Pius XII.

Der schweigende Stellvertreter

von Wolfgang Wippermann

Eigentlich sollten wir Pius XII. dankbar sein. Schließlich hat er dazu beigetragen, dass die „jüngste Vergangenheit“ erneut „bewältigt“ werden musste. Anlass war Rolf Hochhuths Theaterstück Der Stellvertreter von 1963. Künstlerisch war es ziemlich mittelmäßig, aber politisch war es fast so erfolgreich wie die amerikanische Seifenoper Holocaust, die 16 Jahre später, 1979, die Nation betroffen machte. „Wir“ waren zwar noch nicht Papst, doch dieser andere Papst trat damals auf nahezu allen Provinzbühnen der Republik auf.
Pius XII. kam selbst bis in meine Heimatstadt, das keineswegs fromme Bremerhaven. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass wir Schüler den Stellvertreter im Stadttheater sehen mussten und dann tatsächlich in der Schule über diese „dunklen Jahre“ sprechen durften, die nach Bismarck kamen, mit dem damals die Geschichte immer aufhörte. Natürlich sagten uns unsere Lehrer, dass an dem Unsagbaren nur der Führer schuld sei, konnten aber Fragen nach dem Verhalten des Stellvertreters nicht verhindern. Dabei hatten wir gerade gelernt, dass die Katholische Kirche im Widerstand gewesen sei und dass katholische und andere Deutsche furchtbar unter dem Führer und seinen wenigen braunen Gesellen gelitten hätten. Und nun hörten wir von Juden als Opfern und vernahmen mit großem Erstaunen, dass ihnen niemand – auch Papst und Kirche nicht – geholfen hat, obwohl sie „es“ gewusst und gekonnt hätten.
Hochhuths Stellvertreter hat mit mehreren Tabus und Legenden aufgeräumt, die Historiker und Kleriker aufgestellt hatten, und Folgendes gezeigt: dass es nicht nur nötig, sondern auch möglich gewesen wäre, etwas gegen den Holocaust zu unternehmen; dass Papst und Katholische Kirche deshalb kaum etwas getan haben, weil sie keineswegs immer und insgesamt im Widerstand gegen, sondern auch im Bündnis mit dem Faschismus gestanden haben, weil der „gottlose Bolschewismus“ als die viel größere Gefahr angesehen wurde.
Diese Thesen und Anklagen, die jetzt auch von Historikern vorgebracht wurden, provozierten natürlich den Widerstand der Angeklagten. Der Vatikan brach mit einer jahrhundertealten Sitte und gab eine Sammlung von Akten heraus, die beweisen sollten, dass der Papst alles ihm Mögliche gegen den Faschismus getan habe, aber für die Juden nicht mehr habe tun können. Die ausgesuchten Dokumente lasen sich glaubwürdig, überzeugten jedoch einige kritische Historiker nicht. Sie wollten auch die nicht ausgesuchten lesen, durften dies aber nicht, denn sie waren und sind bis heute in der Engelsburg wohl verwahrt. Einsicht für jedermann gibt es für die Akten des Vatikans nicht.
Die deutschen katholischen Historiker waren in dieser Hinsicht geschickter. Sie gründeten eine katholische Kommission, die aber nicht so, sondern „Kommission für Zeitgeschichte“ hieß und Folgendes nachzuweisen suchte: Das am 20. Juli 1933 mit Hitler abgeschlossene, Konkordat genannte Bündnis sei nicht auf Initiative des Papstes, sondern Hitlers zustande gekommen, weshalb sich auch die katholische Partei des Zentrums nicht auf Weisung des Papstes, sondern von alleine aufgelöst habe, um nicht das Missfallen Hitlers zu erregen. Gegen die Verletzungen des Konkordats hätten Pius XII. und sein Vorgänger Pius XI. mehrmals und energisch protestiert.
Dies stimmt. Doch gegen die Verfolgungen der Juden haben sie eben nicht protestiert. Von der der Kommunisten ganz abgesehen. Der Feldzug, den die Franco‐Faschis‐ ten gegen die spanischen Kommunisten und alle Anhänger der legitimen spanischen Republik geführt haben, ist mit ausdrücklicher Billigung des Papstes von der katholischen Kirche Spaniens als „cruzada“ (Kreuzzug) verherrlicht worden.
Uneingeschränkte Zustimmung des Papstes hat auch der Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion gefunden, der zunächst als „Unternehmen Barbarossa“, dann in der Endphase ebenfalls als „Kreuzzug gegen den (jüdischen) Bolschewismus“ bezeichnet worden ist. Dass zu seinen vornehmlichen Opfern Juden gehörten, hat Pius XII. selbstverständlich gewusst, aber kein offenes Wort des Protests oder zumindest des Mitleids gefunden. Warum dieses Schweigen, das man als zustimmend deuten kann, aber nicht muss?
Diese Frage, die übrigens auch im Zentrum von Hochhuths Stellvertreter steht, wird von katholisch apologetischer Seite mit dem Hinweis auf die Befürchtung des Papstes beantwortet, dass es andernfalls zu einer noch stärkeren Kirchenverfolgung gekommen wäre. Mag sein. Doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche katholische Kirche bis zum Schluss vom nationalsozialistischen Staat die Kirchensteuern überwiesen bekam.
Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt auch das von katholischen Historikern besonders hervorgehobene Eintreten Pius’ XII. für die römischen Juden. Hat man doch penibel ausgerechnet, dass 80 Prozent von ihnen gerettet worden sind, von denen wiederum 90 Prozent ihre Rettung dem direkten Eingreifen Pius’ XII. verdankten. Dies mit jenen europäischen Juden aufzurechnen, die eben doch ermordet wurden, ist mehr als geschmacklos.
Absolut nicht tolerierbar ist, dass Personen, die wegen ihrer jüdischen Herkunft ermordet wurden, zu den katholischen Opfern des Nationalsozialismus gezählt wer‐ den. Edith Stein, die als Jüdin und eben nicht als Nonne in Auschwitz ermordet wurde, ist nur ein Beispiel. Und dieses Beispiel macht das Verhalten des Papstes nicht besser. Auch wenn, wie im Februar dieses Jahres kolportiert wurde, einige der gegen Pius XII. erhobenen Vorwürfe von Mitarbeitern kommunistischer Geheimdienste gestreut worden sein sollen.
Pius XII. ist als Mensch und Politiker „umstritten“. Dies kann, dies muss man sagen und dokumentieren dürfen. Wenn die Katholische Kirche meint, ihn dennoch seligsprechen zu müssen, so ist das ihre Sache, die jedoch für Nicht‐Katholiken schwer verständlich und noch weniger nachvollziehbar ist.

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