S. Daniel Abraham

Der Schlankmacher

von Matthias B. Krause

Dieser Tage erscheint in einem kleinen New Yorker Buch‐Verlag ein bemerkenswertes Werk. Peace is Possible („Frieden is möglich“) verkündet der marineblaue Titel, darunter die Erklärung: Gespräche mit arabischen und israelischen Anführern von 1988 bis heute. Es ist eine Sammlung aus Gesprächsnotizen, Interviews, Tagebucheintragungen und Anmerkungen zu Treffen unter anderem mit Hosni Mubarak, Jassir Arafat, Itzchak Schamir, Itzchak Rabin, Schimon Peres, Ehud Barak und Ariel Scharon. Obwohl das Buch wie die Memoiren eines gewieften Staatsmanns klingt, entpuppt es sich als die Dokumentation einer diplomatischen Mission eines einzelnen amerikanischen Staatsbürgers.
S. Daniel Abraham tat sich vor knapp 20 Jahren mit dem inzwischen verstorbenen Kongreßabgeordneten Wayne Owens aus Utah zusammen, um seine ganz persönliche Friedensinitiative im Nahen Osten zu starten. „Danny Abraham ist einer dieser einmaligen Menschen, die ohne formale Berufung ihr Leben der Suche nach Frieden in der Region gewidmet haben“, hat der mittlerweile zum israelischen Interims‐Premierminister aufgestiegene Ehud Olmert für den Buchumschlag geschrieben, „er spielte in den vergangenen Jahren eine entscheidende Rolle und hat eine wichtige Geschichte zu erzählen“.
Auch der ehemalige US‐Präsident Bill Clinton, der ehemalige israelische Premier Schimon Peres und der palästinensiche Chefunterhändler Saeb Erekat haben ihre Lobpreisungen geschickt. Wahrscheinlich nicht nur aus Wertschätzung, sondern auch aus Dankbarkeit. Denn ihnen allen hat Abraham auf die eine oder andere Weise schon einmal kräftig unter die Arme gegriffen, vor allem finanziell. Er kann es sich leisten. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ führt den inzwischen in Florida lebenden, 81 Jahre alten New Yorker auf seiner Liste der reichsten Männer der Welt immerhin auf Platz 428. Geschätztes Vermögen: 1,8 Milliarden Dollar.
Das Produkt, mit dem Abraham sein Vermögen machte, ist weit besser bekannt als der Name, der dahintersteckt: „Slim Fast“. 1977 bringt Abraham es auf den Markt, eine Flüssigdiät, bei der Frühstück und Mittagessen durch zwei spezielle, mit fettarmer Milch angerührte Getränke ersetzt werden. Obwohl das Produkt voll in den Trend des schnellen Abnehmens paßt, muß Abraham es zunächst wieder zurückziehen, weil im gleichen Jahr 59 Menschen an gerade in Mode gekommenen Protein‐Drinks sterben. Wenige Jahre später bringt er sein Produkt noch einmal auf den Markt – dieses Mal schlägt es voll ein.
Schnell steigt Abrahams Familienunternehmen zum größten Vertreiber von Flüssigdiäten in den USA auf und verdient Millionen. Zwischen 1988 und 1990 verdreifacht sich der Umsatz. Abraham interessiert sich wenig für die Zusammensetzung oder die Produktion seiner Schlank‐ macher, dafür umso mehr für die Verpakkung und Vermarktung. Dabei hat er sein Ohr stets ganz dicht am Konsumenten. Bald machen Geschichten die Runde, wie der Boß des Multi‐Millionen‐Dollar‐Unternehmens höchstpersönlich auf die Straße vor seinem Büro in Manhattan geht, um Leute zu befragen, wie ihnen die neueste Verpackung seines Produkts gefällt. Für Werbung gibt er mehr als 100 Millionen aus und engagiert Prominente wie den damaligen Manager des Baseball‐Teams Los Angeles Dodgers. Mit viel Geduld und einer großzügigen Spende für dessen Kirche überredet er ihn, „Slim Fast“ zu trinken – und tatsächlich nimmt er innerhalb weniger Wochen fast 15 Kilogramm ab.
Wie wichtig Werbung und Marketing sind, begriff Abraham schon früh. Aufgewachsen in einer Familie orthodoxer Juden in Long Beach auf Long Island vor den Toren New Yorks, muß er als 18jähriger in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Kaum zurück, kauft er 1947 zusammen mit seinem Vater und seinem Schwager „Thompson Medical“, die kleine Firma für medizinischen Bedarf seines Onkels. Abraham, der nie ein College von innen sah oder gar Medizin studierte, lernt seine Lektionen auf der Reise. Per Anhalter schlägt er sich von Stadt zu Stadt durch, von Apotheke zu Apotheke. Sein bestes Produkt ist eine juckreizstillende Crème, von denen die Apotheker eine Probe behalten dürfen, wenn sie im Gegenzug sein Plakat ins Schaufenster hängen.
Die Geschäfte laufen ordentlich. Abraham versucht ständig, seine Produktpalette zu erweitern. Eine Pille, die das Hungergefühl unterdrücken soll, gehört ab den 50er Jahren zum Sortiment. Ständig versucht er in Kundengesprächen herauszubekommen, was der nächste große Hit sein könnte.
„Mein Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, dem Konsumenten stets etwas Besseres zu bieten, ein kleines Extra fürs Geld“, sagte Abraham der „New York Times“ in einem seiner extrem seltenen Interviews. Als „Forbes“ 1991 versuchte, ein großes Porträt über ihn zu bringen, verweigerte Abraham nicht nur ein Gespräch, sondern drängte auch Geschäftspartner, Freunde und Familie, nichts zu sagen.
Die Geschäfte laufen derweil prächtig. Mit ständig neuen Produkten und massiver Werbung behauptet sich Abraham im hart umkämpften Diät‐Markt. Der Chef behält dabei alles persönlich unter Kontrolle, einen zwischenzeitlichen Börsengang macht er nach wenigen Jahren wieder rückgängig, indem er alle Aktien aufkauft. Er haßt es, nicht das Sagen zu haben. Als er 2000 beschließt, sich zur Ruhe zu setzen, verkauft er seine Firma an die Unilever‐Gruppe für 2,3 Milliarden Dollar. Abschiedsgeschenk für seine Angestellten: ein volles Jahresgehalt für jeden.
Auch sonst gehört er zu den großzügisten Philanthropen des Landes. Er fördert jüdische Organisationen in den USA und in Israel, spendet Millionen für die Demokraten in Amerika und die gemäßigten politischen Kräfte im Nahen Osten. In Washington gründet er das „Center for Middle East Peace & Economic Cooperation“, in Jerusalem eine liberale Wochenzeitung. Nicht immer werden seine Vorstöße dabei mit Wohlwollen begleitet. Als er Anfang der 90er Jahre Washingtoner Politiker und Wirtschaftskapitäne mit seinem Privatjet nach Damaskus fliegen will, um die angebliche Öffnung des syrischen Regimes zu belegen und die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern anzukurbeln, hagelt es in Israel Proteste.
Selbst 2006 kam der Name Abraham im israelischen Wahlkampf wieder hoch. Interims‐Premier Olmert mußte sich gegen Vorwürfe wehren, er habe dem amerikanischen Geschäftsmann sein Haus in Jerusalem unter Marktwert verkauft. Außerdem dürfe er mit seiner Familie darin zu einer äußerst günstigen Miete weiterleben, bis seine neue Bleibe fertiggestellt sei. Olmerts politische Gegner rochen eine unlautere Einmischung in den Wahlkampf, Belege haben sie dafür bis heute aber nicht vorgelegt.
Daniel Abraham äußert sich zu solchen Dingen nicht. Geschieden von seiner Frau, durchtrainiert und gesund, lebt er in Florida und genießt die Segnungen seines Reichtums, für den er fast 50 Jahre lang arbeiten mußte, ehe er sich in Hülle und Fülle einstellte. Das einzige, was er bedauere, soll Abraham vor kurzem gesagt haben, sei, daß er es nicht früher geschafft habe. Es heißt, dabei sei er umgeben gewesen von Frauen, die nicht einmal halb so alt sind wie er. Und gertenschlank, mit Sicherheit.

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