Jahreswechsel

Der Himmel über Berlin

von Alice Lanzke

Bunte Discolichter tanzen über die niedri‐gen weißen Sofas des Clubs, durch die Fenster schaut man acht Stockwerke tief auf das nächtliche Berlin. Doch für die Aussicht über den Potsdamer Platz hat das Publikum des „40seconds“ an diesem Abend kaum einen Blick übrig. Ohne langes Aufwärmen drängt sich die feierwütige Menge auf der Tanzfläche, Arme werden zu pulsierenden Rhythmen in die Luft geworfen, immer wieder leuchtet ein Blitz auf, wenn noch ein Gruppenfoto zur Er‐innerung geschossen wird: Es ist der letzte Abend von „Just One Shabbat“, dem jährlichen Neujahrskongress des European Center for Jewish Students (ECJS). Mehrere hundert junge Juden aus 20 verschiedenen Ländern haben sich in den vergangenen vier Tagen in Berlin getroffen, ge‐
meinsam ein dichtes Programm erlebt und feiern nun dessen Abschluss. „Das Treffen nennt sich zwar Kongress, aber unter uns: Viele kommen, weil das Ganze auch eine Single‐Börse ist“, grinst Teilnehmer David, bevor er sich wieder in die tanzende Masse wirft, in der sich tatsächlich auch einige küssende Paare tummeln.
So möchte ECJS‐Geschäftsführer Zevi Ives die Veranstaltung aber nicht verstanden wissen: „Die Hauptthemen sind jüdischer Stolz und jüdische Kontinuität.“ Ständig klingelt sein Handy, immer wieder muss eine neue organisatorische Frage geklärt werden – kein Wunder bei Hunderten Gästen. „Unsere Veranstaltungen sind gerade für Juden aus Ländern mit kleinen Gemeinden eine einmalige Gelegenheit, andere Juden zu treffen“, schwärmt Ives. Niemand müsse sich hier verstecken, jeder könne offen mit seiner jüdischen Identität umgehen.
Gemeinsam mit sechs anderen Mitarbeitern der Brüsseler Zentrale und den ECJS‐Repräsentanten in Berlin hat er das Event drei Monate lang vorbereitet und ein abwechslungsreiches Programm erarbeitet: Neben einem großen Ball am 31. Dezember gehören dazu ebenso Stadtrundgänge, Besuche des Jüdischen Mu‐
seums und der Synagoge in der Rykestraße wie auch Diskussionsrunden. So spricht der Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal über die Finanzkrise aus jüdischer Sicht, während sich Rabbi Menachem Sebbag aus Amsterdam mit dem Thema „The Bible: Just Another Novel?“ beschäftigt. Auch der Schabbat mit dem Kiddusch ge‐
hört zum Programm.
Bei so vielen Aktivitäten bleiben Kon‐
traste nicht aus: So wird am zweiten Tag des Treffens nach der Tour „Jüdisches Berlin“ und einem heiteren Abendessen am koscheren Buffet des Hotels der Film „Ge‐
nozid“ des Simon‐Wiesenthal‐Centers ge‐
zeigt. Die eben noch ausgelassene Stimmung schlägt schlagartig um, je mehr die Dokumentation über den Holocaust er‐
zählt. Einige Zuschauer haben mit den Tränen zu kämpfen, als nach 90 Minuten das Licht im Saal wieder angeht. „Jetzt schnell das Gruppenfoto“, ruft Zevi Ives in das Mikrofon, „ihr müsst auch nicht lä‐
cheln.“ Dieser Wechsel ist für einige sichtlich zu abrupt, es dauert einige Minuten, bis sich alle für die Kamera aufgestellt haben. „Man kann die Kontraste nicht vermeiden“, erklärt Ives zu den gegensätzlichen Programmpunkten. Alles in allem habe das ECJS aber eine gute Balance zwischen ernsthaften und lockeren Aktivitäten geschaffen.
Für Eran aus Israel ist es jedenfalls die richtige Mischung. Der 29‐jährige Israeli ist bereits zum zweiten Mal bei einem ECJS‐Treffen dabei und lobt die Organisation: „Man bezahlt den Teilnahmebeitrag und muss sich um nichts mehr kümmern.“ Besonders gut habe ihm der Neujahrsball im Marriott‐Hotel gefallen, die Museumstour am Tag darauf war ihm allerdings ein wenig zu viel Kultur. Eran ist das erste Mal in Berlin: „Ich wollte schon immer mal hierherkommen.“ Bislang ist er von der Stadt begeistert, nur der Berliner Winter sei ein wenig hart.
Dabei überrascht die Wahl der Stadt doch ein wenig: Lange Zeit bildete Berlin die Mitte des jüdischen Europas, nach dem Holocaust aber war es für viele Juden un‐vorstellbar, die Stadt zu besuchen. „Wir haben Berlin ausgewählt, um ein Zeichen zu setzen“, sagt Zevi Ives dazu. Deutschland habe die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas, „wir wollten zeigen, dass es hier ein reiches jüdisches Leben gibt“. Au‐
ßerdem biete Berlin genug Möglichkeiten, um ein fünftägiges Programm zu füllen. Nichtsdestotrotz gab es in diesem Jahr we‐
niger Anmeldungen als sonst: „Wir führen das auch ein wenig darauf zurück, dass der Kongress eben in Berlin stattfand“, mut‐maßt die deutsche ECJS‐Repräsentantin Katharina Goos. Insgesamt sieht sie den Kongress als großen Erfolg: „Alle hatten viel Spaß.“ Einen Kritikpunkt hat Goos allerdings: „Von der jüdischen Gemeinde Berlin haben wir kaum Unterstützung be‐kommen.“ So hätten Teilnehmer aus der Ukraine Einladungen der Gemeinde für die Visa benötigt – das habe nur in zwei Fällen geklappt. „Das ist einfach schade“, bilanziert Goos.
Ebenso ungewöhnlich wie die Ortswahl ist auch der Flyer für das Neujahrstreffen: Er zeigt eine Uhr, die auf kurz vor zwölf steht, dazu Sektgläser und Luftschlangen – fast wie bei einer Einladung für eine Silvesterparty, nur dass im Judentum Silvester eigentlich nicht gefeiert wird. Angesprochen auf den zweideutigen Flyer sagt Ives: „Wir sind aufgeschlossen“, sagt er, „und wollen niemanden ausschließen.“ Der Neujahrswechsel biete sich einfach für ein Treffen an, da zu dieser Zeit viele Urlaub nehmen könnten: „Wir wollen den Menschen einfach eine Gelegenheit bieten, sich zu treffen.“ Also doch eine Single‐Börse? Statt einer Antwort zeigt Ives lachend auf die Überschrift des Flyers: „Just One Shabbat“.

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