kulturwissenschaft

Das pralle Leben

Die zahlreichen Teilnehmer aus aller Welt flanierten mit ihren Kongresstäschchen – geziert mit dem Slogan »My Heritage« – zwischen Palmen und Rhododendren über den sommerlichen Universitätscampus. Die Hebräische Universität Jerusalem war vom 2. bis 6. August Gastgeber des 15. »World Congress of Jewish Studies«. Dessen erschlagende Themenvielfalt repräsentierte das gesamte Spektrum Jüdischer Studien und reichte von der Ikonografie hebräischer Handschriften bis zur Situation von Witwen in der modernen israelischen Gesellschaft. An dem fünftägigen Veranstaltungsmarathon nahmen Nachwuchswissenschaftler ebenso teil wie Koryphäen, darunter die Historiker David Biale und Anita Shapira und der Religionsgeschichtler Daniel Boyarin.
Obgleich die Zahl der deutschen Forscher überschaubar schien – das Programm listete 53 Redner aus Deutschland, 14 aus Österreich und drei aus der Schweiz –, zeigten sie, wie weit sich das Feld jüdischer Studien auch im deutschsprachigen Raum differenziert hat. Die Vorträge spannten einen Bogen von der Rolle der Frau in der Frühneuzeit (Birgit A. Klein, Heidelberg) bis zur Restitution jüdischer Kulturgüter nach dem Holocaust (Elisabeth Gallas, Leipzig).
Sehr engagiert stellten Martha Keil und ihre Mitarbeiter das kleine Institut für Jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten vor. Die Direktorin gab Einblick in die nunmehr über 20‐jährige Geschichte des Instituts, an dessen später Gründung sich Österreichs zögerliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte während des Nationalsozialismus zeige. Das Institut ist in einer renovierten Synagoge beheimatet: Die Zweckentfremdung sei sprechend, so Keil: Jüdisches Gemeindeleben habe in St. Pölten nach 1945 nicht mehr existiert. Ein Antrieb für das Institut, jüdische Geschichte in Niederösterreich zu dokumentieren.

kanon‐fragen Eine ganze Sektion des Kongresses diente Archiven, Bibliotheken und Forschungsinstitutionen als Plattform, ihre jeweiligen »Großprojekte« der Quellenedition und Digitalisierung, Anthologien und Enzyklopädien vorzustellen. Es zeichneten sich Grundsatzfragen ab, die Literatur‐, Kulturwissenschaftler und Historiker in den Jüdischen Studien betreffen: Was wird ausgewählt, wie kanonisiert? Welche Kategorien werden konstruiert, um Wissen zu ordnen (und »vorzuinterpretieren«)? Wer wählt und kategorisiert?
David Hundert, Herausgeber der 2008 erschienenen, sechs Kilo schweren YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, rückte das Problem des Kanons ins Zentrum seines Vortrags. Die Präsentation der ausgezeichneten Enzyklopädie geriet zum intelligenten Entertainment. Die Kritik an dem Projekt wurde mit einem Beitrag Mo‐she Rosmans kokett in die Präsentation integriert. Rosman nahm den Titel »Encyclopedia of Jews« auseinander: Warum nicht »Encyclopedia of the Jews«? Warum so viel »postmoderne Empfindlichkeit«, warum bei Schritt und Tritt die Angst, zu »essentialisieren« oder die »political correctness« zu verletzen? So scharf Rosmans Ausführungen waren, sie bescheinigten YIVO Umsicht und kamen so einer Laudatio gleich.
stiftungsgeld Auch die Herausgeber der Posen Library stellten sich den Fragen nach dem Kanon. Initiiert von der Schweizer Posen Foundation, die sich der Förderung aller Facetten säkularer jüdischer Kultur verschrieben hat, werden bis 2013 in der Yale University Press die elf Bände einer Anthologie erscheinen, in der die »jüdische Kultur und Zivilisation« von der biblischen Zeit bis ins 21. Jahrhundert doku‐ mentiert wird. Das Projekt verspricht so viele Quellen zur jüdischen Geschichte zusammenzutragen und überhaupt erst zugänglich zu machen, dass die Fachwelt das Erscheinen des ersten Bandes kaum abwarten mag. Doch gleichzeitig wirft das Projekt Fragen zum Verhältnis von Forschung, Finanzierung und Agenda auf. Welches Bild jüdischen Lebens und Denkens wird die Anthologie »überblickslosen« Lesern vermitteln? Mitherausgeber David Roskies wendete das vermeintliche Laster »Tendenz« mit Hinweis auf die Bedeutung der Anthologie als »literarisches Genre« in eine Stärke des Projekts um. Ziel der Posen Library sei für ihn, »Polyphonie zu dokumentieren« – wohl eine heute mehrheitsfähige Agenda, der sich auch die Herausgeber der YIVO Encyclopedia verschrieben hatten.
Die Posen Library zeigt auch, wie sehr die Forschung auf private Fördergelder und das Engagement von Stiftungen angewiesen ist: Die Posen Foundation war einer der Sponsoren des Kongresses, fördert Publikationen und Forschung in Israel und den USA, vergibt Stipendien, finanziert Kurse an Schulen. Ein wichtiges Engagement, das die Stiftung nicht zuletzt durch den Titel Posen Library für ihre Anthologie klar herausstellt und transparent macht.

religion und säkularismus Inhaltlich drängte sich am Beispiel der Posen Foundation die Frage auf: Wie ist mit der Spannung von Religion und Säkularität im Feld der Jüdischen Studien umzugehen? Der Kongress machte exakt dies zum Thema der Sonderveranstaltung »Jüdische Studien heute: Säkularisierung und Religion, Kritik und Identität« und berührte das Thema in vielen Vorträgen. Lag das nun in der Luft oder platzierte die Posen Foundation einfach erfolgreich ein Thema, das die mit ihr kooperierenden Forscher David Biale, Menachem Brinker, Ariela Keysar und andere überzeugend kommunizierten? Im glücklichsten Fall kam in Jerusalem beides zusammen. Das deutete sich zumindest in den vielen zufriedenen Gesichtern der Kongressteilnehmer an.

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