David Ben Gurion

Der gute König

von Arthur Cohn

Keiner hat die einzige Demokratie im Nahen Osten stärker geprägt als David Ben Gurion. Arthur Cohn war vor Beginn seiner erfolgreichen Karriere als Filmproduzent drei Jahre lang als Reporter des Schweizer Radios im Nahen Osten tätig. Zu den ersten Höhepunkten in seiner jungen Journalisten‐Karriere zählten Begegnungen mit Israels erstem Premier.

Ben Gurions Privatbüro im ersten Stock seines Hauses war ein mittelgroßer Raum mit Landkarten an allen vier Wänden. Die Karte hinter seinem Schreibtisch war sehr groß und zeigte die arabischen Länder in roter Farbe, den Rest der Welt in gelb und Israel als einen dunkelblauen Fleck, der so klein war, dass man ihn kaum sah. »Diese Karte erinnert mich jeden Tag daran, wie klein wir sind«, sagte Ben Gurion bestimmt.
Die Bibliothek in seinem Zimmer zeichnete ein klares Bild der Persönlichkeit des Ministerpräsidenten. Neben einem Regal mit seinen eigenen literarischen Werken befanden sich Bücher in einem halben Dutzend Sprachen, die von weitgespannten Interessen zeugten. Ben Gurion wusste sich durch Aneignung immer weiterer Wissensgebiete geistig jung und anderen überlegen zu halten. Neben sieben Sprachen, die er beherrschte, und neben tiefgründigen Kenntnissen auf dem Gebiet der Bibelwissenschaften wandte er sich, schon 50‐jährig, dem Studium des Altgriechischen zu und vertiefte sich in das Wesen der griechischen Philosophie, vornehmlich des Philosophen Plato. Nach Gründung des israelischen Staates begann er sich vorwiegend mit asiatischer Mystik und den Lehren Buddhas zu befassen. Betrachter zeitgenössischer Geschichte stellten eine auffallende Ähnlichkeit zwischen Ben Gurion und U Nu fest, dem Künder sozialer Neuerungen und langjährigem Ministerpräsidenten Burmas.
Jeden Samstagabend fand im Hause von Ben Gurion ein Bibelkurs statt, an dem nur ein kleiner Kreis geistig anspruchsvoller Menschen teilnahm. Jede Woche trug dabei ein anderer Teilnehmer den Text vor und brachte dazu alle ihm zugänglichen Erklärungen. Da dieser Kurs auf einem außerordentlich hohen Niveau stand, bedurfte es hierzu einer Vorbereitung von vielen Tagen. Oft war es Ben Gurion selbst, der den Kurs leitete, nachdem er sich lange intensiv mit der Materie befasst hatte. Das Bibelstudium beeinflusste Ben Gurions Denken stark. So sagte er über die Zukunft von Israels Kultur: »Die Zivilisation Israels muss auf zwei Grundlagen gestützt werden: Auf die weite Vergangenheit, die Bibel, welche uns sagt, wie Dinge eingeschätzt werden müssen, und die uns die wahren Werte vermittelt. Und auf die moderne Wissenschaft, die uns das ›Know‐how‹ lehrt.«
Für Historiker wird Ben Gurion nicht als Philosoph in die Geschichte eingehen, da er keine systematischen Schriften hinterließ. Das bleibende Verdienst dieses kleingewachsenen dynamischen Mannes mit wildem weißen Haar lag auf militärischem Gebiet. Wie immer man zu seinem politischen Weg stehen mag: Die militärische Meisterung von sieben (damals von England unterstützten) arabischen Staaten ebenso wie der militärisch vorbildliche Blitzfeldzug im Sinai werden mit dem Namen Ben Gurion verbunden bleiben. Mit der ihm eigenen Zähigkeit hat er es fertig‐ gebracht, eine Armee aufzubauen, die, sich auf keinerlei Tradition stützend, zum wirksamen Schmelztiegel für die Einwanderer verschiedenster Herkunft geworden ist. Eine Armee, in der die links‐sozialistischen Kämpfer der Palmach und die Rechtsgruppierung Irgun Zwai Leumi ihre Identität aufgaben, um sich, ebenso wie die Hagana, dem Staatskommando zu unterstellen. Das war nicht einfach, denn jede politische Gruppe hätte gerne den Rahmen ihrer Kampfgruppe beibehalten. Aber Ben Gurion sah, dass mit der Einheit der Armee die Einheit des Staates steht und fällt.
Ben Gurion war dem Denken seines Volkes damals oft voraus. Als einer der Ersten begann er, Hebräisch zu sprechen. Als der Begriff der Selbstverteidigung noch ein Fremdwort war, führte er ihn in das Leben Israels ein. Nach dem Sechstagekrieg sagte er kategorisch, in der West Bank müsse man für wahren Frieden große Konzessionen machen, aber auf die Golan‐Hügel und auf Jerusalem könne man auf keinen Fall verzichten.
Ben Gurion hatte wenig Respekt vor Experten, obwohl er solche beschäftigte. »Experten kennen die Fakten«, sagte er mir, »aber sie täuschen sich oft in deren Bewertung. Wenn ein Experte sagt, dass etwas unmöglich ist, dann heißt das meistens nur, dass er keinen Rat weiß. Sobald ein Experte das Wort ›unmöglich‹ benutzt, ist es Zeit, einen neuen Experten zu suchen.«
Es zählte zur besonderen Stärke von Ben Gurion, dass er es verstand, seine Begeisterung – auch für »unmögliche Dinge« – auf andere zu übertragen. Wenn er zum ersten Mal etwas sagte, klang es oft fantastisch oder unannehmbar. Denken wir nur an die unbeschränkte Masseneinwanderung nach Israel trotz wirtschaftlicher Belastung. Oder die zunächst unrentable Erschließung der Negev‐Wüste und des Hafens Eilat am Roten Meer und die international angefochtene Proklamation Jerusalems zur Hauptstadt Israels! Aber nach einigen Wochen oder Monaten fragten die Leute bereits: »Warum eigentlich nicht?«, und schon war ein Vorhaben von Ben Gurion selbstverständliches Allgemeingut geworden.
Ben Gurion hatte, alle Gebiete umfassend, eine wohldurchdachte Gesamtkonzeption davon, wie er sich die Entwicklung seines Staates vorstellte. Darum er‐ wartete jeder von ihm klaren Bescheid auch in nebensächlichsten Fragen. Andererseits hatte er sich solchermaßen mit keinem eigentlichen Gegenspieler auseinanderzusetzen. Ben Gurion war in Israel praktisch allmächtig, und es verdient umso stärkere Betonung, dass er keinerlei private Vorteile aus seiner unangefochtenen Stellung zog und persönlich unantastbar sauber dastand.
Allerdings büßte der israelische Premier an Ansehen dadurch ein, dass er sich manchmal dazu verleiten ließ, Fehler von Parteigenossen zu decken. Es fehlte Ben Gurion an diplomatischem Fingerspitzengefühl in kleinen Affären. Gegen seine Opposition konnte er polemisch und kleinlich auftreten. Dennoch wurde Ben Gurions Ideenreichtum von seinen Gegnern ebenso bewundert wie sein Mut zu großen Entscheidungen. Die größte war die Proklamation des Staates Israel, wobei nie vergessen werden darf, dass die arabischen Staaten mit einem Überfall auf den kleinen, neugegründeten Staat drohten und diese Drohung auch konkret verwirklicht haben.
Je älter er wurde, desto mehr verkörperte Ben Gurion die Gedanken und Träume der neuen Generation in Israel. Er war unter den israelischen Führern der älteren Generation einer der wenigen, der Kontakt zur Jugend hatte und ihre Sorgen verstand. Er wählte nur junge Leute in seinen persönlichen Stab.
»Das Einzige, was unersetzlich ist, ist die Zeit«, erklärte er mir – und seine Arbeitszeit kannte wirklich keine Grenzen. Dass sich Ben Gurion dennoch körperlich so frisch halten konnte, führte er selbst auf ein Yoga‐ähnliches Training zurück, das er jahrelang praktizierte: Jeden Morgen entspannte sich der »Alte« in eiserner Selbstdisziplin minutenlang auf dem Kopf stehend und durch lange Spaziergänge.
Erho‐ lung fand Ben Gurion auch in der landwirtschaftlichen Siedlung Sde Boker mitten in der Wüste, wo er meist das Wochenende verbrachte, Schafe weidete und auch bei der Schur mittat. »Nach meiner Meinung ist die wertvollste Tätigkeit für den Menschen diejenige, die sich in der Natur abspielt«, dozierte er. »Je mehr ein Mensch fähig ist, sich vom gekünstelten Leben der modernen Zivilisation zurückzuziehen, desto mehr wird er dazu reif, die Wahrheit über seine Existenz und über den Sinn des Lebens zu erfassen.« Wer David Ben Gurion aufsuchte, mochte bisweilen einen müden Mann vorfinden, dem trotz weltpolitischer Erfolge Enttäuschungen nicht erspart blieben. Stellte man aber eine Frage über die Zukunft, so leuchteten seine Augen auf, und seine Stimme wurde feurig. Wenn er über die Zukunft sprach, dachte Ben Gurion nicht nur an die Rolle Israels bei der Kultivierung von Wüsten und bei der Wiedererrichtung einer alten Kultur im Mittleren Osten, sondern er sah Asien und Afrika als dynamische Zentren der Welt. Eine Sorge aber beschäftigte Ben Gurion über alles: dass der Staat Israel Selbstzweck werden könne: »Ein Volk ohne Vision muss zugrunde gehen.«

Der Autor ist unabhängiger Filmproduzent. Zu seinen Arbeiten gehören unter anderem »Die Gärten der Finzi‐Contini«, »Central Station« und der mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm »Ein Tag im September«.

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