Louis Begley

Der diskrete Beobachter

von Vera von Wolffersdorff

Louis Begley sieht so aus, als sei er gerade in New York aus dem Taxi gestiegen. Ein Gentleman wie aus dem Bilderbuch. Seine Gesichtszüge sind fein geschnitten, ein blau gemustertes Einstecktuch lugt aus der Tasche seines ebenfalls blauen Jackets hervor, darunter trägt er einen einfachen grauen Rolli. Begley setzt sich in einen Sessel in der Hotellobby, bestellt Kaffee und Mineralwasser. Er spricht leise, beobachtet lieber als sich in Szene zu setzen. Wenn ihn etwas amüsiert, schnellen seine Mundwinkel zu einem breiten, spitzbübischen Grinsen nach oben. Mit der Tasse Kaffee in den Händen, lehnt er sich zurück und schlägt ein Bein über das andere. Gelassen sieht er aus, entspannt und dabei hochkonzentriert. Nur die Stimme klingt ein wenig heiser. An diesem frühen Sonntagabend beginnt Begleys Lesereise durch Deutschland. Er wird Passagen aus seinem neuen Buch Ehrensachen vortragen. Die Auftaktveranstaltung findet im Münchner Literaturhaus statt. Louis Begleys erste Worte an das Publikum: »Danke, dass Sie diesen wunderschönen Abend drinnen verbringen möchten.« Koketterie? Es macht den Eindruck, als sei es dem 73-jährigen, weltweit bekannten Autor selbst ein wenig schwer gefallen, die erste Frühlingssonne und den makellos blauen Himmel vor der Tür zu lassen.
In Ehrensachen schildert Begley das Leben dreier Männer, die in den 1950er Jahren als Studenten in Harvard erstmals aufeinandertreffen. Einer von ihnen, Henry, ist Jude. Eine Parallele zu Begleys eigener Biografie? Der Schriftsteller sieht das gar nicht so. »Es geht um einen jungen Mann und dessen Schwierigkeiten, seine Identität zu finden. Es ist seine ganz persönliche, individuelle Geschichte.« Und die unterscheide sich selbstverständlich von sei- nem Leben. Auch die Vermutung, der Roman sei eine Fortsetzung seines 1991 erschienenen Bestsellers Lügen in Zeiten des Krieges, weist er entschieden von sich. In seinem Erstlingswerk, das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, erzählt Begley von der Flucht eines kleinen Jungen und seiner Mutter aus dem östlichen Teil Polens, die dank falscher Papiere ihre jüdische Identität verbergen, mit viel Glück den Nazis entkommen und nach New York auswandern können. Begley selbst hat ein ganz ähnliches Schicksal. In Galizien geboren, floh er als Junge mit seiner Mutter nach Warschau. Das Kriegsende erlebten beide in Krakau, wo sie Begleys Vater, einen Arzt, den die russische Armee eingezogen hatte, wieder trafen. 1947 landete die Familie in New York.
Begley weiß, wie stark Leser und Kritiker die Frage nach dem autobiografischen Gehalt seiner Bücher umtreibt. Ihm selbst liegt wenig daran, er hält sie für unbedeutend. Bei der Podiumsdiskussion, die sich an die Lesung anschließt, zählt der Autor ein wenig müde die zahllosen Unterschiede auf, die ihn von seiner neuen Romanfigur trennen. »Im Übrigen, die Selbstfindungsprobleme von Henrys Zimmerge- nossen Sam, aus dessen Perspektive der Roman geschrieben ist, sind ganz ähnlich – nur kann er sie nicht auf seine jüdische Identität schieben.« Warum er Sam als Erzähler gewählt hat? »Nun, Sam wird später Schriftsteller, und das hat mir erlaubt, einige sehr persönliche Witze über Romanautoren zu machen.« Begleys Mund verzieht sich zu einem schelmischen Grinsen.
Ein paar Stunden zuvor, in der Hotel-lobby, hatte er über seine Sichtweise jüdischer Identität gesprochen. Ob er sich selbst als Jude sieht? »Ich bin zu 100 Prozent jüdisch«, sagt er ohne Zögern. »Jüdische Identität besteht ganz einfach darin, als Jude geboren zu sein. Von diesem Moment an hat man seine Identität, und die verliert man erst, wenn man stirbt. Vielleicht geht sie sogar darüber hinaus.« Er lächelt kurz. »Ich nehme an, abgesehen von der Tatsache, dass man Jude durch Geburt ist, besteht jüdische Identität aus zwei Elementen. Eines davon ist die Ablehnung, die Völker, das beginnt schon bei Hethitern und Kanaanitern im Alten Testament und hält bis heute an, Juden gegenüber gezeigt haben. Man wird als Jude durch Antisemitismus definiert. Das ist der negative Aspekt. Ich habe mich oft gefragt, ob es irgendeinen Ort oder irgendeine Gruppe von Menschen auf der Welt gibt, die Juden mögen. Mir ist noch niemand eingefallen. Der zweite Aspekt ist positiv: Für Gläubige bedeutet die jüdische Identität in erster Linie die jüdische Religion, nehme ich an, der Glaube an den einen Gott.«
Und was ist mit Deutschland. Begleys früheste Erinnerung stammt aus Kriegszeiten. »Mein erster Eindruck von Deutschen war, dass sie versuchten, mich in Polen zu töten.« Er sagt es mit Gleichmut in der Stimme. Umso sarkastischer klingen die Sätze, die dann kommen: »Nach dem Krieg hörten sie damit auf. Ich bin mir nicht sicher, ob sie tatsächlich aufhören wollten, mich umzubringen. Aber sie unternahmen zumindest keine aktiven Schritte mehr in dieser Richtung.« Lakonisch sagt er das, die Formulierung reizt zum Lachen. Gerade das macht den abgründigen Schrecken des Gesagten aus. Es ist seine Kunst als Schriftsteller, mit wenigen Worten den Finger in die Wunde zu legen.
Louis Begley nippt an seinem Kaffee. »Den nächsten Eindruck von Deutschland bekam ich, als ich 1955 als amerikanischer Soldat nach Deutschland kam. Ich war in Göppingen stationiert und besuchte an Wochenenden hin und wieder München. Deutschland war ein unbehaglicher Ort: Ruinen überall, deprimierte und schlecht gekleidete Menschen, offenkundiger wirtschaftlicher Niedergang. Die Haltung der Deutschen, die ich damals traf, war so, dass sie quasi um Vergebung dafür baten, dass sie Deutsche waren. Ich band ihnen nicht gerade auf die Nase, dass ich Jude oder Pole war und dass ich den Krieg in Polen verbracht hatte.« Begley spricht in wohl gesetzten Worten von jenen Tagen, die schon so lange zurückliegen. Die hilflosen Versuche einiger seiner damaligen Bekannten, sich vor ihm, dem amerikanischen GI, in ein besseres Licht zu rücken, enttarnte Begley schnell als vergebliche Mühen. »Viele Deutsche erzählten mir, sobald man sich ein bisschen besser kennengelernt hatte, dass sie während des Krieges an der Ostfront gedient hatten. Das sollte dann meist unterstreichen, dass sie keine amerikanischen Soldaten, wie ich für sie einer war, getötet hatten. Sie betrachteten mich als Amerikaner. Natürlich wussten sie nicht, dass ihr ›Dienst‹ an der Ostfront für mich etwas völlig anderes bedeutete.«
Dennoch versuchte Begley schon damals zu differenzieren. Manchmal traf er junge Leute, die sich wie er für Musik oder fürs Schreiben interessierten. Zwischen ihnen und den älteren Menschen, die Verantwortung trugen für das, was im Dritten Reich geschehen war, wollte er unterscheiden. »Ich machte mir aber auch nicht ständig allzu viele Gedanken darum, ich hatte anderes zu tun.«
Zurück in den USA studierte Begley Jura und machte als Anwalt in New York Karriere. Es dauerte fast dreißig Jahre, bis er das nächste Mal nach Deutschland reiste. In den achtziger Jahren war Begley dann als Anwalt beruflich einige Male in Düsseldorf und Köln. »Ich war älter, reflektierter und beobachtete genauer als früher. Mir wurde klar, dass ich die Deutschen, die alt genug waren, um mich in Polen verfolgt zu haben, nicht ertragen konnte. Ich konnte sie einfach nicht ausstehen.« Aber die Leute, mit denen er beruflich zu tun hatte, waren oft in seinem Alter, und er bemerkte, dass er seine feindseligen Gefühle nicht auf sie übertragen konnte. »Sie waren zu jung, um dabei gewesen zu sein.«
Diese Erfahrung wiederholte sich, als er später als Schriftsteller nach Deutschland zurückkehrte. »Im Herbst 1994 kam ich wieder hierher. Das war eine andere Welt. Ich war inzwischen ein ziemlich alter Mann, und es war, als wäre ein großer Stein von meinem Herzen gefallen, weil ich mich nicht mehr so fühlen musste wie in der Höhle des Löwen. Ich traf auf Menschen, die ich mochte, wenn sie liebenswert waren und nicht mochte, wenn sie mir unsympathisch waren.« Über diese Normalität ist Begley heute froh.
Dennoch befremdet ihn manche deutsche Eigenart. Zum Beispiel das Universitätsleben. Vergangenen November hielt Begley im Rahmen einer Poetik-Dozentur Vorlesungen an der Hochschule in Heidelberg. »Ich ging aufs Podium, redete 45 Minuten und verließ den Raum.« Ihn irritierte, dass es nach der Vorlesung den Studenten nicht möglich war, Fragen zu stellen. »No questions, no answers«. Von ei- nem Studentenleben, wie er es aus den USA kennt – keine Spur. Es gibt keinen Campus, die Studenten leben in der ganzen Stadt verstreut. Nein, ein Roman wie Ehrensachen sei hierzulande undenkbar. »Alles, was ich von deutschen Studenten sah, waren ein paar junge Gesichter. Die Menschen, mit denen ich in Kontakt kam, waren Fakultätsmitarbeiter.«
Anfang 2004 ging Begley als Anwalt in den Ruhestand. Zuvor hatte er nur an Wochenenden und in den Ferien geschrieben, heute kann er frei über seine Zeit verfügen. Gibt es etwas, das beiden Berufen, einem Anwalt und einem Schriftsteller, gemeinsam ist? Begley überlegt kurz. Als Schriftsteller will er Menschen von der Glaubwürdigkeit der Realität, die er in seinen Büchern schafft, überzeugen. Als Anwalt war er darauf aus, die Interessen seiner Klienten durchzusetzen. »Das ist etwas völlig anderes. Aber es ist in beiden Berufen wichtig, ein sehr guter Zuhörer zu sein und genau zu beobachten. Und natürlich schreiben Anwälte viel, genau wie Schriftsteller. Dabei geht es darum, so zu schreiben, dass andere, wenn sie es lesen, genau das verstehen, was man selbst sagen wollte. Man muss also gut formulieren.«
Was fasziniert ihn am Schreiben? Begley atmet tief aus. »Ich denke, es ist eine Art, etwas von sich selbst herauszulassen, Dinge, von denen man nicht wusste, dass sie in einem stecken.« Er überlegt kurz »Es erfrischt mich. Man lernt etwas in sich kennen, von dem man nicht wusste, dass es das in einem gibt. Etwas, das nicht dasselbe langweilige Ich ist, mit dem man schon sein ganzes Leben verbracht hat.«

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