Stuttgart

Der Firmenchef

Macher, Organisator, Boss, Herr. Auf Henry Ehrenberg sel.A. treffen viele Bezeichnungen zu. Und viel hat er auch in seinem Le‐
ben erreicht. Am 14. August ist der Knittlinger Unternehmer 92‐jährig verstorben. Er hinterlässt vier Kinder und Ehefrau Lea, mit der er 61 Jahre verheiratet war. Und ein großes Firmenunternehmen, das er sich nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager im thüringischen Ohrdruf nahe Gotha 1945 Stück für Stück aufgebaut hat.
Doch bis es soweit war, hatte der 1917 in Opatov, Polen, geborene kleine, kompakte Mann viel ertragen müssen. Bis Kriegsbeginn konnte das vierte Kind einer jüdischen Familie noch die Chemische Ingenieurschule am Polytechnikum in War‐
schau besuchen. Dann setzte die Verfolgung ein: Arbeitslager, Ghettos und das Konzentrationslager Auschwitz überlebte er. Aus Ohrdruf gelang ihm kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs mit Unterstützung von Partisanen die Flucht. Von seiner Familie überlebten nur er und eine Schwester.
Seine Zielstrebigkeit verhalf ihm schon bald zu beruflichen Erfolgen. Bereits im August 1945 erhielt der damals 28‐Jährige von der amerikanischen Militärregierung die Verantwortung für zwei metallverarbeitende Betriebe nahe Stuttgart. In Knittlingen begann seine eigentliche Karriere mit einem kleinen Ingenieurbüro. Die Firma, die sich auf die Herstellung von Molkereiarmaturen spezialisierte: Neumo – Neue Molkerei Technik – wuchs schnell.
Heute hat das Unternehmen, um das sich Ehrenberg noch bis vor wenigen Mo‐
naten kümmerte, Tochtergesellschaften sowie Partner in Dänemark, Norwegen, Israel bis nach Japan mit einem Jahresumsatz von 600 Millionen Euro. »Senator Ehrenberg sel. A. hat nicht nur, wie viele andere, sein Vermögen vergrößert, sondern war sich der Tatsache bewusst, wie es die jüdische Ethik und das Grundgesetz bestimmt: ›Eigentum verpflichtet‹«, so Tenné, der ihm im Ehrenamt des Vorstandssprechers der Israelitischen Religi‐
onsgemeinschaft Württembergs 1991 folgte. Ehrenberg war für die jüdische Gemeinde ein großer SteuerzahlStuttgarter und spendete für wissenschaftliche Forschungen an der Universität Tübingen, stellte Verbindungen zwischen deutschen und israelischen Universitäten her, war im Vorstand von gemeinnützigen Einrichtungen wie dem Keren Hayesod und dem Nationalfonds.
Wie in seiner Firma, so war der Ehrensenator der Universität Tübingen auch in der jüdischen Gemeinde der Boss. »Was er sagte, war quasi Gesetz«, erzählt Tenné und bekennt, dass er nicht immer mit ihm ei‐
ner Meinung war. Doch »guten Argumenten« sei der durchsetzungsstarke Ehrenberg stets offen gewesen. »In der Sache haben wir hart diskutiert, aber er konnte auch einlenken, wenn er sah, dass andere die besseren Ideen hatten«, sagt Tenné.
Ehrenbergs Menschenkenntnis war le‐
gendär, ob es um die Firma ging oder um die Gemeinde. Er baute sich stets ein schlagkräftiges Team auf und konnte so viele Pläne verwirklichen. Für seine Armaturen und Speziallegierungen für rost‐ und korrosionsfreie Rohre erhielt der Unternehmer viele Patente. Der Platz vor dem Knittlinger Firmengelände heißt seit zehn Jahren Henry‐Ehrenberg‐Platz. Der jüdische Kindergarten ist nach seiner Frau Lea und ihm benannt.
Ehrenberg war im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Kuratorium der Hochschule für Jüdischen Studien Heidelberg und der Tel Aviver Uni‐
versität. 1987 erhielt er für seine Versöhnungsarbeit zwischen Deutschland und Israel das Große Verdienstkreuz am Bande.
Am Schabbat Reeh starb Hernry Ehrenberg. Am Montag darauf nahm die Ge‐
meinde Abschied von ihm. Sein Sarg wurde nach Israel überführt, wo seine Töchter und ein Sohn leben. Heide Sobotka

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