9. November

Deutsches Datum

von Rafael Seligmann

Der 9. November ist der Tag der Deutschen. Da wurde marschiert, krepiert, gemordet, am Ende auch Großes vollbracht: die Freiheit friedlich errungen. Ein deutscher Tag ist zwangsläufig auch ein jüdischer. Die von Gershom Scholem und seinen Epigonen geleugnete deutsch‐jüdische Symbiose existiert – zwangsläufig nach fast 2.000-jährigem Mit‐ und Gegeneinander. Und nicht nur als Täter‐Opfer‐Beziehung.
Von der Verbrechensnacht des 9. November 1938, als in Deutschland systematisch und keineswegs nur von der SA Jagd auf Juden gemacht wurde, unsere Synagogen geschändet und gebrandschatzt, die Häuser und Geschäfte geplündert wurden, führte der Weg nach Auschwitz – oder zur rettenden Flucht nach Zion. Doch die Wurzeln der Menschheitskatastrophe schlugen keineswegs erst an diesem Tag aus. Sie waren bereits 15 Jahre zuvor, am 9. November 1923, in München sichtbar geworden. Was später als Bierkeller‐ und Pistolenputsch verharmlost wurde, war ein Staatsstreich unter Führung der Nazipartei Adolf Hitlers. Im letzten Moment sprangen die bürgerlichen Verbündeten der NS‐Bewegung ab. Im Hass auf die »Judenrepublik« von Weimar war man sich zwar einig. Aber wegen seines Ungestüms ließen die kühl kalkulierenden arrivierten Aufständischen den zugereisten Österreicher im letzten Moment entmachten.
Der gescheiterte Umstürzler Hitler hatte gerade mal ein Jahr Haft abzusitzen. Er nützte die Zeit, um Mein Kampf zu verfassen. Das Buch ist ein Dokument des Judenhasses und das Pamphlet zum »Vernichtungskrieg« gegen Frankreich sowie zur Er‐ oberung und Zerstörung Osteuropas. Wer Mein Kampf gelesen hat, konnte und kann nicht mehr Unwissen vorgeben. Hier wird offen zum Mord an den Juden aufgerufen. Während ihres Aufstiegs und ihrer Herrschaft machten die Nazis unmissverständlich ihre Absicht klar. »Juda verrecke!«, lautete ihre Kampfparole. Spätestens am 9. November 1938 demonstrierten sie mit ihren willigen Helfern, dass dies keine bloße Propagandaparole war. Noch heute versuchen Naziverharmloser und -rechtfertiger, die Vergangenheit umzulügen. Die Ju‐ den hätten dem Deutschen Reich 1939 den Krieg erklärt, behauptete etwa der Historiker Ernst Nolte. Daher sei die Internierung der Juden rechtens gewesen. Trotz dieser ungeheuren Aussage, an der er festhielt, blieb Nolte gesellschaftsfähig. Er durfte seine verfälschenden Thesen während des Historikerstreits in den angesehensten deutschen Zeitungen veröffentlichen.
Wer sich heute mit dem 9. November 1938 und seinen Konsequenzen für die deutsche Geschichte auseinandersetzt, tut gut daran, sich aus Mein Kampf als erster Quelle zu informieren. Das Projekt einer kommentierten Ausgabe der Hitler‐Schrift ist überfällig. Endlich könnten Schüler, Studenten und politisch Interessierte im Kampfprogramm alter und neuer Nazis nachlesen, dass Hitler bereits 1925 die »jüdischen Volksverderber … unter Gas halten« wollte, dass Vernichtungskriege der Kern seiner Politik waren. Das Lied »Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt« blieb Endziel des totalen Krieges.
Keineswegs alle Deutschen folgten Hitler. Es gab Widerstand. Etwa vom Schreiner Georg Elser, der in der Nacht zum 9. November 1939 einen fast perfekten Anschlag auf Hitler unternahm. Die Obristen und Generäle des 20. Juli 1944 wurden allerdings erst aktiv, als die vollständige Niederlage offenkundig war. Immerhin überwanden sie schließlich ihre Lethargie. Aber die Mehrheit kämpfte bis zum bitteren Ende, weil sie Hitlers Ziele teilte oder ihn fürchtete. Das einzugestehen, gehört zur Ehrlichkeit, die dieser deutsche und jüdische Tag erheischt. Dies wiederum war Voraussetzung, dass die Ostdeutschen ihre Diktatur entmachten und die Freiheit am 9. November 1989 gewinnen konnten.
In summa bietet der 9. November, anders als der 3. Oktober, der ausschließlich an die verwaltungstechnische Wiedervereinigung erinnert, das breite Spektrum der neueren deutschen Geschichte: vom Sturz der Monarchie am 9. November 1918 bis zum Fall der Mauer 71 Jahre später. Der 9. November zeigt, dass deutsche und jüdische Geschichte untrennbar bleiben.
Jüdische Gedenktage dürfen sich hierzulande nicht in folgenlosen Sonntagsritualen erschöpfen, deutsche nicht in getragener Feierlichkeit. Man gehört unentwirrbar zusammen. Daran sollte ein nationaler Gedenktag am 9. November erinnern. Dieses Datum ist wie kein anderes geeignet, aus der Geschichte zu lernen.

Der Autor ist Chefredakteur der »Atlantic Times« und Buchautor. Von ihm ist unter anderem »Hitler. Die Deutschen und ihr Führer« im Ullstein Verlag erschienen.

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