auftritt

Der Trompeter

Er sitzt im Orchestergraben, nimmt sein Instrument in die Hände und spielt sich leise ein, sodass das Publikum die Töne nur dezent hören kann. Dann spricht der Trompeter ein paar Worte mit seinem Nachbarn. Der Vorhang ist noch unten im Admiralspalast. Eine grüne Lampe leuchtet auf und der Dirigent erhebt seine Arme. Konzentriert schaut Jotham Bleiberg zu ihm und wartet auf seinen Einsatz. Die Vorstellung von The Producers – Frühling für Hitler kann beginnen. Die grüne Lampe erlischt, die Trompeten und die anderen Instrumente setzen ein.
Die Musik ist für Jotham Bleiberg zum Lebensinhalt geworden. »Ich kann nichts anderes«, sagt der 28‐Jährige schmunzelnd. Denn in allen anderen Fächern sei er schon in der Schule »eher schwach« gewesen. Und viel mehr als Melodien und Rhythmen habe ihn auch nicht wirklich interessiert. So ist er Musiker, Komponist, Arrangeur und Musikschullehrer geworden. Erfolgreich und vielseitig. Mittlerweile spielt er schon in mehr als 15 Formationen mit. Unter anderem in der Band »Blackmail« und dem »Max‐Doehlemann‐Jazz‐Trio«. »Er ist ein super Trompeter«, sagt Philip Tiedemann, der 2007 am Berliner Ensemble Trommeln in der Nacht inszeniert hat. Bleiberg sei für einen anderen Musiker eingesprungen und hätte seinen Part ohne Proben bewältigen müssen – und das sei ihm »ausgezeichnet gelungen«. Außerdem sei er ein bescheidener und eher zurückhaltender Mensch, sagt Tiedemann.
Auch für Studioaufnahmen ist er ge‐
fragt. In Musikerkreisen hat er sich schon einen Namen gemacht. Ebenfalls in der Jüdischen Gemeinde kennt man ihn. Ge‐
meindemitarbeiterin Anat Bleiberg ist seine Mutter, Michael Bleiberg sein Vater. Re‐
präsentant Benno Bleiberg ist der Onkel.
Zurück in den Admiralspalast. Auf der Bühne wird gerade gesprochen. Zeit für die Musiker zu verschnaufen. Jotham Bleiberg steht auf und lehnt sich an die Wand und beobachtet die Schauspieler. Obwohl er das Stück eigentlich auswendig kennen müsste, mag er immer wieder zuschauen. »Es gefällt mir.« Auch über die Witze könne er immer noch lachen, sagt er, und setzt sich wieder hinter sein Notenpult.
Jotham ist mit der Trompete groß geworden, denn bereits als Fünfjähriger drückte ihm sein Vater das Blasinstrument in die Hand. Jeden Tag musste er üben, was nicht immer ganz freiwillig geschah. »Et‐
was Druck war schon dahinter«, sagt er. Übung macht den Meister: Bei den Wettbewerben »Jugend musiziert« gewann er schon damals so ziemlich alles, was man gewinnen konnte.
Seine Trompete begleitet ihn überall hin – auch als er mit 17 Jahren Berlin‐Friedenau verlässt, um in die USA zu gehen, wo er seinen Schulabschluss macht und an‐
schließend studiert. Musik natürlich. »Aber ich habe auch andere Jobs ausprobiert – in einem Büro und einer Pizzeria.« 2000 erhält er sein Diplom an der School of the Arts. Anschließend lernt er an der San Francisco State University. Als er nach Berlin zurückkehrt, setzt er seine Ausbildung fort. An der Universität der Künste studiert er klassische Trompete und Jazz an der Hanns‐Eisler‐Musikhochschule.
Der Vorhang fällt. Pause. Die Musiker verlassen ihren Graben und gehen in den Hof, um noch etwas von dem warmen Sommerabend mitzubekommen. Der Resident Director, Titus Hoffmann, kommt und drückt Bleiberg vier dicke Bände mit Kritiken in die Hände. »Alles über unsere Producer‐Aufführung«, staunt er. Unzählige Zeitungen, Radio‐ und Fernsehsender haben das Stück verfolgt und über die Aufführungen berichtet.
Da er fast täglich bei dieser Produktion im Admiralspalast zu tun hat, und das noch bis zum 19. Juli, hat er seine anderen Aktivitäten etwas zurückgestellt. »Deshalb werde ich im Moment nicht so oft wegen Proben oder Auftritten angerufen«, sagt Jotham Bleiberg.
Außerdem hat er auch schon Pläne für die Zeit nach The Producers. Denn dann wird er mit dem Musical Elisabeth für sechs Monate auf Tournee gehen. Von einem Teil des Geldes, das er dabei verdient, will er eine CD‐Aufnahme finanzieren. Ein Projekt mit Salsa, Timba, Latin‐Jazz und anderer kubanischer Musik. In San Francisco hat er in einer Salsa‐Band mitgespielt, und sich für diese Rhythmen begeistert. »Mi Solar« heißt seine Berliner Band, die auch seine eigenen Kompositionen aufführt. Salsa‐Tanzen ist dabei auch zum Hobby geworden. Viel Zeit hat er da‐
für aber nicht. »Es ist auch schwer, Freundschaften zu halten, wenn man jeden Abend im Orchestergraben sitzt«, sagt er.
Nach der Pause geht es weiter. Darsteller und Orchester spielen weiter. Bis zum Fi‐
nale. »Haut ab«, rufen die Sänger dann von der Bühne dem Publikum zu. Das lacht, und nach einem lauten Schlussakkord und lang anhaltendem Applaus leert sich der Saal. Nur im Orchestergraben wird noch diskutiert. Jotham Bleiberg nimmt das Mundstück seines Instrumentes ab. Feierabend. Zumindest für heute.

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