Dennis Shulman

Der blinde Seher

von Tobias Kühn

Viele Rabbiner neigen dazu, sich aus der Politik herauszuhalten. Sie begründen dies mit ihrem Berufsethos, geistlicher Führer zu sein und für alle Parteien der Gemeinde ein offenes Ohr und einen guten Rat parat zu haben. Doch manchmal entflammt auch in einem von ihnen die Leidenschaft für die Politik, wie jüngst im US-Bundesstaat New Jersey. Dort kandidiert zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte ein Rabbiner für den Kongress: Dennis Shulman, 59.
Er tut es, wie er sagt, »als beunruhigter Bürger«, der einen »fundamentalen Wechsel in Washington« für dringend nötig hält. Der Kongress brauche nicht nur Berufspolitiker, sondern Menschen mit verschiedenen Lebenserfahrungen. Und die hat Shulman. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf, erblindete als Kind und arbeitete in einer Spielzeugfabrik, damit die Eltern ihre Rechnungen bezahlen konnten. Nach dem Psycholo- giestudium an der Brandeis University promovierte er in Harvard. Vor fünf Jahren erhielt Shulman die Smicha, kurz darauf erschien sein Buch Der Geist der Genesis. Ein Psychoanalytiker und Rabbiner untersucht das erste Buch der Bibel. Shulman ist Teilzeitrabbiner der Reformgemeinde Chavurah Beth Shalom in Alpine, New Jersey, und betreibt eine psychoanalytische Praxis.
Er, der Blinde, will Seher sein, Visionär: Er möchte dem Kongress die Augen öffnen beim Thema Irakkrieg und seiner Verbindung mit der stagnierenden Wirtschaft. So schreibt er auf seiner Website www.shulmanforcongress.com. Shulmans Kandidatur ist getrieben von der »Empörung darüber, in welche Richtung sich unser Land in den vergangenen siebeneinhalb Jahren bewegt hat, vor allem über den scheinbar endlosen Krieg im Irak«. Sein Konkurrent in New Jerseys fünftem Wahlkreisbezirk, der Republikaner Scott Garrett, sitzt bereits in der dritten Legislaturperiode im Repräsentantenhaus und ist bekannt als äußerst konservativer Politiker, besonders in sozialen und wirtschaftlichen Fragen. Er hat vor drei Jahren gegen die Hilfe für die Opfer des Hurrikans Katrina gestimmt und unlängst für die Unterstützung christlicher Missionare an der Air Force Academy.
Shulman ist verärgert darüber, dass Garrett einen Wahlbezirk vertritt, der jahrelang dafür bekannt war, gemäßigte Republikaner zu wählen. Er hofft, dass es ihm gelingt, eine Koalition aus Demokraten, Unabhängigen und gemäßigten Republikanern zu schmieden, um Garrett das Mandat zu entziehen.
Shulmans Wahlkampagne steht auf drei Säulen: der Ablehnung der aktuellen Irakpolitik, der Wirtschaft und dem Gesundheitswesen. Häufig betont er den Zusammenhang zwischen den beiden ersten: »Für den Krieg zahlen nicht wir heute, sondern unsere Kinder und Enkel.«
In Wahlwetten werden Shulman durchaus Chancen ausgerechnet, am 4. November zu gewinnen. Das Wahlkampfkomitee der Demokraten führt den Rabbiner seit einigen Wochen in seiner Liste der 20 »emerging races«, der Kandidaten, deren Kampagnen in ihren Wahlbezirken Aufsehen erregen.
Wenn sich Shulmans Wahlkampf weiter so gut entwickelt, kann er sich demnächst für das sogenannte Red to Blue Program qualifizieren, das Förderern »neue aussichtsreiche Kandidaten« vorstellt, in deren Wahlkampagnen es lohnt, viel Geld zu investieren. Auftrieb gab Shulman kürzlich auch der frühere General Wesley Clark. Er sagte, der Kongress brauche Menschen, die keine Nullachtfünfzehn-Politkarriere haben. Auf Dennis Shulman trifft dies zu.

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