Christine Becker

Das Rätsel

von André Glasmacher

Sein Schreibtisch wirkt, als ob er ihn gerade erst verlassen hätte und gleich wiederkehrte. Links stehen gerahmte Familienporträts und eine Kinderzeichnung, dazwischen antike Messinggewichte, rechts türmen sich beschriebene Schreibmaschinenseiten. Weitere Blätter liegen verstreut auf der Deckplatte des Tisches, die mit geschnitzten Eichen‐ und Kastanienblättern verziert ist – Eiche altdeutsch.
„Der Schreibtisch ist ein eher hässliches Ding“, sagt Christine Becker mit einem breiten, warmen Lächeln. Jugendlich wirkt die 47‐Jährige, die vor zehn Jahren ihren Mann verlor. „Jurek hat das selbst gesagt, aber der Tisch stammte vom Vater.“ Der Schreibtisch steht in einem großzügigen Dachgeschoss, im einstigen Arbeitszimmer des Schriftstellers. Warme Holztöne dominieren, viel Licht fällt durch die schrägen Fenster. Der Blick geht über die roten Ziegeldächer von Berlin‐Steglitz. Eine Kastanie breitet ihre Zweige vor dem Fenster aus. An den Wänden: Bücher, Bücher, Bücher. Sieben Reihen hoch, ordentlich sortiert. Proust, Kafka, Poe und Der Butt von Günter Grass. Etwas versteckt, in der hintersten Ecke, ist ein Fach mit einer kleinen jüdischen Bibliothek belegt. Kaum 40 Bände sind es. Ein jiddisches Wörterbuch, die Sagen der Juden, die Chronik des Ghettos von Lodz und Auschwitz‐Zeugen sagen aus.
Jurek Becker und das Judentum – das Verhältnis sei ihm wohl selbst ein Rätsel gewesen, meint Christine Becker. Sie sitzt auf dem Lehnstuhl, während der Fotograf Bilder von ihr macht: mal ernst, mal lächelnd, in schwarzem Rollkragenpullover und ausgeblichenen Jeans. Im letzten Interview vor seinem Tod antworte Jurek Becker auf die Frage nach seinem Judentum: „Ich würde mit Ihnen zunächst über die Frage streiten, ob ich Jude bin oder nicht. Ich bin mir bewusst, dass das, was Sie Judesein nennen, also die jüdische Kultur, in hunderterlei Beziehung für mich eine Rolle gespielt hat.“
1937 wird Jurek Becker im polnischen Lodz geboren. Von 700.000 Einwohnern waren mehr als ein Drittel Juden. Der Vater, Mieczyslaw Becker, arbeitet als Prokurist und ist sogenannter Dreitagejude: An den beiden Tagen von Rosch Haschana und eine Woche später, zu Jom Kippur, geht er in die Synagoge. Ansonsten gilt, was er in den 60er‐Jahren zu seinem Sohn gesagt hat: „Wenn es keinen Antisemitismus geben würde, denkst du, ich hätte mich auch nur eine Sekunde lang als Jude gefühlt?“
Im September 1939 fallen deutsche Soldaten und die SS in Polen ein. Schon im November 1939 werden die Lodzscher Juden im Ghetto zusammengepfercht. Dort muss der kleine Jurek Zigaretten stopfen, wird nach der „Liquidation“ des Ghettos ins KZ Ravensbrück deportiert. Die Mutter stirbt 1945 im Lager, Vater und Sohn überleben die Schoa. Beide gehören zur „She’rit Hapleyta“, zu den rund 200.000 geretteten Juden Mitteleuropas.
Vater und Sohn lassen sich in Ostberlin nieder. Der Vater glaubt, dass in dem Land, in dem der Antisemitismus die schrecklichste Form angenommen hatte, dieser auch am gründlichsten beseitigt werden würde. Und die Sprache dieses Landes lernt Jurek Becker erst jetzt, im Alter von acht Jahren. Später, nach Abitur, NVA‐Zeit und kurzem Philosophiestudium, wird er in dieser Sprache Filmdrehbücher und Bücher schreiben. Seine Themen sind das jüdische Leben nach der Schoa und das Leben im real existierenden Sozialismus. Dass den DDR‐Oberen diese Beschäftigung wenig gefiel, belegen Beckers umfangreiche Stasi‐Akten.
Eines seiner Bücher, Jakob der Lügner (1969), die Geschichte des Juden Jakob, der im Ghetto zum Lügner wurde, um den anderen Hoffnung zu geben, wurde in 20 Sprachen übersetzt. In einer Ecke des einstigen Arbeitszimmers stehen die verschiedenen Ausgaben, über einem Fach mit alten Spielzeugautos, die Jurek Becker in den 80er‐Jahren sammelte. Dokumente einer Suche nach der Kindheit, die er nie hatte? Der „Jakob“ findet jedenfalls bis heute sein Publikum. Dieses Jahr seien schon etwa 10.000 Exemplare über die Ladentheke gegangen, sagt Christine Becker. „Das ist auch das Buch, das noch in 60 Jahren gelesen wird.“ Da ist sie sich ganz sicher. Ein deutscher Klassiker ist Jakob der Lügner schon jetzt.
Christine Becker kommt gerade aus New York. Ein Freund hat ihr eine Wohnung überlassen, sie wohnt auf der gutbürgerlichen Upper West Side und bereitet dort einen Sammelband mit Beckers Aufsätzen vor. Erscheinen soll das Buch im September. Dann, wenn der Schriftsteller 70 Jahre alt geworden wäre.
2007 ist Jurek‐Becker‐Jahr. Einmal der zehnte Todestag, dann der 70. Geburtstag. „Wir haben lange überlegt, was wir groß feiern sollen“, erzählt Christine Becker. Natürlich habe man sich für den Geburtstag entschieden. „Ist einfach ein schönerer Anlass.“ Jurek Becker starb 59‐jährig am 14. März 1997 in seinem Landhaus im schleswig‐holsteinischen Sieseby. 18 Monate zuvor war bei ihm ein fortgeschrittener Darmkrebs diagnostiziert worden. Die Lebenserwartung betrug ein Jahr – statistisch. Was Jurek Becker aber nicht sonderlich interessierte. „Er hat gesagt, dass er nicht an Statistiken glaubt. Er hat immerhin etwas überlebt, was statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich war: das KZ.“
Jurek Becker lässt sich operieren, unterzieht sich der Chemotherapie und arbeitet weiter stoisch jeden Tag von 9 bis 17 Uhr. Er beklagt sich nicht über die Folgeschäden der Therapie wie Übelkeit, sondern macht sich Gedanken über seinen nächsten Roman. Arbeitstitel: „Der Bücherdieb.“ Zu Christine Becker sagt er: „Weißt du, wenn ich sage, ich wollte noch so viel machen, wäre das eine Lüge. Wer sagt, dass es besser ist, mit 70 zu sterben als mit 60? Ich habe alles erreicht, was ich wollte.“
Anfang März 1997 fahren sie dann nach Sieseby. Hier wird er zwei Wochen später morgens nicht mehr aufwachen. „Er hat nicht sehr gelitten, das war alles ganz friedlich“, erinnert sich Christine Becker. Ihre Stimme verrät den Kloß im Hals. Auf dem dortigen evangelischen Friedhof liegt er begraben. Noch zu Lebzeiten hatte Christine Becker Weißensee ins Gespräch gebracht, wo der 1972 gestorbene Vater begraben ist. „Aber das wollte er nicht, er wollte am Wasser begraben liegen.“
Von dem Haus hat sie sich dann schweren Herzens getrennt. Aber jedes Jahr, am Todestag, fährt sie mit der Familie und Freunden wieder nach Sieseby. Dann erzählt sie Jurek, was sie das Jahr über gemacht hat und wie sich der heute 16‐jährige Sohn Jonathan entwickelt hat. „Der sagt immer, ich würde monologisieren.“ Ein Schmunzeln huscht über ihr Gesicht. Dieses Jahr musste Christine Becker allerdings in New York bleiben. Am 14. März ist sie dann abends auf das Dach des Wolkenkratzers gegangen, Manhattan zu Füßen, den Blick auf das Lichtermeer und berichtete ihrem Mann über das „Jahr“.
Wenn Christine Becker jetzt teilweise in New York lebt, dann liegt das an ihrem Sohn. Der hat sie vor einem halben Jahr vor vollendete Tatsachen gestellt. Er wolle von zu Hause ausziehen und nach England auf ein College gehen, hat er ihr freundlich, aber bestimmt mitgeteilt. Jetzt studiert er tatsächlich auf einem College im südenglischen Cornwall. Sie wollte nicht alleine in Berlin zurückbleiben, sondern auch irgendwohin aufbrechen. Da traf es sich gut, dass sie gerade ein neues Projekt begonnen hatte – die Edition der Aufsätze. Zuvor hatte sie in langwieriger Fleißarbeit versucht, sämtliche Briefe, die Jurek Becker geschrieben hatte, ausfindig zu machen und in einem Sammelband zu edieren.
Zwei Jahre lang hat sie Hunderte von Menschen angeschrieben, mancher Empfänger war verzogen oder verstorben. Bei der Arbeit sei ihr vor allem klar geworden, was es bedeute, ein gefeierter Schriftsteller zu sein. „Ab Mitte der 80er‐Jahre wurde Jurek zum Gehetzten. Ständig wollten Leute etwas von ihm.“ Und der machte es sich zur Regel, jeden Brief zu beantworten.
2004 kamen die Briefe unter dem Titel Ihr Unvergleichlichen im Suhrkamp Verlag heraus. Und Christine Becker ging auf eine Lesereise quer durch Deutschland, las mit großem Erfolg aus den Briefen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb damals, Jurek Becker zeige sich als ein mit großem Humor gesegneter Briefeschreiber, mal schamhaft, mal liebenswürdig, mal Rabauke und immer hellwach. Auf einer anderen Lesereise, es war 1983, hat Christine Becker Jurek kennengelernt. Der war seit 1977 geschieden. Die beiden Söhne aus der ersten Ehe mit Rieke Becker sind heute auch schon über dreißig. Nikolaus, der älteste, ist Fotograf. Der jüngere, Leonard, hat eine eigene Firma, die Internetseiten gestaltet.
Christine Becker, gebürtige Tübingerin, ging damals in Frankfurt auf eine Verlagsbuchhandelsschule. Eigentlich besuchte sie nie Lesungen, doch ein Dozent empfahl ihr dringend den Autor. Also ging sie hin. Sie nahm sich vor, dass sie, sobald der ihr unbekannte Schriftsteller etwas Unsinniges sagen würde, gehen würde. Da saß sie dann in der hintersten Reihe, im beigefarbenen Trenchcoat, die Handtasche griffbereit, „auf dem Sprung.“ Jurek Becker kam aufs Podium, zog das Jackett aus und krempelte sich die Ärmel hoch. Das fand sie einerseits merkwürdig, andererseits gefiel ihr das. „Das war so untypisch für einen Schriftsteller.“ Weniger gefiel ihr die Art und Weise, wie er aus einem seiner Romane vorlas. „Monoton, kurz gesagt, stinklangweilig.“
Dennoch blieb sie. Vor allem, als ihr bewusst wurde, dass Jurek absichtlich so monoton las. „Er wollte lieber mit seinem Publikum diskutieren und deshalb die Lesung von der Diskussion klar trennen.“ Nach der Veranstaltung stürzte Becker dann auf sie zu und fragte, wie es ihr gefallen hätte. Er hatte sie gleich bemerkt. Seit diesem Abend waren sie zusammen.
1984 fuhr Jurek Becker mit ihr erstmals nach Israel. Christine Becker holt ein grosses, in weißes Kunstleder eingebundenes Fotoalbum hervor und blättert. Die Fotos sind verblichen, meistens ist sie darauf zu sehen. Nur auf zwei Bildern findet man Jurek Becker. Das eine zeigt ihn an einer Telefonzelle, das andere am Toten Meer, den Wind in den noch immer vollen Haaren, mit leicht melancholischem Becker‐Blick.
Jurek Becker sei mit einer sehr kritischen Einstellung nach Israel gefahren, sagt sie. 1978 hatte er in einem Aufsatz davon gesprochen, dass sich im Nahen Osten Juden als Herrenmenschen aufführen würden. Den Satz ließ er allerdings wieder streichen, als ihm israelische Überlebende der Schoa mitteilten, dass sie das ins Mark treffe. In Israel fällt ihm dann besonders negativ auf, dass die Straßenschilder dreisprachig sind. Was ihn hier aber vor allem stört, ist die Reihenfolge: erst Hebräisch, dann Englisch und schließlich Arabisch. Andererseits imponiert ihm, wie die Siedler die Wüste erobern, wie sie unter vielen Qualen der Ödnis etwas abgewinnen.
Für die Synagogen oder die orthodoxen Juden Israels hat er sich damals nicht interessiert. „Jurek war ja sein ganzes Leben lang nur einmal in einer Synagoge. Und außerdem erklärter Atheist“, erzählt Christine Becker. Deshalb hätte er auch entschieden jeglichen Versuch zurückgewiesen, ihn mittels jüdischem Religionsgesetz zum Juden wider Willen zu deklarieren.
War denn überhaupt etwas jüdisch an Jurek Becker? Vielleicht, sagt Christine Becker, seine Art, mit Menschen umzugehen. „Zum Beispiel hat er mit seinem Sohn immer wie mit einem Erwachsenen gesprochen.“ Und dann war da sein schwarzer Humor, das Frotzeln mit Freunden. Und die Selbstironie. All das fehlt ihr.

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