beziehung

Der heilige Bund

Die Familie nimmt im Judentum zweifellos eine zentrale Position ein. Jungen Paaren wird vor der Hochzeit durch den Rabbiner und seine Frau ein spezieller Unterricht als Vorbereitung für das Familienleben angeboten, bei dem die Wichtigkeit der Ehe und des Zusammenlebens verdeutlicht wird. Der Frieden daheim, Schalom Bajit, wird dabei in den Vordergrund gestellt. So werden bestimmte Erleichterungen oder sogar Annullierungen mancher Gebote ermöglicht, wenn es dem häuslichen Frieden dient.
Als klassisches Beispiel dafür kann man ein Gesetz aus dem Schulchan Aruch nennen. Dort heißt es an zwei Stellen, in Hilchot Chanukka und in Hilchot Schabbat: Falls der Schabbat auf Chanukka fällt und man nicht genügend Kerzen für beide Gebote (Zünden der Chanukkalichter und der Schabbatkerzen) hat, geht das Gebot des Zündens der Schabbatkerzen vor. Warum? Wegen des häuslichen Friedens. Die Weisen erklären, dass durch das Licht der Kerzen, die von der Frau vor Schabbateingang gezündet werden, das Zimmer beleuchtet und eine gewisse Wärme in das Haus gebracht wird. Dies sorgt für Frieden in der Familie. Der Grund für das Zünden der Chanukkalichter ist hingegen das Verbreiten des Wunders, das für uns von G’tt gemacht wurde. Wir sollen damit Seinen Namen heiligen und ehren. Und wenn diese zwei Gründe aufeinander treffen, sagen uns die Weisen, hat der häusliche Frieden den absoluten Vorrang. Doch stellt sich die Frage nach dem Warum. Schließlich gehört das Verbreiten der Wunder G’ttes und das Heiligen Seines Namens zu den größten Geboten unserer Religion.
Die Gebote, die mit der Verkündung und Heiligung des G’ttesnamens verbunden sind, drücken unsere ganze Essenz aus. Der Allmächtige sagt in der Tora: »Ihr seid Meine Zeugen«. Wer sind die Zeugen und wann braucht man sie? Wenn bei einem Gerichtsverfahren etwas unklar ist. Dann werden Zeugen gerufen, um den Fall aufzuklären und der Welt von der Wahrheit zu berichten. Genau das ist auch unsere Aufgabe in dieser Welt: Aufzuklären und anhand unseres Beispiels zu zeigen, dass es einen G’tt gibt und Er alleine die Welt regiert. Das ist auch der Grund, warum die Gebote, die mit der Heiligung des Namen G’ttes zu tun haben, normalerweise den absoluten Vorrang genießen, und alles, was zur Entweihung des G’ttesnamens führen könnte, strengstens verboten ist.

zwei extreme Doch in unserem Fall ist es anders, der häusliche Frieden geht vor. Wieso? Eine mögliche Antwort darauf ist, dass eine glückliche und funktionierende Familie ohne Streit das größte Wunder und damit auch die größte Heiligung des G’ttesnamens darstellt. Bis vor Kurzem war es üblich, Mann und Frau als zwei vollkommen gleiche Menschen in verschiedenen Körpern zu betrachten. Doch durch viele Scheidungen und Familienkrisen in der säkularen Welt wurde die moderne Psychologie gezwungen, die Beziehung zwischen Mann und Frau neu zu überdenken. Dabei kamen die Psychologen zu einer neuen Theorie, die heute sehr populär ist: Danach sind Mann und Frau zwei vollkommen unterschiedliche Gestalten, die sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig von‐ einander unterscheiden. Es sind immer zwei Extreme, die aufeinandertreffen, die unterschiedlich gestaltet sind, anders denken und sogar verschiedene Sprachen sprechen, obwohl sie einen ähnlichen Wortschatz haben. Doch diese Denkweise wird schon seit Tausenden Jahren von der Tora und ihren Weisen vertreten. Und somit verstehen wir auch, von welchem Wunder die Rede ist. Denn wenn wir die Unterschiede zwischen Mann und Frau betrachten, können wir nur von einem Wunder sprechen, das ermöglicht, dass sie zusammenleben können.
Der Talmud erzählt uns, wie eine nichtjüdische Königin einen der Weisen verspotten wollte und ihn fragte, womit sich G’tt den ganzen Tag beschäftigt. Der Weise antwortete: »Er führt die Paare zusammen«. Die Königin meinte darauf, dass sogar sie in der Lage wäre, so eine leichte Aufgabe zu bewältigen und dass man dafür ganz gewiss keinen G’tt brauchen würde. Sie versammelte alle ihre Sklaven. Jedem Sklaven wurde ein Partner zugeteilt, und sie wurden miteinander verheiratet. Am nächsten Morgen waren die meisten ihrer Sklaven verletzt, einer hatte ein blaues Auge, der anderen einen kaputten Arm oder ein kaputtes Bein, viele kamen mit Platzwunden davon. In der Nacht hatte es kräftig gekracht. So begriff die Königin, welch eine Weisheit und Menschenkenntnis vorhanden sein muss, um zwei so unterschiedliche Wesen wie Mann und Frau zusammenführen zu können.

Zufall und Wunder Eine andere talmudische Stelle besagt, dass es genauso schwer ist, zwei Menschen zusammenzuführen, wie die Spaltung des Meeres gewesen ist. Doch was beinhaltet dieser Vergleich, wie kann für G’tt, der allmächtig ist, irgendetwas schwer vorkommen? Wenn man sich die Stelle in der Tora genauer anschaut, in der geschildert wird, wie das jüdische Volk durchs Rote Meer gegangen ist, wird deutlich: Das Meer wurde in Wirklichkeit nicht überquert, sondern das jüdische Volk ist auf derselben Seite wieder herausgekommen, an der es zuvor hineingegangen war. Ein Midrasch sagt, dass für jeden Stamm ein eigener Durchgang geschaffen wurde, somit waren es zwölf Durchgänge. Und da sie im Halbkreis gelaufen sind, mussten die Stämme, die außen liefen, eine größere Strecke zurücklegen als die anderen. Aber in Wirklichkeit spielt es keine Rolle, welche Strecke von wem im Meer zurückgelegt wurde, denn es war dasselbe Wunder für das ganze Volk. Das gilt ebenso für Paare.
Wir sind immer sehr begeistert, wenn wir Geschichten von Menschen hören, die lange Zeit ihre zweite Hälfte nicht finden konnten. Zum Beispiel von einem, der seinen Flug verpasste und gezwungen war, den Schabbat an einem Ort zu verbringen, an dem er von einer ihm unbekannten Familie zum Essen eingeladen wurde und dort auf wunderbare Weise seine zweite Hälfte traf, die ebenfalls durch einen »Zufall« dorthin gelangte. In solchen Geschichten erkennen wir die Wunder G’ttes, denn es sind einfach zu viele »Zufälle«, die zusammenkommen. Wobei die »gewöhnlichen« Lebensgeschichten von uns vernachlässigt werden, weil wir so sehr daran gewohnt sind, sie zu hören. Doch in Wirk‐ lichkeit ist es dasselbe Wunder, wenn man jemanden in einem bestimmten Land bei einer Schabbatmahlzeit trifft, wie wenn man sein ganzes Leben lang die Person kannte, weil sie im Haus nebenan gewohnt hat. Und das ist die Gemeinsamkeit mit der Spaltung des Meeres. Denn so wie es dort absolut keinen Unterschied machte, wie lange der Weg jedes einzelnen Stammes war, so irrelevant ist auch die Strecke, die zwei Menschen zurücklegen, um sich zu finden. Denn wenn man die Unterschiede in ihrer Essenz betrachtet, ist allein die Tatsache, dass sie überhaupt zusammengekommen sind, und dann auch noch gemeinsam funktionieren, das größte Wun‐
der, das man sich vorstellen kann.
Somit können wir jetzt das Gesetz besser verstehen, warum die Schabbatkerzen vor den Chanukkalichtern den Vorrang haben. Und wir können auch die Bedeutung einer Ehe besser verstehen. Denn jede funktionierende Ehe ist ein eigenständiges Wunder und absolut keine Selbstverständlichkeit, wie uns auch die Scheidungsstatistiken zeigen. Und jede glückliche Ehe ist die Heiligung des Namens G’ttes, denn Er alleine ist in der Lage, so ein Wunder vollbringen zu können.

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