Gottes Namen

Der kleine Unterschied

von Alfred Bodenheimer

Was bedeutet „Kiddusch Haschem“, die Heiligung des göttlichen Namens? Als besonders berühmtes Beispiel dafür gilt das Märtyrertum: Die Juden, die es in den Kreuzzügen vorzogen, mit ihren Familien in den Tod zu gehen, um der Zwangstaufe zu entgehen, gelten als klassische Beispiele solcher Heiligung des göttlichen Na‐
mens. In dem heute gängigen Gebet, das in Synagogen im Gedenken an die Opfer der Schoa rezitiert wird, ist ebenfalls von Kiddusch Haschem die Rede. Der sehr deutlich auf die religiöse Todesbereitschaft gemünzte Begriff ist hier auf das Erleiden eines gewaltsamen und um des Judentums willen erlittenen Todes erweitert worden.
Beide Anwendungen des Begriffs sind nicht ganz unproblematisch. In seiner Studie zu den Kreuzzügen hat Robert Hazan darauf hingewiesen, dass die halachische Grundlage, den Tod einem zwangsweisen Glaubenswechsel vorzuziehen, zwar unbestritten sei. Und die Frage, ob ein Jude auch andere (also etwa die kleinen Kinder) aus demselben Grund töten dürfe, schon sehr viel weniger klar ist. Bei den Opfern der Schoa, die meist ohnehin keine Alternative wie etwa die Konversion besaßen, mag der Begriff des Kiddusch Haschem als einer klar religiös definierten Kategorie ebenfalls diskutabel sein. Doch der Res‐
pekt vor den unter unvorstellbarem Leiden Getöteten verbietet es uns in beiden Fällen, die religiöse ‚Qualität‘ ihres Todes zum Objekt von theoretischen Diskussionen zu machen. Sowohl das Relativieren ihres Leids wie auch dessen Instrumentalisierung müssen um jeden Preis vermieden werden.
Legitim ist demgegenüber der Ansatz, der nach der Verwirklichung des Kiddusch Haschem weniger im Sterben, sondern vielmehr im Leben von Jüdinnen und Ju‐
den sucht. Im Leben gibt es auch den Ge‐
gensatz der Heiligung des göttlichen Na‐
men und zwar dessen Schändung – Chillul Haschem. Im Wochenabschnitt Emor werden diese beiden Gegensätze unmittelbar nebeneinandergestellt: „Und schändet nicht den Namen meiner Heiligkeit, und ich soll geheiligt werden innerhalb der Is‐
raeliten, ich bin Gott, der euch heiligt“
(3. Buch Moses, 22,32).
Rabbiner Awraham Schmuel Binjamin Sofer (1815–1871), Sohn des bedeutenden ungarischen Gelehrten Moses Chatam Sofer, schrieb einen Kommentar dazu. In seinem Buch Ktav Sofer macht er klar, dass das Gebot der Heiligung und das Verbot der Schändung des göttlichen Namens nicht zwei Situationen schildern, die unendlich weit auseinanderliegen. Vielmehr liegt das eine sehr nah beim andern. Den göttlichen Namen zu heiligen bedeutet nämlich nicht in erster Linie eine Handlung, die von Gott gewertet wird, sondern eine, die den Blick der Mitmenschen auf das Göttliche bestimmt. Es geht darum zu zeigen, dass ein auf Gott ausgerichtetes Leben vom menschlichen Standpunkt aus ein moralisch wertvolles, nachahmenswertes Leben ist. Somit kann nur jemand Gott heiligen, der von der Umwelt als ein Mensch verstanden wird, der sein Leben nach Gott ausrichtet.
Für Rabbiner Sofer ist dies in beiden Fällen ein Toragelehrter. Wenn es um Kiddusch Haschem geht, ist es nicht die Intensität und Scharfsinnigkeit des Lernens, das über seine Erfüllung der Heiligung des göttlichen Namens bestimmt. Sondern es ist sein Umgang mit Menschen und die Ehrlichkeit seines Handelns. Werden sie von den anderen Menschen als positiv erlebt, so sind sie wie nichts anderes dazu angetan, von der moralischen Kraft der Tora und Gottes zu zeugen. Nur der, dessen Existenz mit einer bewussten und intensiven Hingabe an das göttliche Gesetz und dessen Studium identifiziert wird, kann Kiddusch Haschem im Leben verwirklichen. Er ist Vertreter einer Sphäre, die weit über seine Person hinausgeht.
Es ist, so der Ktav Sofer, allerdings die Rückseite genau jener Medaille, die den Chillul Haschem schafft. Wer nicht mit dem Studium der Tora oder mit einer unbedingten Treue zu ihr identifiziert wird, dem werden auch schlechtes zwischenmenschliches und moralisches Verhalten persönlich angerechnet. Wer aber kraft seiner Lebensausrichtung das Potenzial hat, den göttlichen Namen zu heiligen, der kann ihn, im Falle eines Fehlverhaltens auch schänden. Und keine Schändung des göttlichen Namens ist so gravierend, schreibt Ktav Sofer, wie der Vorwurf, jemand könne, weil er Tora lernt, mit anderen Menschen nicht umgehen.
Es ist nicht eine einmal im positiven oder negativen Sinne erreichte Stufe, sondern jeweils die Entscheidung und das Verhalten des nächsten Augenblicks, die über Heiligung oder Schändung des göttlichen Namens entscheidet.

Emor, 3. Buch Moses 21,1 – 24,23

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