Kisch

Der rasende Reporter und die Diebe

von Kilian Kirchgessner

Bestimmt würde er sich gut verstehen mit dem großen Egon Erwin Kisch, glaubt Miroslav Kucera. Er war zwölf Jahre alt, als die Reporter‐Legende vor sechs Jahrzehnten starb. Inzwischen hat Kucera graues Haar, das er mit einem zusammengebundenen Tuch bändigt. Er sitzt mit Vorliebe in einer Kneipe nahe der Moldau in Prag. „Zu den Flößern“ heißt sie, und Kuceras angestammter Platz ist an einem Holztisch zwischen Eingangstüre und Tresen. Von hier aus waltet er seines Ehrenamts als Nachlassverwalter von Egon Erwin Kisch. Im Auftrag des Schriftstellerverbands kümmert er sich unter anderem um die Verleihung des Prager Kisch‐Preises. Und erst vor ein paar Wochen hat er mit einem Verlag ausgehandelt, dass Kischs Arbeiten neu ins Tschechische übersetzt werden sollen.
Einen anderen Arbeitsplatz hat Kucera nicht. „Unser Büro“, berichtet er, „mussten wir Anfang des Monats kündigen, weil das Geld einfach nicht mehr ausreicht.« Der Schriftstellerverband ist längst nicht mehr so einflussreich wie in seiner Blütezeit Ende der sechziger Jahre. Die Aufgaben aber sind geblieben, und Kucera nimmt seine Arbeit denkbar ernst. Fast kommt der 72‐Jährige dabei nicht mehr zu seinen eigenen Geschichten. Er schreibt Krimis und, wie Kisch, hält er sich an die Realität. „Ich war 30 Jahre bei der Kriminalpolizei, da muss ich nichts mehr erfinden.“
So ähnlich hätte es auch Egon Erwin Kisch formulieren können. „Der rasende Reporter“ nannte er eines seiner Bücher, in dem ausgewählte Reportagen erschienen – und prägte damit seinen eigenen Spitznamen. Der Sohn einer Prager jüdischen Bürgerfamilie begann seine Karriere als Polizeireporter bei der deutschsprachigen Tageszeitung „Bohemia“. Die klei‐ nen Meldungen arbeitete er zu mitrei‐ ßenden Reportagen auf, für die er Polizis‐ten, Gefängniswärter und Kleinkriminelle begleitete. Später bereiste er die Sowjet‐union, China, die USA und Australien und schrieb über seine Erlebnisse dort Bestseller. Als die Nazis die damalige Tschecho‐slowakei besetzten, flüchtete der Jude und Kommunist Kisch ins Exil nach Mexiko; sofort nach dem Krieg kehrte er wieder zurück nach Prag. Dort starb er 62‐jährig am 31. März 1948.
Vergessen ist Egon Erwin Kisch in seiner Geburtsstadt nicht. Im Gegenteil: Er hat hier einen ganz besonderen Fanclub, der Miroslav Kucera viel Arbeit macht. „Ich kann mir nicht erklären, was die immer mit der Statue haben“, schimpft er. Die Büste auf Kischs Grabmal nämlich verschwindet regelmäßig vom Friedhof. „Die müssen irgendwann nachts kommen, denn ansonsten würde das ja jemand beobachten“, sagt der frühere Kriminalist. Vor allem eine Frage treibt ihn um: Wie die Diebe die 25 Kilo schwere Bronzebüste eigentlich abtransportieren können.
Seit den 80er‐Jahren liefert Kucera sich einen sisyphosartigenWettlauf mit den kriminellen Kisch‐Liebhabern: Sie klauen die Büste, er lässt einen neuen Abguss herstellen – und weiß von Anfang an, dass der schnell wieder vom Friedhof verschwinden wird. 200.000 Kronen kostet der Abguss jedes Mal, das sind runde 8.000 Euro. „In den nächsten Wochen müsste die neue Büste kommen“, sagt Kucera, „und diesmal werden wir die so bombig befestigen, dass niemand sie mehr vom Sockel holen kann.“ Sein Triumph über die Statuen‐Diebe soll das werden. Als er neulich am Moldau‐Ufer an seinem Stammplatz in der Kneipe „Zu den Flößern“ saß, ist ihm die Pointe zur nächsten Kisch‐Büste eingefallen. „Egon“, sagt er, „wird darauf einen verschmitzten Gesichtsausdruck haben – ganz so, als schmunzele er selbst darüber, dass er schon so oft gestohlen worden ist.“

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