Fernsehserie „Holocaust“

Der Hingucker

von Christian Böhme

Germany’s Next Topmodel, Schlag den Raab und Deutschland sucht den Superstar: Das sind 2009 die Formate, die Fernseh‐Deutschlands Blut in Wallung bringen. Da fällt es ziemlich schwer, sich vorzustellen, ein simpel gestricktes TV‐Drama über die Schoa könnte eine ganze Nation in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzen. Doch vor 30 Jahren passierte genau das: mit Holocaust, einer amerikanischen Miniserie. Ihr gelang das, was ambitionierte Historiker, um Authentizität bemühte Dokumentationen und verordnete Gedenkfeiern nicht vermocht hatten: die Vernich‐ tung der Juden in deutsche Wohnzimmer zu bringen. Ein Volk sah nicht mehr weg, sondern hin.
Wer sich heute den Vierteiler mithilfe der jetzt endlich vorliegenden DVD‐Edition erneut zu Gemüte führt, ahnt, wie es zu diesem Erdbeben im politischen Bewusstsein der Deutschen kommen konnte. Der an vier Abenden Ende Januar 1979 in den Dritten Programmen ausgestrahlte Spielfilm setzt gnadenlos auf Gefühle. Einer Seifenoper gleich geht es in Holocaust um Gut und Böse, um Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, um Tod und Taten.
Filmkritiker haben dem siebenstündigen Werk deshalb vorgeworfen, es banalisiere das Morden und sei eine ästhetische Zumutung. Doch der triviale Zugang ist gerade die Stärke der Produktion von Marvin Chomsky. Denn die Geschichte der jüdischen Familie Weiss, ihr fast vollständiger Untergang durch Menschenhand, machte die abstrakte Größe von sechs Millionen Ermordeten zumindest andeutungsweise nachvollziehbar. Die unzähligen Namenlosen bekamen erstmals ein Gesicht – lange vor Steven Spielbergs Schindlers Liste. Betroffenheit bewirkte Empathie mit den Opfern. Das ist nicht zuletzt das Verdienst der Schauspieler (darunter James Woods, Meryl Streep und Michael Moriarty – siehe Illustration), die bis in die Nebenrollen hinein ihre Aufgabe beeindruckend meistern. Hinzu kommt ein für heutige Sehgewohnheiten ruhiges, ja betuliches Erzähltempo. Und es wird nicht versucht, allein auf die überwältigende Macht der Bilder zu setzen. Der Intensität des Dargestellten tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Gerade der Verzicht auf rührseligen Kitsch gibt der Serie eine Form von Glaubwürdigkeit.
Doch dass Holocaust zu einem Meilenstein in der Mediengeschichte und im öffentlichen Bewusstsein geworden ist, verdankt der Vierteiler vor allem einem dra‐ maturgischen Kniff, der noch heute seine Wirkung zeigt. Regisseur Chomsky erzählt die Geschichte des Genozids aus der Opfer‐ und der Täterperspektive. Da ist auf der einen Seite die Familie Weiss, die alle Stationen der Verfolgung durchleidet, bis hin zur „Endlösung“. Menschen, die in Gaskammern sterben – auch das war 1979 ein filmischer Tabubruch. Auf der anderen Seite die „arische“ Familie Dorf, Profiteure der Vernichtung. Erik Dorf, ein arbeitsloser Jurist, macht Karriere in der SS und wird als Bürokrat zum kaltherzigen Vollstrecker, der aus Überzeugung sogar im Erschießungsgraben von Babi Jar eigenhändig tötet.
Die Wirkung von Holocaust war so unvorhersehbar wie gewaltig. Die US‐Serie fegte deutsche Straßen leer. Die Einschaltquote erreichte bei der letzten Folge stolze 41 Prozent. Insgesamt sahen mehr als 20 Millionen Bundesdeutsche den Vierteiler. Und der wühlte sie auf. Das zeigte sich sowohl in den Diskussionsrunden, die die Ausstrahlung begleiteten, als auch in den zahlreichen Anrufen während und nach der Sendung. Mehr noch: Im Laufe der folgenden Wochen gingen bundesweit etwa 12.000 Zuschriften bei den Funkhäusern ein. Klar, viele schrien Zeter und Mordio. „Schlussstrich“ war ein gern und häufig gebrauchtes Wort. Dazu gab es immer wieder den Hinweis, „die andere Seite“ habe ebenfalls schlimme Verbrechen begangen. Oder es wurde in altbewährter antisemitischer Manier der Vorwurf erhoben, es handele sich um ein durch „jüdisches Kapital“ finanziertes propagandistisches Machwerk. Doch solche Stellungnahmen machten nicht die Mehrheit der Reaktionen aus. Die meisten Zuschauer fanden für Holocaust lobende Worte. So schrieb ein 26‐jähriger Wirtschaftsstudent: „Der Film hat fertiggebracht, was tausend Geschichtsbücher nicht fertiggebracht haben. Ein großer Teil der Bevölkerung setzt sich jetzt mit dem dunkelsten Punkt unserer jüngs‐ten Geschichte auseinander.“
In der Tat. Das Gesehene löste Zungen und ließ Hände zu Stiften greifen. Es begann, auch das hatte keiner voraussehen können, ein Gespräch zwischen den Generationen. Die braune Vergangenheit, sie war Alt und Jung ganz nahegekommen. Eine gesellschaftspolitische Zäsur in der Geschichte der Republik: Es wurde über die Schoa geredet, in aller Öffentlichkeit.

„Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiss“. 4 DVDs, Laufzeit 415 Minuten (Polyband)

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