Schriftsteller

Der Istanbuler

von Canan Topçu

Es war sein größter Wunsch: als türkischer Schriftsteller auch außerhalb seiner Heimat bekannt zu werden. »Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll, aber ich habe eine große Sehnsucht danach«, verriet Mario Levi in einem Interview.
Seitdem sind sieben Jahre vergangen. Inzwischen scheint sich Levis Wunsch erfüllt zu haben: Als türkischer Autor reist er in diesen Wochen durch deutsche Städte und liest aus seinem soeben bei Suhrkamp erschienenen Buch Istanbul war ein Märchen. Dass sein Roman nun auf Deutsch vorliegt, empfindet Levi als eine große Ehre. Weil Heinrich Heine, Franz Kafka, Elias Canetti und Stefan Zweig – Autoren, die Levi sehr schätzt – in dieser Sprache geschrieben haben.
Sechs Jahre lang hat Levi an dem 800-Seiten-Werk geschrieben. In der Türkei erschien es bereits 1999 und wurde mit dem renommiertesten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet. Melancholisch beschreibt Levi das einstige Istanbul der Christen, Juden und Armenier. Einen Roman über die Stadt der Minderheiten zu schreiben, empfand er als »Bringschuld an seine Vorfahren«, sagte Levi nach dem Erscheinen des Buches. Als Nachfahre sefardischer Juden, die während der Reconquista ins Osmanische Reich flüchteten, wuchs der 51-Jährige als Vertreter der »Azinliklar«, wie Minderheiten in der Türkei bezeichnet werden, in Istanbul auf. In seinem Geburtsort gehört Levi inzwischen im doppelten Sinne einer Minderheit an. In der seit mehr als vier Jahrzehnten durch Binnenmigration geprägten Stadt am Bosporus ist er einer der wenigen echten Istanbuler.
Mario Levi – bei diesem Namen geraten in seinem Heimatland viele ins Stolpern, können sich nicht vorstellen, dass auch er Türke ist und loben ihn für seine guten Sprachkenntnisse. Es ist eine schizophrene Situation: Als waschechter Istanbuler wird er immer wieder wie ein Fremder behandelt und zum Außenseiter gemacht. Dennoch klagt Levi niemanden persönlich an. Auf die Irritationen reagiert er mit Humor. Und manchmal auch mit Ironie. Das war aber nicht immer so. Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend sind nicht vergessen. Und wenn Levi davon spricht, wie die Lehrerin den neunjährigen jüdischen Jungen beschimpfte, dann ist herauszuhören, dass die Verletzungen tief sitzen. Nicht etwa, weil es vorwurfsvoll klingt, sondern weil sich in seine sanfte Stimme unbemerkt Verzweiflung mischt.
Levi wuchs mehrsprachig auf und gehört zu der Generation von Sefarden, die noch Ladino gelernt hat. Seine Töchter –19-jährige Zwillinge – sprechen es nicht mehr. »Ich habe das Erbe leider nicht weitergeben können«, sagt Levi, der Ladino von seiner Großmutter gelernt hat. Im Elternhaus wurde, wie es in Istanbul bei Nichtmuslimen üblich war, Französisch gesprochen. Dieser Sprache blieb Levi treu und studierte Romanistik in Istanbul. Sein erstes Buch, eine Biografie über Jacques Brel, erschien 1986; vier Jahre später veröffentlichte er eine preisgekrönte Erzählung.
Mittlerweile hat Levi, der viele Jahre seinen Lebensunterhalt als Redakteur bei Zeitungen, Zeitschriften und beim Hörfunk verdiente, fünf Bücher veröffentlicht. Im Januar erscheint in der Türkei sein neuer Roman. Levi schreibt aber nicht nur selbst, sondern bringt anderen auch das Handwerk bei: In Istanbul leitet er an einer Privatuniversität Seminare über »Kreatives Schreiben«. Und wenn der Schriftsteller nicht schreibt und lehrt, dann schlendert er durch sein geliebtes Istanbul.
Bis zur Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink im Januar 2007 konnte sich Levi nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu leben. Seitdem hat sich einiges geändert. Es sind nicht einzelne Menschen, die den jüdischen Türken verzweifeln lassen, sondern die Staatsdoktrin und die damit einhergehende nationalistische Gesinnung. Manchmal überlege er, das Land zu verlassen, sagt er. »Für einen patriotischen Istanbuler wie mich ist das ein sehr bitterer Gedanke.«

mario levi: istanbul war ein märchen
Aus dem Türkischen von Barbara und Hüseyin Yurtdas, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 845 Seiten, 24,80 Euro

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