Salinger

Der mysteriöse Mr. S

von Reinhard Helling

Der Fall J. D. Salinger ist kompliziert. Einerseits ist der Schriftsteller weltberühmt, andererseits kennen den Mann nur eine Handvoll Menschen persönlich. Einerseits hat Salinger schon lange aufgehört, Geschichten zu veröffentlichen, andererseits üben seine vier Bücher bis heute großen Reiz aus. Das gilt an erster Stelle natürlich für Der Fänger im Roggen von 1951. Die Geschichte des 16-jährigen Holden Caulfield, der drei Tage durchs vorweihnachtliche New York irrt und an der Lügenwelt der Erwachsenen verzweifelt, wurde in 40 Sprachen übersetzt, die weltweite Gesamtauflage dürfte sich allmählich der Marke von 100 Millionen Exemplaren nähern. Holden Caulfield ist aus der Literaturgeschichte nicht wegzudenken, seine Geschichte ist, so die maßgeblichen Literaturlexika, »der stilistisch einflussreichste Beitrag eines amerikanischen Erzählers zum Problem der Adoleszenz«, der »literarische Seelenspiegel einer gesamten jungen Generation«. Oder wie Hermann Hesse schrieb: »Man wird den schönen Weg von der Befremdung zum Verstehen, vom Ekel zur Liebe geführt.«
Über dem Fänger im Roggen sollte man aber nicht die drei anderen Bücher Salingers vergessen: Auch die Neun Erzählungen (1953), die Doppelgeschichte Franny und Zooey (1961) aus dem Kosmos der exzentrischen, jüdisch-irischen Glass-Familie sowie die Fortsetzung mit Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt (1963) berühren, als seien sie erst gestern geschrieben.
Jerome David Salinger wurde vor 90 Jahren, am 1. Januar 1919, in New York als
zweitältestes Kind des Lebensmittelimporteurs Solomon Salinger und seiner irisch-stämmigen Frau Marie Jillich geboren, die sich ihrem jüdischen Ehemann zuliebe in Miriam umbenannte. Väterlicherseits stammte die Familie aus Litauen. Salingers Großvater, Rabbi Simon F. Salinger, geboren 1860 in Tauroggen, war im Alter von zehn Jahren nach Amerika ausgewandert. Zumindest literarisch hat seine Herkunft J. D. Salinger nicht beeinflusst. Die jüdische Welt taucht in seinem Werk kaum auf; von größerem Einfluss waren für seine späten Geschichten und sein tägliches Leben die Lehren des Buddhismus – soweit man weiß. Denn Salinger ist eine mysteriöse Figur. Seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt er abgeschieden von der Welt in einer Waldhausfestung in der Nähe von Cornish, New Hampshire. Die letzte Veröffentlichung des Eremiten liegt mehr als 40 Jahre zurück: Die lange Ge-schichte Hapworth 16, 1924 aus dem Glass-Zyklus erschien im Juni 1965 in der Zeitschrift The New Yorker. Eine von dem Kleinverlag Orchise Press vor zehn Jahren angekündigte Buchversion von Hapworth ist nie erschienen. Neue Veröffentlichungen Salingers sind zu seinen Lebzeiten nicht mehr zu erwarten.
In Deutschland war Salinger vor fünf Jahren noch einmal Thema. Damals hatte Kiepenheuer & Witsch bei dem Hamburger Übersetzer Eike Schönfeld eine neue deutsche Fassung des Fängers im Roggen erstmals auf der Basis des US-Originals in Auftrag gegeben. Das Ergebnis war glanzvoll, endlich gab es das ganze Buch auf Deutsch, ungekürzt und unzensiert. Nach 40 Jahren konnte Heinrich Bölls missglückte Übersetzung ausrangiert werden, die Millionen Schüler in der lila-gerahmten rororo-Taschenbuchausgabe gelesen hatten.
Längst hat Salinger seine literarischen Wegbegleiter überlebt: Dorothy Olding von der Agentur Harold Ober, die immer eine schützende Hand über ihren Mandanten gehalten hatte, die in Zürich lebende Agentin Ruth Liebman, die Salinger in Europa vertrat, seine Mentoren beim New Yorker, Lektor William Maxwell und Chefredakteur William Shawn. Vor drei Monaten starb im Alter von 94 Jahren nun auch der Verleger Robert Giroux, der 1950 per Handschlag den Roman des aufstrebenden Jungautors für den Verlag Harcourt, Brace und Company angenommen hatte, von seinem Chef Eugene Reynal daraufhin einen Vogel gezeigt bekam, woraufhin Giroux zu Farrar, Straus wechselte – und Salingers Roman zu Little, Brown in Boston.
Vor 43 Jahren ist J. D. Salinger verstummt. Und doch vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt eine Huldigung an ihn erklingt. Mal ist es der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura (Havanna-Quartett), der in seinem neuen Roman Der Nebel von gestern den Meister leibhaftig auftreten lässt – in eine orangefarbige Tunika der Erleuchtung gehüllt. Mal kommt die Reverenz melodisch daher: So enthält das vor Kurzem erschienene Album Chinese Democracy von Guns N’ Roses ein Stück namens Catcher in the Rye. Passend dazu ist der eigenbrötlerische Sänger der Gruppe, Axl Rose, wie weiland Salinger abgetaucht. Zuletzt hat der frisch gekürte Literaturnobelpreisträ-ger Jean-Marie Gustave Le Clézio in seiner Dankesrede Salinger eine seiner wichtigsten Inspirationen genannt, weil »es ihm gelungen ist, uns in die Haut eines sechzehnjährigen Jungen namens Holden Caulfield schlüpfen zu lassen«.
Vielleicht backt am 1. Januar 2009 Salingers dritte, 40 Jahre jüngere Frau Colleen ihm zur Feier des Tages ein Blech ihrer Chocolate Chip Cookies. Und der Autor schreibt einfach weiter, »zu meinem eigenen Vergnügen«, wie er es in einem seiner raren Interviews 1974 ausgedrückt hat. Vielleicht erreicht J. D. Salinger sogar noch das Alter seines Großvaters Simon. Der Rabbiner, der in Feierabendkursen Medizin studierte und viele Jahre als Arzt praktizierte, wurde fast 100 Jahre alt.

Hörfunk-Tipp: Am Samstag, 3. Januar, von 20.05 bis 22 Uhr liest Alexander Khuon auf WDR 5 aus »Der Fänger im Roggen«.

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