied, ob bei einer kulturellen Veranstaltung, einem Kaffeekränzchen, einer Party oder bei einer offiziellen Sitzung russisch gesprochen wird. Vom einzelnen Gemeindemitglied darf man nicht immer erwarten, daß es die deutsche Sprache beherrscht. Anders verhält es sich aber, wenn es sich um einen Angestellten der Gemeinde handelt oder gar um jemanden, der als Vertreter in ein Gremium gewählt worden ist. Die offizielle Sprache der jüdischen Gemeinden Deutschlands muß Deutsch bleiben. Insbesondere nach außen hin sollte nicht der Eindruck vermittelt werden, das deutsche Judentum habe nichts mehr mit Deutschland zu tun!
Das persönliche Schicksal des einzelnen Zuwanderers mag tragisch sein. Es verdient unser Mitgefühl. Und es ist die Pflicht der jüdischen Gemeinden, Zuwanderern zu helfen. Dabei wäre es für alteingesessene deutsche Juden sicher kein Nachteil, wenn sie Russisch lernten oder sich zumindest Grundkenntnisse dieser Sprache aneigneten. Andererseits ist eine jüdische Gemeinde kein »russischer Club«. Sie ist eine Einrichtung, die einer Religionsgemeinschaft unter anderem als Forum dient, sie sollte für alle Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft – unabhängig von ihrem kulturellen und sprachlichen Hintergrund – offen sein. Die Verwendung der Sprache

des Landes, in dem sich eine Gemeinde befindet, als Mittel der Kommunikation nach innen und nach außen ist dabei ein verbindendes Element und Grundvoraussetzung dafür, daß neue Wurzeln entstehen. Es wäre zudem absurd, von jemanden, der nach Deutschland kommt und nicht aus der GUS stammt (es gibt ja solche Fälle), zu verlangen, er müsse Russisch lernen, um am Gemeindeleben teilzunehmen.
Eine jüdische Gemeinde sollte idealerweise den Dialog zwischen Juden und Nichtjuden fördern, Informationsarbeit leisten und Vorurteilen vorbeugen. In diesem Sinne ist sie eine politische Institution, deren Mitglieder in ihrem Handeln die Geschichte und die Gegenwart des Landes, in dem sie sich befinden, mitreflektieren sollten. Jüdische Gemeinden sind Orte des religiösen Lebens, der Interaktion, vor allem aber auch der Selbstvergewisserung. Wenn sie zu russischen Ghettos verkommen, wird die Verbindung nach außen, vor allem aber zur jüdisch-deutschen Geschichte des jeweiligen Ortes endgültig unterbrochen.
Die Ghettobildung birgt noch eine andere Gefahr in sich: Es droht der Verlust eines kulturellen und sprachlichen Zwischenraums, der sich durch die erzwungene Zwei- oder Mehrsprachigkeit entwickelt. Gerade dieser Zwischenraum ist eine einmalige Chance: daß durch die Zuwanderung aus Osteuropa eine neue jüdische (Mehrfach-)Identität in Deutschland entsteht – eine Identität, die jüdische, russische, deutsche und andere Elemente gleichermaßen zuläßt.

Der Autor, 1966 in St. Petersburg geboren, lebt als Schriftsteller in Salzburg. Zuletzt erschien von ihm im Deuticke Verlag »Mein erster Mörder«.

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