Imad Mughnija

Der Tod des Mörders

von David Schelp

Als die Stimme am Telefon sagte, er müsse sofort kommen, etwas wirklich Schreckliches sei geschehen, legte sich Sergio Burstein zunächst in die Badewanne. Schweigend sah er zu, wie die Inselchen aus Schaum ihre Runden durch das lauwarme Wasser drehte. Wie die Schiffe auf dem einige Kilometer entfernten Rio de la Plata. Dann stieg er aus der Wanne, kleidete sich an und verließ das Haus. In der Apotheke an der Ecke kaufte er noch schnell eine Flasche Alkohol. Die Schnitte und Platzwunden der vielen Verletzten, von denen ihm sein Freund am Telefon berichtet hatte, wollten schließlich gesäubert werden.
„Ich dachte, ich müsste sie desinfizieren“, sagt Burstein heute. Zwischen Flachbildschirm und klobigem Tresor sitzt er am Schreibtisch in seinem Antiquariat im Zentrum von Buenos Aires. Bedächtig zupft er am voluminösen Schnauzer, der seinem Gesicht einen freundlichen Ausdruck verleiht. „Total idiotisch, ich weiß“, sagt er. Es sei gewesen, als hätte jemand einen Schalter umgelegt in seinem Kopf, der logisches Denken unmöglich machte. Bis er am Unglücksort eintraf. Wo einer der Mittelpunkte jüdischen Lebens in Argentinien gestanden hatte, war nur noch Schutt. „Ich wusste es sofort: Das konnte Rita nicht überlebt haben.“
Vierzehn Jahre ist es her, dass ein mit Sprengstoff beladener Renault Trafic die Pforten des jüdischen Gemeindezentrums AMIA durchbrach und explodierte. 85 Menschen starben am 14. Juli 1994 in der Avenida Pasteur 633. Unter ihnen Rita Worona – Bursteins erste große Liebe, die Mutter seiner Kinder, seine immer noch „engste Vertraute“. Die folgenden sechs Tage verbrachte er mit der Suche nach ihr. Dutzende Körper entrissen er und die anderen Helfer einer feindseligen Wolke aus Staub und dem immer beißenderen Gestank der Verwesung. Dann fand ein Freund Rita. Leblos lag der Körper unter einem Tisch, der ihn vor den fallenden Mauern geschützt hatte. „Keine Brüche oder Schnitte, nichts“, sagt Burstein.
Zwei Jahre waren da vergangen, seit ein Selbstmordattentäter am 17. März 1992 die israelische Botschaft im Stadtteil Retiro aus dem Häuserblock riss. Die Bilanz: 29 Tote und Hunderte Verletzte.
Es gibt nur wenige Fotos von dem Mann, der den Terror zweimal in Argentiniens Hauptstadt gebracht haben soll. Darauf ist er mal schlank, mal untersetzt, mit Brille, ohne Brille zu sehen – ein Meister der Verwandlung. Mehrfach soll sein Aussehen durch Operationen verändert worden sein. Nur den dichten schwarzen Vollbart trägt er immer. Eine letzte Aufnahme zeigt seinen Sarg: In gelbe Fahnen gehüllt, trägt ihn eine aufgebrachte Menge am 12. Februar durch die Straßen von Damaskus. Einen Tag nachdem eine Autobombe Hisbollah‐Mitbegründer Imad Mughnija getötet hatte. „Die Welt ist ein besserer Ort ohne ihn“, jubelte man im US‐Innenministerium. Mossad‐Chef Danny Yatom sprach von einem „großen Erfolg der freien Welt“.
Auch Sergio Burstein freute sich über den Tod des Top‐Terroristen. Zumindest einen Augenblick lang. „Da war dieses animalische Gefühl der Rache. Du bist so gestorben, wie du die Menschen getötet hast. Ich wünschte, du wärest tausend Mal so gestorben!“ Das war der erste Gedanke. Dann merkte Burstein, dass er nichts gewonnen hatte. „Durch seinen Tod wurde uns die Chance auf Gerechtigkeit genommen“, sagt er. „Und zu erfahren, was vor 14 Jahren tatsächlich passiert ist. Hurensohn!“
Seine inzwischen erwachsenen Kinder sprechen kaum über den Tod ihrer Mutter. Die Enkel verbinden die tote Großmutter gedanklich mit den Kerzen und niedergelegten Rosen der jährlichen Mahnwachen. Burstein stürzt sich in das Gedenken. Er hält Reden auf Hinterbliebenen‐Treffen des Opferverbandes „Familiares de las Víctimas del atentado“, gibt Interviews, klagt Versäumnisse der Ermittler an. Deren Liste ist lang. Von Beginn an seien Dinge verschleiert worden, sagt Burstein. Insbesondere unter Ex‐Präsident Carlos Menem und Staatsanwalt Juan José Galeano, der 2003 entlassen wurde, nachdem er einem Zeugen Geld für dessen Aussage geboten hatte. Nestor Kirchner, dessen Frau Cristina vor Kurzem sein Präsidentenamt übernommen hat, bezeichnete die Ermittlungen 2005 als „nationale Schande“. Im Oktober 2006 schließlich erhoben die neuen Staatsanwälte offiziell Anklage gegen den Iran, dessen Regierung die schiitische Hisbollah mit dem Anschlag beauftragt haben soll. Sieben Verdächtige wur‐ den international zur Fahndung ausgeschrieben. Einer von ihnen: Imad Mughnija.
Die Hoffnung, eines Tages zu erfahren, warum Rita sterben musste, hat Burstein nicht aufgegeben. Ständig nachhaken, auf Aufklärung drängen, das ist seine Art, sie und all die anderen am Leben zu halten –und die Bilder zu verdrängen, die er seit den Stunden zwischen zerborstenem Mauerwerk und wahllos zerstreuten Büromöbeln nicht vergessen kann. Bilder, die kommen, wenn ihm irgendwo in den Straßen von Buenos Aires ein fauliger Geruch in die Nase steigt. „Und das kommt hier häufiger vor.“ Sequenzen, die vor seinen Augen aufblitzen, wenn er Schreie oder das Knallen von Böllern hört. Das letzte Mal geschah es, als er zu Hause vor dem Bildschirm sein Fußballteam River Plate anfeuerte. Der Kommentator bejubelte einen „Bombenschuss“ – schon katapultierte es Burstein um 14 Jahre zurück in die qualmende Ruine des AMIA‐Gebäudes. „Ich habe so unglaubliche Dinge gesehen“, flüstert er. Am tiefsten brannten sich zwei tote Frauen in sein Gehirn ein. Eng umschlungen kauerten sie in einem Hohlraum zwischen einigen Betonblöcken, als er sie fand. „Ich danke Gott, dass ich nicht träume und schlafen kann. Dabei bin ich nicht religiös.“
In Hunderten Therapiesitzungen konnte die Psychologin Ester Groisman die Folgen der Attentate studieren. Traumata, Trauer, Verzweiflung: Jeder verarbeite sie anders. Doch zwei Fragen seien immer wieder aufgetaucht. „Erstens: Warum ihre Lieben sterben mussten? Zweitens: Wer hat sie getötet?“ Über Jahre hat die 58‐Jährige Angehörige der Opfer betreut. Es habe halbe Ewigkeiten gedauert, bis sie beim „Wa‐ rum?“ und „Wer?“ angelangten. Dann wartete schon der nächsten Schlag: Die Aufklärung blieb aus, das Verlangen nach Gerech‐ tigkeit unbefriedigt. „Da hilft der Tod der Verantwortlichen wenig“, sagt Groisman.
Mit einem höflichen „Buenas tardes“ öffnet Carlos Susevich die Tür. Der kleine ältere Herr mit dem sorgfältig nach hinten gelegten Haar kennt diese Rückschläge. Tiefe Furchen aus Trauer und Resignation haben sie ihm um die Augen gezeichnet. Der Tod des mutmaßlichen Mörders seiner Tochter? „Er hätte leben sollen. Im Gefängnis. Sein Tod bringt keine Antworten“, sagt er. 42 Jahre alt war Liliana Gra‐ ciela Susevich de Levinson, als sie im März 1992 von der Detonation in der israelischen Botschaft überrascht wurde. „Ich bin nicht sonderlich gläubig“, sagt Susevich. Liliana hat er trotzdem das Kaddisch gesprochen.
Schon immer seien sie eine solidarische Familie gewesen. „Das hat uns geholfen.“ Erzählt er, wie es ihm seit dem Angriff auf die Botschaft ergangen ist, spricht Susevich stets in der ersten Person Plural. Unter der Glasplatte seines Schreibtischs lächeln ihm fröhliche Gesichter entgegen. Eine bunte Collage Dutzender Fotos dokumentiert Familienfeiern und ausgelassene Kindergeburtstage. Einmal im Monat begleiten ihn seine Kinder und Enkel zum „Plaza Embajada de Israel“. Mittlerweile auch acht Urenkel. „Für sie ist meine Tochter die Oma, die nicht mehr da ist“, sagt Susevich. Wo Liliana bis vor 16 Jahren Akten sortiert und Berichte verfasst hat, klafft heute eine Lücke. An der weißen Wand des Nachbargebäudes zeichnen sich grau die Umrisse der alten Botschaft ab. Ein bröckelnder Abdruck besserer Zeiten.
„Die Stadtverwaltung hat leider die Tendenz, die Anlage zu vernachlässigen.“ Symbolisch sei das. Dafür, wie die Behörden sich verhielten. Dass internationale Terroristen die Anschläge verübt hatten, vermutete Susevich von Anfang an. Doch ohne Hilfe vor Ort? Das sei unrealistisch. Wo hatten sie übernachtet? Wer hatte ihnen das Auto besorgt, mit dem sie den Sprengstoff an die Mauern der Botschaft gesteuert hatten? „Es muss jemand geholfen haben“, sagt Susevich. Das „muss“ betont er. Mit rund 200.000 Mitgliedern hat Argentinien die größte jüdische Gemeinde Südamerikas. Offiziell existiert hier kein Antisemitismus. „1992 lernte ich, dass das nicht stimmt“, sagt Susevich.
Immer wieder saßen Angehörige der „conexión local“ vor dem Richter. Der Begriff umschreibt jene, die sich an der Durchführung der Anschläge beteiligt haben sollen. Aus dem Umfeld von „Bonaerense“, der Polizei der Provinz Buenos Aires und dem Militär kamen sie zumeist. In den Sicherheitskräften soll der Boden für antisemitisches Gedankengut fruchtbar sein. Alle wurden freigesprochen. Auch, dass den international gesuchten Hintermännern um Imad Mughnija je der Prozess gemacht wird, ist unwahrscheinlich. Urteile können in Argentinien nur gesprochen werden, wenn der Angeklagte persönlich vor Gericht erscheint.
Einige Tage später. Sergio Burstein will zeigen, wo das Unglück geschah, das sein Leben mit einem großen Knall änderte. Vorbei an bulligen Männern mit Knopf im Ohr geht es durch die Sicherheitsschleuse. Grüßend hebt Burstein die Hand, bevor er in den Innenhof des Hochsicherheitstraktes tritt, der das AMIA‐Gebäude heute ist. Im Schatten einer Mauer stehen bunte Stelen vor dem neuen Hochhaus. Die Gedenkstätte für die Opfer. Eine Mitarbeiterin führt Touristen durch die Anlage. Sie seien gekommen, um zu sehen, wie es der Gemeinde in Buenos Aires gehe nach den Angriffen, sagt ein Anwalt aus Chicago. Burstein horcht auf und verdreht die Augen. „Das ärgert mich am meisten“, sagt er. Dass es immer noch heißt: „Die Juden sind angegriffen worden.“ Es sei aber nicht nur ein Attentat auf das Gemeindezentrum gewesen. Das müsse man endlich begreifen in der Welt, erst recht in Argentinien. Mit dem Zeigefinger deutet Burstein auf den Boden. „Hier sind Argentinier und Ausländer ums Leben gekommen. Katholiken und Juden“, sagt er. „Es war ein Angriff gegen die Menschen.“

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