São Paulo

Der Büchermogul

von Carl D. Goerdeler

Pedro Herz, 67, liest gerade ein Buch. Das macht er ja immer, wenn er nicht gerade eins verkauft. Hätte er die Wahl, mit drei Büchern auf eine einsame Insel zu fahren, welche nähme er mit? „Natürlich solche, die ich noch nicht kenne“, antwortet er diplomatisch. Und wenn es mehr als drei sein dürften? „Einen ganzen Kilometer!“
Solche Kilometer schlängeln sich durch seine „Livraria Cultura“ im Conjunto Nacional an der Avenida Paulista in São Paulo. Es ist die größte Buchhandlung südlich des Äquators, und Pedro Herz ist ihr Boss. Der Mogul über zwei Millionen Bände, auf 4.300 Quadratmetern über drei Etagen, von einem Jahresumsatz über umgerechnet rund 80 Millionen Euro und der Diener von täglich 1.500 Kunden. Die Livraria Cultura ist mehr als ein Bücherpalast – sie ist der kulturelle Nabel der brasilianischen 20‐Millionen‐Metropole. Man geht dorthin, um zu schauen, zu hören, zu genießen, ein Theaterstück zu sehen, einen Espresso zu trinken, einer Lesung zu folgen – und auch, um ein Buch zu kaufen. Seit 1965 ist das so. Seit Eva Herz, Pedros Mutter, eine Buchhandlung eröffnete.
Not macht erfinderisch. Eva Herz war mit ihrem Mann Kurt auf einem der letzten Dampfer 1938 aus Nazideutschland geflohen. Ihre Mischpoke saß in Berlin, die von Kurt in Krefeld, wo Kurt mit Textilien handelte. Der Anfang im tropischen Brasilien war für das junge Paar nicht leicht. Kurt fand wieder Arbeit im Textilhandel. Und Eva? Sie begann, alles zu verleihen, was sie finden konnte, wenn es nur lesbar war
– eine kommerzielle Leihbibliothek. „Es gibt ja genug Bücher, die lohnen sich zu lesen, aber nicht zu kaufen“, erinnert sich Pedro an einen Satz seiner Mutter, die vor sechs Jahren im Alter von 89 Jahren starb.
In Eva Herz’ kleinem Wohnhaus konnte man bald nur noch auf Trampelpfaden an den Bücherstapeln vorbeiwandeln. „Wir wuchsen praktisch zwischen den Buchdeckeln auf“, erinnert sich Pedro. „Was heute mit den Videokassetten oder DVDs in der Ausleihe läuft, das waren früher bei meiner Mutter die Bücher“. Die Wahlverwandtschaften von Goethe war das erste der Bücher, das hinausging, und nachdem es Tausende gewesen sein müssen, konnte Eva nicht weiter den Wunsch ihrer Kunden abschlagen, doch auch mal ein Buch zu verkaufen – als Geschenk beispielsweise.
Der Literaturmarkt in Brasilien ist nicht der gleiche wie in Europa. Hatte nicht schon Alexander von Humboldt beklagt, dass die Termiten alle Werke auffressen? Mag sein, dass jeder der 190 Millionen Brasilianer (rund 15 Prozent Analphabeten eingeschlossen) pro Jahr zwei Bücher kauft, aber das hat wenig zu sagen. Dazu zählen auch Schulbücher und Kalender. Die Gesamtauflage der rund 300 Verlage im Lande ist nicht bekannt; wenn ein belletristisches Werk mehr als 30.000 Leser findet, ist es schon ein Bestseller.
Gleichwohl expandiert der Büchermarkt, jedenfalls in den Metropolen. Literatursupermärkte, durchaus auch mit fremdem Kapital, machen sich breit. Die Fachbuchhandlung bleibt in der Nische, die Büchertempel ziehen in die Malls. Auch Pedro Herz konnte nicht auf ewig an der Avenida Paulista im Schatten der Bankentürme bleiben. Seine beiden Söhne, Sérgio, 36, und Fábio, 34, drangen auf eine Expansion über die Bücher hinaus zu den elektronischen Medien – und über São Paulo hinaus. Heute ist die „Livraria Cultura“ fünfmal in Brasilien vertreten, in Brasília, Recife, Porto Alegre und zweimal in São Paulo. Und das dürfte nicht das letzte Wort sein. Mal abgesehen vom Internet, das inzwischen zehn Prozent zum Umsatz beisteuert.
„Wir sind nun in der dritten Generation eines Familienunternehmens“, sinnt Pedro Herz, „mit der nächsten Generation müssen wir wahrscheinlich umstellen auf eine Kapitalgesellschaft mit professionellem Ma‐
nagement.“ Für Pedro wird sich wenig än‐
dern: Er hat seine Bücherecke, ganz oben im 32. Stock, 115 Meter über dem Lichtermeer von São Paulo, im Copan‐Gebäude, dem Klassiker des Stararchitekten Oscar Niemeyer aus den 60er‐Jahren.
Pedro Herz ist kein versponnener Bücherwurm und auch kein Technikfeind: Sein Hobby ist das Helikopterfliegen. Doch seine Berufung ist das Buch. Lesen und mit Büchern zu handeln, darin sieht Pedro keinen Widerspruch. „Wir gehören als Juden zu Volk der Bücher“, sagt er und blättert um.

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