kiddusch

Der verblichene Blondschopf

Samstag, 6 Uhr früh. Wie jede Woche schiebt sich ein technicolorbuntes Kleiderhäufchen in mein Schlafzimmer bis vor mein Bett. Heraus schält sich meine Tochter Emma (3). Sie ist seit Sonnenaufgang auf der Suche nach dem richtigen Outfit und hat dabei wieder mal ihren Kleiderschrank ausgeräumt – für den kleinen blond gelockten Sohn von Rabbi P.
»Jehudablond« nennt Emma mit verzücktem Augenaufschlag den kleinen Jungen. Wieder mal werden wir also den ganzen Samstagmorgen dem Kiddusch mit Jehuda entgegenfiebern, wieder einmal wird Emma sich eine erstklassige Abfuhr von dem arroganten kleinen Gör einhandeln. Aber alles Murren hilft nichts, ich muss schon wieder einen Schabbat in der wurmstichigen Ohel-Mosche-Synagoge verbringen, umgeben von angestaubten Scheitels, mir zum Kiddusch lätschigen Kigel reinwürgen und dem ausufernden Sermon von Rabbi P. lauschen.
Als wir ankommen, ist Jehuda bereits von kleinen Mädchen in Rüschenkleidern umlagert. Entschlossen umklammert Emma ihr Süßigkeitentütchen, das sie für ihn aufbewahrt hat, und kämpft sich zu ihm durch. Aber Jehuda winkt nur blasiert ab, sackt er doch jede Woche karrenweise Süßigkeiten von diversen Verehrerinnen ein.
Ich beschließe, das ganze professionell anzugehen und lade Familie P. zum Kaffee ein. Emma liebt sie, denn neben den Reizen ihres jüngsten Sprosses bietet die Familie noch weitere Quellen unendlichen Vergnügens: den Wildwuchsbart des Vaters, wo sich immer so lustig das Gemüse samt Suppeneinlage verheddert und nach dem Essen herausgeklaubt werden muss, die Antwerpener Klunkerkollektion der Rebbezin sowie die beiden moppeligen Töchter, die Emma so gerne piesackt.
Pünktlich um vier taucht die ganze Sippe auf – nur Jehuda ist mit dem Babysitter zu Hause geblieben, denn er kann noch nicht so weit laufen, und der Kinderwagen ist am Schabbat natürlich streng verboten. Emma ist am Boden zerstört und verzieht sich schluchzend unter den Esszimmertisch. Ich kaue an den Fingernägeln und versuche, Ersatz zu beschaffen. Nebenan bei den Rosenbergs gibt es auch einen kleinen Jehuda, rothaarig und sommersprossig, vielleicht sollen wir den spontan einladen? »Nein«, kreischt Emma, sie will Jehudablond!
Rebbezin P. schüttelt konsterniert ihre Ohrklunker und verrät mir, dass dem kleinen Jehuda nächste Woche die Haarschneidezeremonie bevorsteht, in Hoffy’s koscherem Restaurant, dem bekannten Antwerpener Delikatessentempel. Dort gibt es ein plüschiges Hinterzimmer für Verlobungen, Sheva Brachot oder eben auch für den ersten Haarschnitt der dreijährigen Jungen.
Mein Mann und ich disponieren stehenden Fußes das Sonntagsprogramm um. Alain sagt seinen Tennispartnern ab, ich streiche den Kaffeeklatsch mit den Mädels, und am Sonntag drauf quetschen wir uns alle in unseren Citroën Picasso und zuckeln ab nach Antwerpen – wie immer mit einer guten Stunde Verspätung (wir haben es schon seit Jahren nicht mehr geschafft, irgendwo einmal rechtzeitig anzukommen). Und so verpassen wir den entscheidenden Moment des Schnitts.
Jehudablond steht, seiner Haarpracht beraubt, etwas abseits des Buffets und mümmelt an einem Schokoriegel. Emma würdigt ihn keines Blickes, sondern bahnt sich ihren Weg zum Kidduschbuffet, um die Eclairs näher in Augenschein zu nehmen. Jehuda baut sich neben ihr auf und erklärt, das hier sei seine Party, also: Finger weg von den Eclairs! Emma hat für den kahl geschorenen Jehuda (er hat wirklich sehr viele Haare lassen müssen, der Arme, nur noch die Schläfenlocken sind ihm geblieben) nur ein verächtliches Schnauben übrig. Sie macht auf dem Absatz kehrt und bedeutet uns, diese Stätte zu verlassen. Wir gehen zum Tscholent-Park gegenüber. Dort wedeln bereits Schläfenlocken in allen Farben von rot bis schwarz auf dem Klettergerüst, und schon bald plauscht Emma angeregt mit zwei braun gelockten Zwillingen, woraus wir mit Befriedigung schließen dürfen, dass die blonde Periode fürs erste passé ist. Margalit Berger

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026

Würdigung

Hamburg ehrt Esther Bejarano und Jina Mahsa Amini

In der Hansestadt gibt es künftig eine Esther-Bejarano-Straße und einen Jina-Mahsa-Amini-Park

 24.08.2026

Nahost

Israel soll Militärflugplatz in Nordsyrien attackiert haben

Israel hat seit dem Umsturz wiederholt auch Ziele in Syrien ins Visier genommen. Nun wird ein erneuter Angriff gemeldet. Der US-Sondergesandte für Syrien übt deutliche Kritik

 18.08.2026

Vandalismus

Deportationsmahnmal in Berlin beschmiert

Das Denkmal an der Putlitzbrücke soll an die über 30.000 Juden erinnern, die zu NS-Zeiten vom benachbarten Moabiter Güterbahnhof aus in Konzentrationslager deportiert wurden

 18.08.2026

Sachsen-Anhalt

Gericht: AfD-Mitgliedern kann Waffenbesitzkarte entzogen werden

Mitglieder und Unterstützer der AfD in Sachsen-Anhalt haben gegen den Entzug ihrer Waffenbesitzkarte geklagt. Das Verwaltungsgericht Magdeburg wies die Klage ab. Nun entschied das Oberverwaltungsgericht.

 10.08.2026