Georg Stefan Troller

Der Augenmensch

von Stefan Robiné

Glück gehabt. Er ist am Telefon und bester Laune. „Gerade hat mein Produzent angerufen und fest zugesagt, daß wir nächstes Jahr einen Film drehen. Über Wien, für den WDR.“ Das unausgesprochene „Na, endlich“ schwingt von Paris bis hierhin mit. Vor vier Wochen, als ich ihn zuletzt in Berlin gesehen habe, blitzten die Augen hinter der Brille schon beim Erwähnen der Möglichkeit, daß wieder ein Film ansteht. „Einen Film drehen“, das klingt bei Troller wie Bluttransfusion, Sex und Freundschaft zusammen – jedenfalls etwas Lebenswichtiges. Immerhin war er drei Jahre auf Entzug. 2004 lief in der ARD seine letzte Reportage Tage und Nächte in Paris.
Paris ist seit mehr als 50 Jahren Trollers Heimat. Hier lebt er mit seiner zweiten Ehefrau Kirsten. Seine beiden erwachsenen Töchter Fen und Tonka arbeiten hier für das französische Fernsehen. Das legendäre Café Flore in St. Germain des Prés ist sein Stammlokal. Bei den Bouquinisten am Seineufer stöbert er nach antiquarischen Raritäten. Eine auf einem Pariser Flohmarkt entdeckte Erstausgabe des Götz von Berlichingen und ein TV‐Beitrag darüber hat ihm einst das Geheimnis des Erfolges im Fernsehen klargemacht: „Wenn Du deine eigene Begeisterung vermitteln kannst, dann bist du im Geschäft.“
Wenn Georg Stefan Troller kommendes Jahr in Wien für den WDR dreht, kehrt der 85jährige an seine Anfänge zurück. In der österreichischen Hauptstadt kam er am 10. Dezember 1921 zur Welt. 1938, als 17jähriger, floh der Jude Troller nach dem Einmarsch der Nazis quer durch Europa, kam 1941 in die USA und kehrte 1943 als GI zurück nach Europa. Nach Kriegsende studierte er Theaterwissenschaften in Los Angeles. Mit der Ausbildung hätte er als Dramaturg in Hollywood enden können. Aber Hollywood brauchte keine Dramaturgen, und Troller brauchte Europa: „Ich hatte damals dieses irre Verlangen nach Europa, seiner Kultur, seiner Geschichte. Aber ich hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.“
Mit einem Fulbright‐Stipendium ging er 1949 an die Sorbonne nach Paris. Dort begann seine journalistische Karriere. Erst als freier Radioreporter für RIAS Berlin, Voice of America und andere. Als er 1962 von einem Tag zum anderen als Ersatz für einen ausgefallenen Kollegen die Reportagesendung Pariser Journal des WDR übernahm, war er 40 Jahre alt und besaß keinen Fernseher. Neun Jahre später waren Sendung und Autor eine Marke: „Ich war ein Spätentwickler.“ Der Lebensrhythmus damals: Für 45 Minuten Pariser Journal „je eine Woche Dreh, eine Woche Schnitt, eine Woche Vorbereitung, eine Woche freuen.“ Lebensweisheit für die Nachgeborenen heute: „Früher oder später kommt das Richtige. Man muß nicht von Anfang an alles wissen.“
Georg Stefan Troller trägt seit Jahrzehnten immer einen Schal. Eines seiner Markenzeichen. Vor drei, vier Jahren kam ein Pferdeschwänzchen hinzu. Früher rauchte er. Seit seiner Reportage James Randi – der Hexer und die Scharlatane 1988 nicht mehr. Randi ist Entfesselungskünstler, nebenbei hat Troller von ihm die Raucherentwöhnung gelernt. „Immer etwas in der Hand haben“, heißt die Erfolgsformel. Jetzt trägt Troller ein silbernes Ding am Mittelfinger der linken Hand, das aussieht wie das Ellbogengelenk einer Ritterrüstung. Er spielt damit, wenn er nervös ist. Das ist häufig. Geduld gehört nicht zu seinen größten Talenten.
Auch in diesen Tagen ist Georg Stefan Troller immer in Bewegung. Sonntag Lesung in München, Montag Podiumsdiskussion in der Akademie der Künste in Berlin. Von einer Talkshow zum nächsten Radiointerview, von einer Lesung zur anderen. Zehn Städte in zehn Tagen. Muß sein. Sein neues Buch läuft gut. Ihr Unvergeßlichen. 22 starke Begegnungen heißt es und ist schon in der dritten Auflage. Troller erzählt dort von den Menschen, die er für seine ZDF‐Sendereihe Personenbe‐ schreibungen kennengelernt und interviewt hat. 21 Jahre lief die Sendung, von 1971 bis Troller 1993 von sich aus kündigte, 72jährig. Eine Ausnahmeregelung für den Ausnahmeautor, den Erfinder des „Troller‐Spiels“, der Nähe im Fernsehen herstellte mit dem liebenden, einfühlsamen Blick des Gefährten und dem gnadenlos enthüllenden eines Psychoanalytikers zugleich. Seine umfassende Bildung, die Fähigkeit zur ironisch‐kritischen Selbstreflektion, sein wirkliches Interesse statt bloßer Neugier an Menschen machten und machen ihn zum Ausnhamejournalisten. Schonungslos subjektiv sagte er einem Millionenpublikum, was er hinter dem von der Kamera gezeigten Bild gesehen und gespürt hatte. Die Fragen nach dem wann, wo und wie mögen andere stellen. Trollers Spezialfach ist das Unsichtbare, Intime. Er fragte Laureen Hutton, ob sie Frauen liebt und Charles Bukowski, ob er nur besoffen schreiben könne. „Ich habe immer etwas gebraucht, was ich von anderen wissen wollte. Ich selbst bin eher schüchtern. Aber als Autor darf, ja muß ich alles fragen.“
Grimme‐Preise, Bucherfolge, Frauen, Könige, Präsidenten, Mörder und andere Normalos. Amerika, Asien, Südsee. Alles erreicht. Alles gesehen. Alles überlebt. Einzige Schwäche derzeit: die Augen. Kein Wunder, wie er sie beansprucht. Er liest ständig. Er sieht ständig Neues. In einer Goya‐Ausstellung hat er „tolle Einstellungen“ entdeckt, hier einen Drehort, dort ein Fotomotiv. „Er ist ein absoluter Augenmensch“, sagt Elfi Kreiter, die ihn seit Ende Juni 1973 kennt. Sie war die Schnittmeisterin für fast alle „Personenbeschreibungen“, hat mit Troller und seinem Kameramann Carl Franz Hutterer Fernseh‐ geschichte(n) geschrieben.
Er selbst betrachtet sich nicht als Geschichte. Troller lebt voll in der Gegenwart. Der Film in Wien muß vorbereitet werden. Das nächste Buchprojekt ist so gut wie fertig. Lebensgeschichten erscheint im März 2007. Hat er mit seinen bald 85 Jahren keine Konditionsprobleme?. „Nur, wenn der Aufzug zu meiner Wohnung im siebten Stock ausfällt. Mein Bruder ist zweieinhalb Jahre älter, hat gerade eine neue Freundin und besteigt noch Berge. Mein Vater ist 91 Jahre alt geworden. Das sind die Troller‐Gene.“ In der Tat: Er wirkt nicht alt. Und seine Fernsehfeatures sind nie altmodisch. Denn Trollers Thema, die conditio humana, ist zeitlos aktuell.
An diesem Wochenende feiert Georg Stefan Troller in Paris seinen Geburtstag, im privaten Kreis, mit engen Freunden und wie jedes Jahr mit einem koscheren Buffet von Goldenbergs, dem legendären jiddischen Restaurant im Marais. Bis 120 fehlen ihm dann nur noch 35 Jahre.

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