Facebook

Der Netzwerker

von Matthias B. Krause
und Katrin Richter

Wie immer die jüngste Blase auf dem Technologiemarkt auch aussehen mag: Sicher ist, dass in ihrer Mitte ein hoch aufgeschossener, schmächtiger junger Mann sitzt, im T‐Shirt und mit Adidas‐Badelatschen an den Füßen. Die zieht Mark Zuckerberg nur zu ganz besonderen Anlässen aus, zum Beispiel, wenn er – wie in diesem Jahr – beim Weltwirtschaftsforum in Davos spricht. Ansonsten spiegelt der 23‐Jährige noch genau das wider, was er bis vor Kurzem war: ein computerverrückter Hochbegabter, der seine Umwelt vergisst, wenn er auf ein Programmierproblem stößt, das seine Intelligenz nicht beleidigt. Dabei könnte der junge Mann längst Ferrari fahren, ein ausladendes Anwesen im Süden Kaliforniens besitzen, mit Meer‐blick. So er denn will.
Seine Erfindung »Facebook«, eine Internetseite, die ihren Mitgliedern die Möglichkeit bietet, sich untereinander schnell und umfassend auszutauschen, hat ihn längst reich gemacht. Mehr noch. Seit Microsoft im vergangenen Monat für stattliche 240 Millionen US‐Dollar gerade einmal 1,6 Prozent an dem Unternehmen erwarb, bekommen sie an der Wall Street ein bisschen kalte Füße. Der Deal erinnert an die Hochzeiten der Internet‐Euphorie Ende der 90er‐Jahre, als Jungspunde mit halbgaren Ideen an der Börse Millionen einstrichen, bevor ihre Unternehmen wie Sternschnuppen im Nichts verglühten. Irgendwann wird wahrscheinlich auch die Internetblase 2.0 platzen. An »Facebook« muss das nicht liegen. Derzeit gibt es deren Anteile ohnehin nicht im öffentlichen Wertpapierhandel. Und wenn man Zuckerberg glauben darf, wird das auch noch eine Weile so bleiben. »Ich bin hier, um etwas Langfristiges aufzubauen«, sagte er vor ein paar Monaten dem Magazin FastCompany.com, »alles andere ist nur eine Ablenkung.« Einige hatten ihn bereits für verrückt erklärt, weil er nicht bei der ersten großen Offerte begeistert einschlug. Google, Yahoo und Microsoft bemühten sich um einen Einstieg bei Facebook. Noch im vergangenen Jahr schien die eine Milliarde Dollar, die Yahoo auf den Tisch legen wollte, noch wie ein Angebot, das man nicht ablehnen darf. Das Geschäft nun mit Microsoft katapultiert den rechnerischen Wert von Facebook mal schnell auf das Fünfzehnfache.
Die Geschichte beginnt an einem Ort, der eine gewisse Tradition besitzt als Startpunkt für atemberaubende Karrieren: Harvard. Zuckerberg, eines von vier Kindern einer jüdischen Familie aus dem kleinen New Yorker Vorort Dobbs Ferry, schreibt sich dort 2003 ein. Der Sohn eines Zahnarztes und einer Psychologin hat da bereits eine kleine Karriere in angesehenen Privatschulen und als Programmierer hinter sich. Zusammen mit einem Freund entwickelte er die Software »Synapse«, die in der Lage ist, die musikalischen Vorlieben seines Nutzers zu analysieren und darauf bei der Auswahl neuer Titel zu reagieren. Bekannte Unternehmen bieten Geld und Beschäftigung. Zuckerberg lehnt ab und schreibt sich stattdessen lieber an jenem Ort ein, an dem auch schon Bill Gates studierte. Zumindest für kurze Zeit.
»Ich bin einfach wie ein kleines Kind«, gesteht Zuckerberg der Studentenzeitung »The Harvard Crimson« später. »Computer finde ich spannend, aber sonst ist mir schnell langweilig. Das sind die beiden treibenden Faktoren.« Und er schafft gerne Dinge, betätigt sich ausgiebig als Problemlöser. So fuchst es ihn, dass es in Harvard kein »Face Book« gibt wie an anderen Colleges: einen kleinen Katalog, in dem alle Erstsemester mit Namen und Bild verzeichnet sind, der verteilt wird, um den Neulingen die Eingewöhnung zu erleichtern. Also setzt sich Zuckerberg in seine Studentenbude, zieht sich von den Uni‐Rechnern die notwendigen Daten und startet die Internetseite »FaceMash«, die in beliebiger Reihenfolge zwei Studenten zeigt, die von ihren Kommilitonen nach der Frage beurteilt werden: Wer ist hotter? Ein Spaß, fand Zuckerberg, der belege, dass alle notwendigen Informationen für ein »Face Book« vorlägen. Eine Verletzung von Copyright und Persönlichkeitsrechten, meinte die Universitätsleitung und warf den Grünschnabel beinahe raus.
Zuckerbergs Unternehmungsgeist blieb von dieser Episode unberührt. Als Nächstes startete er das Projekt, aus dem die Firma Facebook erwuchs. Wobei heute gleich drei seiner Kommilitonen behaupten, Zuckerberg habe sich dabei ihre Idee zu eigen gemacht. In der Tat fragten drei seiner Mit‐Studenten, ob er ihnen dabei helfen würde, ihre Webseite zu kodieren. »ConnectU« basierte auf derselben Idee wie später Facebook: Es sollte ein Werkzeug für die Benutzer sein, um sich untereinander auszutauschen. Zuckerberg nahm den Job zunächst an und stieg unverrichteter Dinge später wieder aus. Kurz danach startete er sein »Facebook«.

»Er hat uns übervorteilt«, klagte ConnectU‐Mitbegründer Tyler Winklevoss jüngst in der New York Times. »Zuckerberg hat eine unterentwickelte Ethik, er ist ein Egomane. Er konnte es einfach nicht verknusen, dass er nicht selbst auf die Idee gekommen ist.« Winklevoss und seine Mitstreiter glauben, aus E‐Mails, die sie mit Zuckerberg damals austauschten, gehe der Diebstahl hervor und bemühen inzwischen die Gerichte mit dem Fall. Der Beschuldigte bestreitet jede Schuld: »Ich verwende nicht viel Zeit darauf, mir Sorgen zu machen. Die Gerichte werden die Ursprünge der Programme vergleichen müssen, und dann werden wir ja sehen, wer Recht hat.«
Am 4. Februar 2004, einem Mittwoch, waren alle Weichen für Facebook gestellt. Zuckerberg und seine beiden Mitstreiter Dustin Moskovitz und Adam D’Angelo schickten zunächst Einladungen an einige Bekannte heraus, vor allem an Zuckerbergs Freunde aus der jüdischen Studentenverbindung Alpha Epsilon Pi. »Es war ein ruhiger Abend«, erinnert sich Moskovitz, »aber dann nahm die Sache Fahrt auf. Am Ende hatten wir innerhalb von 24 Stunden fast 1.500 registrierte Nutzer.« Danach geht alles rasend schnell. Die Seite wächst so stark, dass die Freunde Mühe haben, mit dem Programmieren und mit dem Beschaffen von Server‐Kapazität hinterher zu kommen. Bald ist praktisch ganz Harvard vernetzt, danach entscheidet Zuckerberg, Face‐ book für andere Colleges zu öffnen. Später kommen Unternehmensnetzwerke hinzu, Highschools, Universitäten in Kanada, Europa. Im September 2006 öffnet sich Facebook dem Rest der Welt. Wer will, kann sich registrieren.
Selbstverständlich ist auch Zuckerberg mit von der Partie. Vergangenen Donnerstag zum Beispiel wurde er um 4.07 Uhr morgens Fan von »Fraiche Yogurt«. Bereits um 2.43 Uhr hatte er Facebook auf seinem Blackberry installiert. Und kurz vor neun abends schloss der junge Millionär Freundschaft mit David. Das alles steht minutiös aufgelistet in seinem eigenen Facebook‐Profil, das allerdings nicht für alle Benutzer freigegeben ist. So erfährt man, dass Zuckerberg Atheist ist und gern Musik der kalifornischen Punkrock‐Gruppe Green Day hört. Für einen Workaholic wie Zuckerberg eine vielleicht überraschende Vorliebe. Denn der Ausdruck Green Day steht für einen langweiligen Tag, den man Gras rauchend totzuschlagen versucht .
Und sonst? Informationsfluss, Revolutionen, Minimalismus und vermeintliche Nebensächlichkeiten faszinieren den jungen Mann. Und er versucht, die Welt zu einem offeneren Ort zu machen. Dabei versteht er sich auch als Künstler und bedient sich in seinem Facebook‐Profil der Worte eines ganz Großen. Alle Kinder, hat Picasso einmal gesagt, seien Künstler. Doch wie bleibt man Künstler, wenn man erwachsen ist?
Das Erwachsenwerden begann bei Zu ckerberg spätestens im Sommer 2004. Damals zog er mit seinen Freunden ins Silicon Valley, um die Entwicklung ihres Unternehmens voranzutreiben. Der Mitbegründer des Internet‐Bezahldienstes PayPal, Peter Thiel, gehörte zu den ersten großen Investoren von Facebook, danach standen die Risikokapitalfirmen Schlange. Zuckerberg und seine Freunde saßen an Pools vor ihren Rechnern und programmierten, was das Zeug hielt. 2005 entschied er, endgültig seinem Vorbild Gates zu folgen und hängte sein Harvard‐Studium an den Nagel. Während »MySpace« mit über 60 Millionen Nutzern derzeit die größte soziale Netzwerkseite im Internet ist, folgt Facebook mit 50 Millionen Aktiven. Jeden Tag kommen rund 200.000 neue Mitglieder hinzu. Heute beschäftigt das Unternehmen 300 Mitarbeiter im kalifornischen Palo Alto. Im kommenden Jahr sollen es 700 sein.
Wenn die hochfliegenden Pläne von Zuckerberg und seinen Investoren aufgehen, wird Facebook in nicht allzu ferner Zukunft eine Art Betriebssystem des Internets sein, so wie es die Produkte von Microsoft heute für PCs sind. Dabei muss Zuckerberg allerdings aufpassen, dass er nicht seine alten Ideale verrät. »Mein Ziel ist es, keinen Job zu haben«, hatte er einst der Studentenzeitung in Harvard verraten. »Coole Sachen zu produzieren und niemanden zu haben, der mir sagt, was ich machen muss und bis wann, ist genau der Luxus, den ich im Leben suche. Und vielleicht mache ich ja mal etwas, das sich rentiert.« Letzteres hat Zuckerberg viel schneller geschafft, als er sich je hätte träumen lassen. Auch wenn er nun ab und zu feste Schuhe tragen muss.

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