Heuchelei

Der größte Feind

von Rabbiner Berel Wein

Eine der schlimmsten Übeltaten in den Augen der Öffentlichkeit ist das Verhalten von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, das, gemessen an ihren vorherigen Stellungnahmen und Ankündigungen, ganz offenkundig verlogen ist. Die Überzeugung, dass Heuchelei eine Art Verbrechen ist, wird durch die unvernünftig hohen Erwartungen, die wir in unsere poli-
tischen und gesellschaftlichen Führer setzen, verstärkt.
Menschen sind Menschen, mit all ihren Schwächen und leicht verführbar – und Menschen, die hohe Ämter bekleiden, sind auch nur Menschen. Das heißt nicht, dass man jedwedes illegale oder amoralische Treiben stillschweigend dulden sollte. Doch gerade die Tatsache, dass sich Leute in Machtpositionen in ihren öffentlichen Erklärungen in eine solche Aura von Selbstlosigkeit hüllen, macht sie so an-
greifbar und die Auswirkungen ihrer Heuchelei – die sich nach den vollmundigen Äußerungen und Schwüren beinahe immer einstellen – so verheerend.
Ich war stets der Überzeugung, dass die Größe von Winston Churchill, der während des Zweiten Weltkrieges die Geschi-cke Großbritanniens lenkte, auch in seiner Zurückweisung von großartigen Versprechungen begründet lag, und dass er es ab-
lehnte, simple Lösungen zu propagieren. Er versprach dem britischen Volk »Blut, Schweiß und Tränen«, in der Hoffnung, dass es am Ende den Sieg davontragen würde. Dieses Versprechen erfüllte sich in jeder Hinsicht. Es gab keine frechen Behauptungen, uralte Streitigkeiten könnten innerhalb von ein paar Monaten gelöst werden. Keine dreisten Schwüre, der Sieg könne umgehend errungen werden. Churchill blickte den zutage liegenden Fakten ins Auge. So konnte er der Pest der Heuchelei entrinnen, an der so viele unserer Führer in Gesellschaft, Militär und Diplomatie erkranken.
Je größer die Versprechen, je aufsehenerregender die Voraussagen, umso größer die Kosten, die die Entlarvung der Heuchelei einem Gemeinwesen abverlangt.
Heuchelei ist der größte Feind religiöser Autoritäten. Gestrauchelte Kleriker ge-
hören zu dem Stoff, aus dem bereits die Mythen gestrickt wurden, nicht zu reden von populärer Literatur und Enthüllungsjournalismus.
Aufgrund ihrer oft selbstgerechten Haltung und ihrer Neigung, all jene scharf zu kritisieren, deren Verhalten, politische Überzeugungen oder auch nur Gedanken und Einstellungen in ihren Augen zu wünschen übrig lassen, sind Kleriker ganz besonders anfällig.
Wenn daher ihre eigenen Verfehlungen entlarvt werden, kommen nicht nur sie selbst zu Fall – der Glaube, den sie vertreten, wird gemeinsam mit ihnen in den Schmutz gezogen. Die in gewissen religiösen Kreisen und in der Gesellschaft vorherrschende Neigung, ihre Führungsgestalten zu glorifizieren, und zwar in einem Ausmaß, das diesen Leuten Übermenschliches abverlangt, setzt sie umso mehr der Gefahr aus, der Heuchelei bezichtigt zu werden. Der Talmud hält fest, wie der hasmonäische König Alexander Yannai seinen Sohn vor denjenigen warnte, die »sich wie Zimri benehmen, aber erwarten, wie Pinchas belohnt zu werden«. Heuchelei galt als größere Sünde im öffentlichen Leben als Sadduzäer zu sein.
Denn Heuchelei, die entlarvt wird, lässt den ganzen Bau an Idealismus und Moral einstürzen, den dieser neu entdeckte Heuchler einst errichtete. Religiöse Führer müssen nicht nur in ihrem Privatleben vorsichtig sein – denn wir leben in Zeiten, in denen alles Private irgendwann zum Gegenstand öffentlicher Debatten wird –, sondern sollten sich auch in ihren öffentlichen Bekundungen zu Fragen der Moral und menschlichen Verhaltensmustern je-
des Wort genau überlegen.
Der Talmud ermahnt die Weisen Isra-els, ihre Worte besonnen und umsichtig zu wählen, wenn sie sich öffentlich äußern. Übertreibung führt zu Entlarvung. Menschen zu Idolen zu machen, ganz gleich, wie würdig und heilig sie sein mögen – und noch weilen solche Menschen, Gott sei Dank, unter uns –, ist gefährlich und verstößt gegen die Grundsätze der Tora. Und die Gefahr der Heuchelei steigt auf Alarmstufe rot.
Als in jüngster Zeit Politiker in den Vereinigten Staaten in der Öffentlichkeit in Ungnade fielen und wegen ihres unmoralischen Verhaltens ihres Amts verlustig gingen, wurde ihr Sturz durch die Tatsache beschleunigt, dass sie sich in ihrer Selbstdarstellung als kämpferische Anwälte für Familienwerte, für ethische Standards in Geschäften und für Ehrlichkeit in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens stilisierten.
Gerade weil sie die Messlatte so hoch legten, stürzten sie umso tiefer, als ihre ei-
genen Verfehlungen bekannt wurden. Nichts liebt die Öffentlichkeit mehr, als einen Heuchler zu bestrafen und den Ballon aus aufgeblasener Selbstgerechtigkeit und persönlicher Unfehlbarkeit platzen zu sehen.
Die Tora lehrt uns, dass es perfekte Menschen nicht gibt. Selbst die Gerechten haben Schwächen und begehen Sünden. Diese Erkenntnis sollte in allen Menschen das Gefühl der Bescheidenheit wecken, ganz besonders aber in denjenigen, die führende und einflussreiche Stellungen innehaben.
Arroganz führt zu unhaltbaren Behauptungen, zu Übertreibungen und vorschnellen Urteilen. Und zu der Bereitschaft, große Risiken einzugehen. Es steht geschrieben, dass der Gaon von Wilna voraussagte, spätere Generationen würden sich von der äußeren Erscheinung und von Posen leiten lassen, nicht vom wahren inneren Glauben und lauteren Beweggründen.
Je größer die Betonung auf Äußerlichkeiten, desto wahrscheinlicher ist es, dass irgendwann der Vorwurf der Heuchelei erhoben wird. Es ist möglich, sich von Fehlern, Ausrutschern und Dummheiten zu erholen. Doch ist es für eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, ganz gleich wo, beinahe unmöglich, sich vom Vorwurf der Heuchelei zu erholen, die ihm oder ihr nachgewiesen wurde.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von www.rabbiwein.com

Rubrik

Zitat der Woche

Jüdische Allgemeine vom 26. September 2019

 10.10.2019

Grossbritannien

Der Mops, die rechte Pfote und der Hitlergruß

Jüdischer Verband kritisiert BBC: Sender zeigt Film über verurteilten Schotten und dessen umstrittenen Hund Buddha

 05.08.2019

Pferdesport

Israelin Dani G. Waldman siegt vor Ludger Beerbaum

Bei der dritten Auflage des Fünf-Sterne-Reitturniers in Berlin gewinnt die für Israel startende Amerikanerin 

 27.07.2019

Milton Glaser

Er liebt New York

Der US-Designer feierte seinen 90. Geburtstag

von Christina Horsten  26.06.2019

Frankfurt

»Emotionaler Anker«

Die Bildungsabteilung im Zentralrat veranstaltet eine Tagung zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung

von Eugen El  06.06.2019

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019