Aribert Heim

Der Tod des Dr. Tod

von Ron Steinke

„Ich hoffe, er hat gelitten“, sagt Efraim Zuroff. Dabei bemüht er sich erkennbar um den richtigen Tonfall. Zuroff arbeitet im Simon‐Wiesenthal‐Center in Jerusalem. Seit Jahren leitet er die Suche nach dem KZ‐Arzt Dr. Aribert Heim, die Nummer eins auf der Liste der meistgesuchten NS‐Verbrecher.
Nun sind Dokumente aufgetaucht, wonach Heim bereits vor fast 17 Jahren in Kairo an Krebs gestorben ist. Heim soll dort seit den 60er‐Jahren unter falscher Identität gelebt haben.
Wenn das so ist, hätte Zuroff in den vergangenen vier Jahren ein, wie er sagt, „Phantom“ gejagt. Für den Nazijäger beginnen schwierige Wochen. Mit dem Zufallsfund einer Journalistin, die ihre Entdeckung vergangene Woche in der New York Times und im ZDF vorstellte und dazu Augenzeugen präsentieren konnte, die Heims Alter Ego in Kairo gekannt haben wollen, stellen sich für das SWC auch Fragen in eigener Sache.
Wie konnte man sich monatelang sicher wähnen, Heim dicht auf der Spur zu sein – am anderen Ende der Welt? Die Suche nach dem ehemaligen KZ‐Arzt hatte sich im vergangenen Jahr vor allem auf Südamerika konzentriert, wo zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen waren. Zuletzt hatte sich die Spur verlaufen. Im vergangenen Herbst entschied Zuroff, eine ursprünglich für Südamerika geplante, kostspielige Medienkampagne abzusagen.
„So funktioniert das nun mal“, sagt Zuroff heute. „Mal bekommt man gute Informationen, mal schlechte.“ Noch wollen die Nazijäger des SWC den Fall Heim jedoch nicht leichtfertig zu den Akten legen. Zu oft haben gesuchte NS‐Verbrecher den eigenen Tod vorgetäuscht.
„Völlig überrascht“ von der Dokumentation war Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. „Meine erste Reaktion waren Zweifel.“
Auch wenn die meisten Beobachter es für unwahrscheinlich halten, dass ein noch lebender Aribert Heim, der heute 94 Jahre alt sein müsste, oder seine etwaigen Unterstützer alle Dokumente fälschen, sämtliche Augenzeugen bestechen und zudem den in Deutschland unter Telefonüberwachung stehenden Sohn, Rüdiger Heim, unbemerkt ins Vertrauen ziehen konnten: Einen Leichnam haben die Reporter in Kairo nicht auffinden können.
„Hätte es nur den ZDF‐Bericht gegeben, dann wären auch bei mir Zweifel geblieben“, sagt Kurt Schrimm. „Doch da sich das baden‐württembergische Landeskriminalamt in die Ermittlungen eingeschaltet hat, maße ich mir nicht an, deren Beurteilung infrage zu stellen.“ Derzeit warten Beamte des LKA auf die Einreiseerlaubnis nach Ägypten, um vor Ort nach sterblichen Überresten Heims zu fahnden und sie dann im Labor zu untersuchen.
„Solange noch kein eindeutiges DNS‐Material gefunden wurde, kann ich die Zweifel verstehen“, sagt der stellvertretende ZDF‐Chefredakteur Elmar Theveßen, der zusammen mit seiner Kollegin Souad Mekhennet von der New York Times die Reportage erstellt hat. „Angesichts der Tatsache, dass jahrzehntelang hinter Heim her ermittelt wurde, kann man schon überrascht sein, wenn plötzlich Informationen auftauchen, die darauf hinweisen, dass Heim schon seit 1992 tot ist.“ Aber, sagt Theveßen, „warum so lange nicht darüber geredet wurde, ist für mich als Journalist nicht stichhaltig“. Ihn interessierten die Fakten, wie sie sich jetzt präsentieren.
Mit dem wahrscheinlichen Tod Heims beginnen die Fragen aber erst. Wie war die Situation in den 50er‐ und 60er‐Jahren in Deutschland? Warum konnte Heim, der im KZ Mauthausen als „Dr. Tod“ berüchtigt war und nach 1945 gesucht wurde, unbemerkt in Bad Nauheim und Baden‐Baden als Gynäkologe praktizieren? Und wie gelang es ihm, sich in Ägypten zu verstecken, ohne entdeckt zu werden?
So interessant die Frage nach praktischen Lehren aus diesem Fall auch ist, für die Arbeit des SWC selbst kommt es darauf kaum mehr an. Auf der Liste der zehn meistgesuchten NS‐Verbrecher, die das Zentrum jährlich veröffentlicht, war Heim die letzte Person, nach der noch im Wortsinne gefahndet wurde. Von allen Übrigen ist der Aufenthaltsort längst bekannt. Nur konnten sie bisher aus verschiedenen Gründen einer Bestrafung entgehen.
So gibt der mögliche Tod Heims etwa den Blick frei auf die Nummer zwei der Liste, den ehemaligen KZ‐Aufseher Iwan Demjanjuk, der mittlerweile John Demjanjuk heißt und derzeit in den USA auf seine Abschiebung wartet. Die US‐Behörden appellieren seit knapp einem Jahr an Deutschland, Demjanjuk aufzunehmen, um ihm nach deutschem Recht den Prozess zu machen. Im vergangenen Frühjahr kündigten die deutschen Behörden an, spätestens im August 2008 ein Auslieferungsgesuch zu stellen. Bisher ist es dazu nicht gekommen.
Für die Schwierigkeiten, die dem SWC in der noch verbleibenden kurzen Zeit für die Verfolgung noch lebender NS‐Verbrecher bevorstehen, ist dieser Fall weitaus typischer als die jahrelange Suche nach Aribert Heim. „Von nun an kommt es noch mehr auf politische Arbeit an“, sagt Efraim Zuroff, „und weniger auf detektivisches Glück.“ (Mitarbeit: Katrin Richter)

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